Elena Ferrante – „Die Geschichte der getrennten Wege“


Autor Elena Ferrante

Die Geschichte der getrennten Wege Elena Ferrante Roman Kritik Rezension

„Die Geschichte der getrennten Wege“ ist Band 3 der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante.

Titel Die Geschichte der getrennten Wege
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Die Freundschaft ist eine Kunst der Distanz“, hat der deutsche Schriftsteller Sigmund Graff (1898-1979) einmal gesagt. Man muss vermuten, dass Elena Ferrante dieses Zitat nicht kennt, und dennoch ist ihre neapolitanische Saga der beste Beweis dafür. Die Geschichte der getrennten Wege, der dritte von vier Romanen in dieser gefeierten Reihe („Das erste italienische Werk seit langer, langer Zeit, das einen Nobelpreis verdient“, hat etwa der New York Review of Books geschrieben) belegt das ebenfalls. Elena, die Ich-Erzählerin, und Lila, ihre beste Freundin von Kindesbeinen an, sind hier mittlerweile erwachsene Frauen. Sie haben sich räumlich und auch sozial so weit von einander entfernt wie nie zuvor. Damit geht aber keineswegs auch eine emotionale Distanz einher. Im Gegenteil: Es ist ihre Fähigkeit, einander beizustehen, sich gegenseitig anzutreiben, die andere stets als Korrektiv, Vorbild und Gegenentwurf präsent zu haben, die hier ihre weiterhin fast symbiotische Verbindung ausmacht. Und es ist die Intensität dieser Freundschaft, die in der Geschichte der getrennten Wege am hellsten strahlt.

Dabei ist es nicht so, dass der Roman nicht mehr zu bieten hätte als eine erwachsene Version eines unzerstörbaren Bandes à la Bibi & Tina. In die Handlung flicht Elena Ferrante etliche politische Ereignisse und Trends der Jahre 1968 bis 1976 ein, etwa die Emanzipationsbewegung, Linksterrorismus oder die Pionierzeit der Computertechnologie. Zudem hat seit dem Auftakt ihrer Romanreihe das Figurenensemble stattliche Ausmaße angenommen. Neun Seiten umfasst die Übersicht der handelnden Personen, die dem Buch vorangestellt ist.

Im Kern stehen natürlich weiterhin Elena und Lila. Letztere hat den Mann verlassen, der ihn einst als gute Partie den Aufstieg aus dem Rione, einem Elendsviertel in Neapel, ermöglichen sollte, hat von einem anderen Mann ein Kind bekommen und arbeitet nun in einer Fabrik, unter erbärmlichen Bedingungen und miserabel bezahlt. Den gesellschaftlichen Aufstieg, dem sie sich verweigert hat, als sie ihren Ehemann verließ, überlässt sie Elena. Die Freundin wird zu einer Art Stellvertreterin, in der sie auch ihr eigenes Talent zur Entfaltung kommen sehen möchte. Das scheint bestmöglich zu gelingen: Elena hat zu Beginn des Romans den Abschluss einer Eliteuni in der Tasche, ihren ersten Roman veröffentlicht und wird in eine namhafte Familie einheiraten. Doch die erhoffte Freiheit findet sie auch dort nicht, spätestens als sie Mutter wird und in erster Linie brave Ehefrau eines Professors in Florenz sein soll. Hausarbeit und zwei Kinder prägen statt intellektueller Höhenflüge ihren Alltag – in dieser Hinsicht unterscheidet sich ihre Lage im Goldenen Käfig gar nicht so sehr von Linas Plackerei im Süden.

Auch wenn beide Frauen von sich behaupten, konsequent ihren Weg gegangen zu sein und ihr gewünschtes Ziel erreicht zu haben, wird klar: Auch Die Geschichte der getrennten Wege ist eine Geschichte der Sehnsucht nach Ausbruch und Flucht. Für Elena zeigt sich das etwa durch ihre Affäre mit Nino, einem alten Schulfreund, der zudem Vater des Kindes von Lila ist. Für Lila zeigt es sich durch die Entscheidung, den Job in einer gerade entstehenden Computerfirma anzunehmen, auch wenn diese Michele Solara gehört, einem von ihr gehassten Mafioso. Vor allem aber zeigt es sich durch die Allgegenwart der gemeinsamen Herkunft. „Ich hatte mich tatsächlich davongemacht. Aber nur, um in den darauffolgenden Jahrzehnten festzustellen, dass ich mich geirrt hatte, dass dies nur eine Kette mit immer größeren Gliedern war: Der Rione verwies auf die Stadt, die Stadt auf Italien, Italien auf Europa, Europa auf den ganzen Planeten. Und heute sehe ich das so: Nicht der Rione ist krank, nicht Neapel, die ganze Erde ist es, das Universum ist es, oder die Universen“, erkennt Elena, als sie längst in besten Kreisen in Florenz verkehrt.

