Elena Ferrante – „Die Geschichte des verlorenen Kindes“


Autor Elena Ferrante

Die Geschichte des verlorenen Kindes Elena Ferrante Kritik Rezension

Mit „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ schließt Elena Ferrante ihre neapolitanische Saga ab.

Titel Die Geschichte des verlorenen Kindes
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Vier Jahrzehnte umfasst die erzählte Zeit in Die Geschichte des verlorenen Kindes. Die Handlung setzt in den letzten Tagen des Jahres 1979 ein und reicht bis 2010. Ich-Erzählerin Elena, die auch hier vor allem über ihre die Beziehung zu ihrer besten Freundin Lina und ihre Rolle als italienische Frau reflektiert, ist zu Beginn des Buches 32 Jahre alt und gerade mit ihrem Liebhaber durchgebrannt, am Ende ist sie eine Großmutter.

Auf insgesamt mehr als 2000 Seiten kommt die neapolitanische Saga somit, die Elena Ferrante mit diesem vierten Band zum Abschluss bringt. Erstaunlich ist dabei nicht nur, wie sie über eine solche Dauer – sowohl der erzählten Zeit als auch der Lektüre – die Spannung hochhält. Es gelingt ihr mit Die Geschichte des verlorenen Kindes auch, das Versprechen einzulösen, das sie seit dem packenden ersten Band gegeben hatte, und all die Handlungsstränge zu einem schlüssigen Ende zu führen, die sie zwischen ihren Figuren gesponnen hat. „Die Tetralogie zeigt, was für eine geniale Erzählerin diese Elena Ferrante ist, über die Zeiten hinweg und hinein in die Psyche der Figuren. An der Oberfläche handeln ihre Bücher von einer Freundschaft, aber sie erzählen von so viel mehr, direkt und indirekt“, hat Cornelia Geißler in der Frankfurter Rundschau sehr treffend geschrieben.

Natürlich haben sich die Figuren verändert (zum Abschluss ist das Ensemble auf mehrere Dutzend angewachsen, von denen viele bereits aus den vorherigen Bänden bekannt sind), ebenso wie die Konstellationen zwischen ihnen anders geworden sind. Das auffälligste Merkmal von Die Geschichte des verlorenen Kindes ist indes, wie sehr Elena Ferrante hier das Schreiben an sich thematisiert. „Ich schreibe schon zu lange und bin müde, es wird immer schwerer, im Chaos der Jahre, der kleinen und großen Ereignisse und auch der Launen den roten Faden nicht zu verlieren“, schreibt sie auf einer der ersten Seiten, was sich natürlich als Koketterie erweist. Es folgen etliche weitere poetologische Reflexionen, in denen die Literatur immer wieder als Bewältigungs- und Bewertungsmethode für die Welt erscheint. „Jetzt, da ich kurz vor dem schmerzhaftesten Punkt unserer Geschichte bin, möchte ich auf dem Papier ein Gleichgewicht zwischen mir und ihr suchen, das ich im wahren Leben nicht einmal mit mir selbst gefunden habe“, gesteht die Autorin etwa angesichts des Versuchs, ein Fazit für die Beziehung zu Lina zu finden, die begann, als beide noch kleine Mädchen waren, und die ihr Leben so stark geprägt hat wie keine andere.

Die Handlung führt Elena, die sich einen (schwindenden) Ruhm als Schriftstellerein erarbeitet und einen Akademiker aus gutem Hause geheiratet hat, zunächst zurück in ihre Heimatstadt Neapel. Dem Klüngel, der Gewalt und der Armut, die sie dort einst erlebt hat, wollte sie entfliehen, doch neben ihrem Liebhaber Nino und ihren Eltern ist eben auch Lina dort zuhause. Schnell erlebt Elena, dass sich durch den erneuten Ortswechsel wenig in ihrem Leben verbessert: Die Männer, die in sie respektive Lina verliebt sind, bekriegen sich nicht nur, sie erweisen sich auch als Waschlappen, jeder auf seine Weise. Und noch deutlicher als etwa in Die Geschichte der getrennten Wege ist Elena zerrissen zwischen Karriere, Kindern und dem Wunsch nach emotionaler wie sexueller Erfüllung, dazu der Notwendigkeit, sich stets aus dem „Sumpf des Rione“ fernzuhalten, der für die Gegend steht, aus der sie kommt, und damit für so vieles von dem, was sie zu überwunden haben glaubt.

Auch Lila wollte sich stets über die korrupten und bigotten lokalen Netzwerke erheben, ist nun – als reiche und einflussreiche Inhaberin einer Computerfirma – allerdings immer mehr darin verstrickt. Sie will Neapel mit seinen eigenen Waffen schlagen, so scheint es, und als sie erkennt, dass sie damit scheitern wird (und auch noch eine private Tragödie hinzukommt, die dem Roman den Titel gibt), isoliert sie sich, auch von ihrer besten Freundin, wird zusehends kauzig und zänkisch. Ihr Einfluss auf Elena ist dennoch ungebrochen. Zu Beginn des Romans, als Elena noch in einer anderen Stadt lebt, und gegen Ende, als sich die beiden Frauen oft aus dem Weg gehen, schreibt sie eigentlich über eine (körperlich) abwesende Freundin, aber das macht kaum einen Unterschied, „da das Wesen unserer Beziehung es gebietet, dass ich nur durch den Weg über mich zu ihr gelangen kann“, wie Elena erkannt hat.

