Elen – „Blind über Rot“


Künstler Elen

Elen Blind über Rot Review Kritik

„Blind über Rot“ ist das zweite Album von Elen, das erste mit deutschen Texten.

Album Blind über Rot
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Es gibt ein paar Dinge, die ich über Elen weiß, die beste Voraussetzungen dafür liefern, dass ich sie nicht leiden kann. Da ist die penetrante Fernsehwerbung für diese Platte, die in den Bildern die Authentizität dieser Musikerin betonen soll und ihre „besondere Stimme“ herausstellt, was ein ziemlich schwaches Verkaufsargument ist. Da ist die Tatsache, dass die 30-Jährige lange als Straßenmusikerin in Berlin aktiv war, jetzt auf einem Bauernhof in Brandenburg lebt und das Booklet zu Blind über Rot mit einem Bibelzitat beginnt und mit einem Dank an Jesus beendet – all das weckt schlimmsten Hippie-Verdacht. Nicht zuletzt macht skeptisch, dass ihr erstes Album noch auf Englisch war, bevor sie für die EP Liegen ist Frieden und jetzt für dieses Album auf deutsche Texte umschwenkte. Da kann man natürlich Marketing-Kalkül vermuten.

Natürlich stecken auch etliche Widersprüche in dem Aufeinandertreffen von „Mit mir kann man Pferde stehlen“-Attitüde und Major-Label-Kampagne, in Flowerpower-Gesten und Rock-Attitüde, in Betonung der eigenen Autonomie voller Hingabe zur Musik und der Tatsache, dass hier diverse Co-Autoren am Werke waren wie Philip Krause, der meist auch für die Tasteninstrumente zuständig ist. Bei einigen Songs ist Christian Neander (Ex-Selig) an Gitarre und Bass zu hören, der teilweise auch produziert und mitkomponiert hat. Doch gerade diese Widersprüche sind es, die Blind über Rot ausmachen.

Liegen ist Frieden eröffnet das Album als Hymne auf das Nichtstun. Die Erkenntnis, dass schon der ganz normale Alltag so sagenhaft anstrengend sein kann, dass man lieber im Bett bleiben möchte, ist zwar etwas anbiedernd in seiner Nachvollziehbarkeit, immerhin wird dieses Thema aber mit einem erstaunlich kraftvollen Rhythmus umgesetzt. Auch das folgende Egal beseitigt noch nicht die Zweifel an Elens Qualitäten: Das Klavier ist etwas überdeutlich an Little Numbers von Boy angelehnt, auch die Erwähnung von „Titten“ im Text klingt nach einer arg gewollten Provokation.

Dann bekommt Blind über Rot aber sehr gut die Kurve. „Ich will wieder was spüren“, heißt die zentrale Zeile in Hallo, aber gemeint ist damit nicht Kick, Aufregung oder Nervenkitzel, sondern die Suche nach Halt und Orientierung, letztlich nichts anderes als die Sehnsucht nach einer kleinen, menschlichen Aufmerksamkeit. Luftschlösser erzählt von der Kindheit als Idyll und wird durchaus bewegend, der Titelsong zeigt, dass das Konzept „Diva“ auch ohne Exzentrik funktioniert.

Das etwas schwächere In Flammen leitet dann mit einem recht klassischen E-Gitarren-Arrangement zur deutlich rockigeren zweiten Hälfte der Platte über. 5 Meter Mauern wird sogar ein bisschen heavy, Die Nacht lebt von seiner guten Atmosphäre, Lass uns ja nicht drüber reden hat ebenfalls eine überraschende Härte und auch Aggressivität im Text, bewahrt aber ausreichend Sicherheitsabstand zu Klischees à la „Rockröhre“ und „Powerfrau“.

Andere Arcaden ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Texte von Elen nicht poetisch spektakulär sind, aber gut – auch, weil sie glaubwürdig sind. In Gut werden erzählt sie davon, dass das Erwachsenwerden nicht von alleine passiert, und stellt damit den Gedanken in den Raum, dass es vielleicht eine gute Sache ist, dass man diesen Prozess aktiv betreiben und lernen muss. Happy End beschließt die Platte mit ordentlich Wehmut und könnte fast eine Ballade von Wir sind Helden sein. Unterm Strich ist Blind über Rot durchaus gelungen, denn Elen zeigt in diesen zwölf Liedern, dass Massentauglichkeit und Charakter eben keine Widersprüche sein müssen.

Im Video zu Egal kann man ein paar schöne neue Figuren fürs Sitztanzen lernen.

Website von Elen.

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