Durchgelesen: Vicki Baum – „Zwischenfall in Lohwinckel“


Die Statik der Provinz beleuchtet Vicki Baum in "Zwischenfall in Lohwinckel".

Die Statik der Provinz beleuchtet Vicki Baum in „Zwischenfall in Lohwinckel“.

Autor Vicki Baum
Titel Zwischenfall in Lohwinckel
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 1930
Bewertung ***

Verdammt unspektakulär klingt dieser Titel: Zwischenfall in Lohwinckel. Das trifft heute zu, wenn man Vicki Baum als Bestseller-Autorin der Weimarer Republik und Vorreiterin der Neuen Sachlichkeit kennt. Es muss aber auch schon 1930 gegolten haben, als der Roman erschien. Denn Zwischenfall in Lohwinckel war nicht nur eines der letzten Bücher, das Vicki Baum vor ihrer Emigration in die USA geschrieben hat. Es ist auch der Nachfolger von Menschen im Hotel, ihrem bekanntesten Roman.

Doch der Glamour und das Gewagte, das Menschen im Hotel ausgemacht hatte, ist hier zunächst vollkommen abwesend. Das erste Viertel des Romans macht tatsächlich seinem Titel alle Ehre. Vicki Baum schildert die Menschen in Lohwinckel, einem Provinzstädtchen, in dem Stillstand und Konformität regieren. „Sie hatte keine Sorgen und war gesund – was ihr unfein und zweitklassig vorkam. Sie besaß weder Talente noch Leidenschaft, sie erlebte nichts, weder außen noch innen“, beschreibt die Autorin an einer Stelle Frau Profet, die bessere Hälfte des örtlichen Fabrikanten, und es ist eine Charakterisierung, die auf viele Menschen in Lohwinckel zutrifft.

Ihre gekonnte Milieustudie ist durchaus lesenswert, und an vielen Stellen beweist Vicki Baum förmlich einen Röntgenblick für die kleinen Dinge. Richtig Schwung kommt in den Roman aber erst durch einen Autounfall, den vier Berliner in dem Städtchen haben. Der Chauffeur Fobianke kommt ums Leben, die Filmdiva Leore Lania wird verletzt, der Box-Champion Franz Albert kommt mit ein paar Schrammen davon und der Fabrikant Peter Karbon wird zur Behandlung im Hause des örtlichen Arztes einquartiert.

Der an sich banale Unfall sorgt dafür, dass die Berühmtheiten zunächst ihr Bild von der Provinz, dann das Bild von sich selbst hinterfragen müssen. Vor allem aber sorgt er für reichlich Trubel in Lohwinckel. Wo vorher alles nach starren Regeln und in festen Bahnen ablief, regieren schon bald „Auflösung, Fieber und Verworrenheit“. Die Farbrikarbeiter wollen mehr Geld, die Gymnasiasten rebellieren gegen den Schuldirektor und die Frau des Doktors fängt eine Affäre mit ihrem begüterten Patienten an.

Es sind kleine Verschiebungen, die aber umso stärker wirken und in der Summe eine umso stärkere Bedrohung heraufbeschwören, weil Vicki Baum zuvor so ausführlich das Statische in dieser Stadt beschrieben hat. Jede Abweichung von Pflicht und Norm hat hier das Potenzial zum Skandal, zur Katastrophe, zur Revolution, wie ein zentraler Moment der Liebelei zwischen dem reichen Gast aus Berlin und der Frau des Doktors zeigt: „Karbon ließ ihre zitternde Hand los und setzte sich in Bewegung; nach einer Weile schob er seinen Arm unter den ihren, es war für ihn eine selbstverständliche Geste. Für sie hieß es das Loslassen aller Zucht und Gesittung und das Abgleiten ins Uferlose.“

Das ist nicht nur spannend als Sittengemälde der Zeit, das Antisemitismus ebenso thematisiert wie Bigotterie oder Frauenrechte. Es ist zeitlos faszinierend als eine Geschichte über das Erwachen des Individuums aus dem bloßen Dasein im Sittlichen, hinein in ein echtes Leben.

Zumindest irritierend ist aus heutiger Sicht allerdings das Ende von Zwischenfall in Lohwinckel. Die unheilschwangere Atmosphäre löst sich praktisch in nichts auf, das Städtchen kehrt mit der Abreise der unfreiwilligen Gäste wieder in seinen alten Trott zurück. Dieses Happy End wirkt beinahe, als habe Vicki Baum nicht den Mut gehabt, sich zu einem echten Plädoyer gegen das Konservative aufzuraffen, oder als habe ein imaginärer Zensor die letzten Seiten angeklebt. Aber auch hier darf man den Titel des Romans wohl wörtlich nehmen: Die Erschütterungen in der Welt der Lohwinckler bleiben tatsächlich bloß eine Episode – eben ein Zwischenfall.

Bestes Zitat: „In diesem Augenblick erst begreift sie plötzlich, was geschehen ist. Dass sie auf einem unbekannten Friedhof steht, in einem fremden Winkel von Deutschland, dass ihr Mann gestorben ist, fort, so vollständig gestorben, dass er nie mehr da sein wird. Es zerbricht etwas in ihr, dumpf von innen her, wie eine Eisdecke über einem See zerbricht.“

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