Ihr Mittel beim Versuch, dem zu entkommen, war die Bildung. Lilas Mittel war ihre Kompromisslosigkeit. Ihre gemeinsame Waffe war ihr gegenseitiger Beistand, ihre Freundschaft. Doch sie müssen erkennen, dass sie gescheitert sind. Es gibt für sie kein Entrinnen aus den Bahnen, die für zwei Mädchen aus dem Rione scheinbar vorgezeichnet waren. Sie finden zwar gelegentlich Lob und Bewunderung (Elena für ihren erfolgreichen Roman, Lila für ihren Mut), aber keine Akzeptanz, schon gar keine Freiheit. Wie beiden im Verlauf ihres Erwachsenenlebens klar wird, ist das nicht nur auf ihre soziale Herkunft zurückzuführen, sondern in mindestens ebenso starkem Maße auf ihr Geschlecht. Sie werden als Frauen permanent benachteiligt, und wie ungerecht das ist, zeigt Elena Ferrante vor allem dadurch, dass es in ihrem Roman praktisch keine guten Männer gibt. Sie sind entweder brutal (wie Lilas Exmann Stephano) oder Lüstlinge (wie der schmierige Dichter Donato Sarratore, der Elena entjungfert hat), sie sind klug, aber hässlich (wie Elenas Ehemann Pietro) oder schön, aber unreif (wie Nino, um den Elena und Lila konkurrieren).

Wenn im ersten Band Meine geniale Freundin vor allem die persönliche Beziehung der beiden Mädchen im Mittelpunkt stand und im Nachfolger Die Geschichte eines neuen Namens vor allem der Prozess der Emanzipation durch Bildung nachgezeichnet wurde, ist Die Geschichte der getrennten Wege damit der bisher politischste Teil der neapolitanischen Saga. Nicht nur, weil das Patriarchat so deutlich analysiert wird, sondern auch, weil ebenso Strukturen aus Wirtschaft, Medien und Kulturbetrieb durchleuchtet werden, mit einem fast ebenso ernüchternden Ergebnis. Elena erlebt eine dieser Parallelen: Leistung zählt nichts, nur Name, Einfluss und Beziehungen sind wichtig – das gilt für die Mafia und die Solaras in ihrer Heimatstadt ebenso wie für die Linksintellektuellen rund um ihren ruhmreichen Schwiegervater Guido Airota im Norden Italiens.

Trotz exzellenter Ausbildung, bester Beziehungen und größten Ehrgeizes scheitert sie deshalb mit dem Vorhaben, sich selbst zu verwirklichen. Mehr noch: Sie stellt sich die Frage, ob ihre Freundin Lila, die als Fabrikarbeiterin in bitterer Armut lebt, ständigen Schikanen ausgeliefert ist, ihre Gesundheit ruiniert (sie habe den „Drang, sich aufzulösen“, heißt es an einer Stelle treffend über die Entwicklung, die Lila in der Geschichte der getrennten Wege nimmt) und keinerlei Aussicht auf Glück zu haben scheint, diesem Anspruch vielleicht sogar näher gekommen ist. Das ist der magische Effekt dieses Romans, der auch die ersten beiden Teile durchzog: Auch wenn Elena die Ich-Erzählerin ist, bleibt Lila der heimliche Mittelpunkt des Geschehens, wie die Lava in einem Vulkan, die jederzeit ausbrechen kann, mit ihrer Hitze aber in jedem Fall das Geschehen in Gang hält und als unsichtbare Kraft die Tektonik steuert, der sich auch Elena nicht entziehen kann. „Ich hatte mich ihr zugerechnet, und ich fühlte mich verstümmelt, sobald ich mich ihr entzog“, beschreibt Elena dieses Verhältnis – auch da zeigt sich die Spannung, Dramatik und Emotionalität, die Elena Ferrante aus der Geschichte dieser Freundschaft und dem virtuosen Spiel mit Distanz erschaffen hat.

Bestes Zitat: „Es schien, als hegte die Stadt eine Wut, die keinen Weg hinaus fand und sie deshalb innerlich zerfraß oder auf ihrer Oberfläche Pusteln bildete, prall von Gift gegen alle.“

Eine Lesung aus dem Roman.

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