Uwe Tellkamp – „Der Turm“ 4


Autor Uwe Tellkamp

"Der Turm" ist eine Herausforderung. Aber es lohnt sich, sie anzunehmen.

„Der Turm“ ist eine Herausforderung. Aber es lohnt sich, sie anzunehmen.

Titel Der Turm
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung

Mein Interesse an diesem Buch begann Spätsommer 2008. Der Suhrkamp-Verlag stellte sein Herbstprogramm vor und pries darin das Werk von Uwe Tellkamp als „den großen Wenderoman der jüngeren Generation“ an, der Zeitgeschichte mit virtuoser Literatur verbindet, quasi eine Art moderner Zauberberg. Dem musste ich natürlich unbedingt nachgehen, und der Verlag schickte mir freundlicherweise auch prompt ein Rezensionsexemplar.

Gelesen habe ich den Turm allerdings erst anderthalb Jahre später im Urlaub auf Teneriffa, auf der Flucht vor einem sibirischen Winter hierzulande. Nun hat es fast noch einmal ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich hinsetze und meine Eindrücke aufschreibe, an einem leidlich sonnigen Sommerabend.

Ich habe den Turm also gleich mehrfach vor mir hergeschoben, und das scheint mir bei eingehender Betrachtung gar kein so überraschendes Phänomen zu sein. Neben der allgemeinen Zeitknappheit und der Skepsis gegenüber dem Ausmaß der Lobhudelei, der Uwe Tellkamp unter anderem den Deutschen Buchpreis, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und bisher knapp eine halbe Million verkaufter Exemplare einbrachte, kam sicherlich auch die Überdosis DDR dazu. Der sah sich im Jubiläumsjahr 2009 hierzulande quasi jeder vom Zeit-Abonnent bis zum Oliver-Geissen-Fan zwangsläufig ausgesetzt – und das machte auch mir nicht eben Lust auf eine halbautobiographische Dresdner Familiengeschichte aus den letzten Jahren des Kalten Kriegs.

Aber, ehrlich gesagt, gab es noch etwas anderes, was zwischen mir und dem Turm stand: Misstrauen. War Der Turm wirklich ein Buch, in das es sich lohnte, ein paar Tage seines Lebens zu investieren? Darunter geht es wirklich nicht bei 973 Seiten, hunderten Figuren, einer hochkomplexen Collage-Form und einem Einstieg, der so sperrig ist, dass es durchaus mehrere Anläufe brauchen kann, bis man sich wirklich Zugang zum Turm verschaffen kann. Gab es tatsächlich noch so etwas wie moderne Meisterwerke in der deutschen Literatur?

Die Antwort lautet: ja. Meisterhaft wird im Turm das Siechtum der DDR dargestellt – ohne Verklärung, ohne Identifikation, gar ohne Anklage. Gerade durch die drei Protagonisten, die in jeweils eigenen (und für den real existierenden Sozialismus durchaus prototypischen) Mikrokosmen leben, kann Tellkamp die Komplexität der Zwänge, die Widrigkeiten des Alltags und die Perfidie der Überwachung auf selten authentische Weise deutlich machen. Da ist der Abiturient Christian, sein Vater Richard, ein Oberarzt mit außerehelichem Doppelleben, und sein Onkel Meno, Lektor, Biologe und Hohepriester des Geistes.

Wie der Versuch der verschiedenen Familienmitglieder, sich in Kunst und Bildung zu fliehen, zwangsläufig ebenfalls immer ins System integriert werden muss, von ihm beschränkt wird und es zugleich aufbricht, das wird von Uwe Tellkamp virtuos, aber doch niemals selbstverliebt erzählt, mit vielen Verweisen und Anspielungen von Hermann Hesse über Alfred Döblin bis hin zu Goethe, Wissensdurst und der Hunger nach Freiheit (in diesem Fall nicht so sehr des Geistes, sondern eher Rede- und Reisefreiheit) haben hier fast erotische, triebhafte Kraft.

Es ist eine Rebellion des Geistes, die jedoch zwangsläufig keine empirische Basis haben kann, sondern sich in Vergangenheit („die süße Krankheit gestern“) und Zukunft, Theorie und Philosophie fliehen muss.

Tellkamps Roman wurde oft wegen dieses Hohelieds auf den Intellekt gefeiert. Doch der Autor macht auch deutlich, dass sich seine Figuren ihre Höhenflüge nur erlauben können, weil das verhasste System für sie sorgt – und weil sie sich selbst immer wieder mit ihm arrangieren. Sie verachten die verlogenen Parteibonzen ebensosehr wie das glorifzierte Proletariat, doch Erstere erlauben ihnen überhaupt erst so etwas wie einen Rest von gesellschaftlichen Umgang im Sinne der Zeit vor dem Dritten Reich (die hier in ganz vielen Aspekten die Maßstäbe setzt), letztere sind bei profanen Dingen wie Weihnachtsbäumen oder Autoreparaturen ebenso unerlässlich.

Insofern ist es so etwas wie eine intellektuelle Bourgeoisie des Sozialismus, die da im Turmstraßenviertel lebt, quasi in einem Elfenbein-Turm des Wissens. Und Tellkamp nimmt diese Clique durchaus kritisch in den Blick, vor allem durch die immer wieder eingestreuten traumhaft-surrealistischen Kapitel, die manchmal jedem politischen, zeitlichen und gar geographischen Zusammenhang entrissen scheinen – und somit auch den Vorwurf in sich tragen, ein System zu tolerieren und mitzutragen, gegen das eigentlich die Tat gefordert wäre.

Auch die vielfachen Auslassungen deuten in diese Richtung. Wenn es wirklich brenzlig wird, wie bei Richards Affäre mit der Freundin seines Sohnes oder dem offensichtlichen Versuch der Stasi, den Oberarzt zu rekrutieren, dann blendet die Erzählung aus. Dieses Wegschauen, Weghören, Wegducken des Erzählers ist auch den Protagonisten im Turm immer wieder zu eigen.

Zum Schluss schließen sie sich alle dennoch mehr oder weniger offen der gerade beginnenden Friedlichen Revolution an – wohl wissend, dass sie ihnen vielleicht die Freiheit bringen, aber auch ihr Milieu zerstören wird. Insofern hat die Zeit völlig recht, wenn sie in Der Turm einen „großangelegten Selbstvergewisserungsversuch“ sieht. Denn nicht zuletzt Tellkamp selbst sieht in seinem Schreiben den „Versuch, Heimat zurückzugewinnen“. Mit Der Turm ist ihm das gelungen, was seinen Figuren vergeblich vorschwebte: eine Zuflucht in der Literatur, ein zeitloses Monument.


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