So sehr diese Freundschaft auch unverbrüchlich erscheint, so sehr allein aus der Tatsache, dass die Erzählerin ihr vier Romane widmet, die Größe ihrer Bedeutung für die eigene Biographie deutlich wird, so zeigt gerade der vierte Band doch auch: Intensität ist die einzig konstante Eigenschaft in dieser Beziehung. Wie die Personen, so hat auch die Freundschaft zwischen Elena und Lina viele Facetten und Ebenen, die von Elena Ferrante raffiniert verwoben werden. So heißt es etwa an einer Stelle: „‘Sie will sich einreden‘, dachte ich, ‚dass wir immer noch dieselben sind, aber es wird Zeit, anzuerkennen, dass wir uns gegenseitig verschlissen haben.“ Manchmal wird die Dominanz dieser Verbindung gar bedrückend: „Ich hatte ihr seit unserer Kindheit viel zu viel Gewicht beigemessen und fühlte mich nun wie von einer Last befreit. Endlich war klar, dass das, was ich war, sie nicht war, und umgekehrt. Ich brauchte ihre Autorität nicht mehr, ich hatte meine eigene.“

Was sie in Die Geschichte des verlorenen Kindes zu solchen Aussagen führt, ist nicht nur die Desillusionierung angesichts des einstigen Idealismus und eine Verbitterung angesichts all der Enttäuschungen, die man im Laufe des Lebens nun einmal erlebt. Es stellt sich auch heraus (und wird zum zentralen Konfliktfeld dieser Freundschaft), dass die beiden Frauen unterschiedliche Methoden nicht nur zur Flucht aus dem Rione, sondern zur eigenen Veränderung und Definition ihrer eigenen Persönlichkeit gewählt haben: Bei Elena ist es das literarische Schreiben, bei Lina das Programmieren von Software. Auch bei ihren Freunden setzt sich das fort, etwa bei Nino, der für beide einmal Liebhaber war und nun Karriere in der Politik macht, oder dem Jugendfreund Pasquale, der sich für den Kampf im Untergrund entschieden hat, um die Verhältnisse zu verändern.

Auch der letzte Band dieser Saga ist damit im Kern eine Geschichte der Emanzipation. Noch stärker als zuvor stellt Elena Ferrante hier aber die Beharrungskräfte der Welt dar, aus der ihre Figuren kommen. Es sind Regeln, geschriebene und ungeschriebene, vom Gemeinwesen aufgestellte oder bloß durch das Gesetz der Straße bekannte, die dem Glück ihrer Protagonistinnen im Weg stehen. Mehr denn je wird ihnen in Die Geschichte des verlorenen Kindes auch klar (oder von Dritten klar gemacht): Wenn sie gegen diese Regeln verstoßen, droht sehr schnell Gewalt und Eskalation.

Ein Happy End kann man angesichts dieses Prinzips nicht erwarten, und doch führt diese Erkenntnis wieder auf die zentralen Elemente der Romanreihe zurück: Freundschaft, Zusammenhalt, Loyalität. Letztlich kann Elena die Welt (und ihr Glück) nicht aus sich heraus gestalten, sondern ist auf Beziehungen, auf Mitmenschen angewiesen. Die Botschaft, die sich darin erkennen lässt, lautet natürlich: Dieser Abhängigkeit unterliegen wir alle. Die neapolitanische Saga ist ein Aufruf zum Aufbegehren, vor allem aber zum Miteinander.

Bestes Zitat: „Ich liebte meine Heimatstadt, verzichtete aber stets darauf, ihre Pflichtverteidigung zu übernehmen. Ich war eher der Überzeugung, dass die Enttäuschung, zu der diese Liebe über kurz oder lang führte, wie eine Brille war, durch die man den gesamten Westen betrachten konnte. Neapel war die europäische Metropole, in der sich das Vertrauen in Technik und Wissenschaft, in den wirtschaftlichen Fortschritt, in die Gunst der Natur, in die Geschichte, die sich zwangsläufig zum Besseren entwickelt, und in die Demokratie mit größter Deutlichkeit und schon sehr früh als vollkommen haltlos erwiesen hatte. In dieser Stadt geboren zu sein (…) ist nur für eines gut: schon seit jeher und gewissermaßen instinktiv gewusst zu haben, was heute unter unzähligen vorbehalten und langsam alle behaupten: Der Traum vom grenzenlosen Fortschritt ist in Wahrheit ein Alptraum voller Grausamkeiten und Tod.“

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