Elena Ferrante – „Die Geschichte eines neuen Namens“


Autor Elena Ferrante

Die Geschichte eines neuen Namens Elena Ferrante Kritik Rezension

Die Jugendjahre ihrer Heldinnen erzählt Elena Ferrante im zweiten Band ihrer Saga.

Titel Die Geschichte eines neuen Namens
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Der Erfolg von Meine geniale Freundin war gewaltig für Elena Ferrante, und auch der zweite Band ihrer Tetralogie rund um die Freundinnen Lila und Elena (genannt Lenù) setzt auf das Element, das darin am hellsten strahlte: Es ist die Geschichte einer Freundschaft, die zugleich nach Symbiose strebt und unvermeidlicher Wettbewerb bleibt.

Aufgewachsen im Neapel der 1950er Jahre, kennen sich die beiden von Kindheit an. Die Geschichte eines neuen Namens erzählt, so der Untertitel, ihre Jugendjahre. Zu Beginn des Buches (das praktischerweise mit einer Übersicht der Figuren und einem „Was bisher geschah“ eröffnet wird) sind sie 16 Jahre alt, am Ende 23. Was dazwischen passiert, ist eine höchst unerwartete Entwicklung.

„Wir zwei zusammen, Schulter an Schulter, im Kampf gegen den Rest der Welt“, so wird von der Ich-Erzählerin Lenù an einer Stelle diese Beziehung geschildert. Dieses Bild traf vielleicht auf die Schülerinnen zu, jetzt besteht diese Situation nur noch als Lenùs Wunschvorstellung. Mehr noch: Sie kann nicht einmal sicher sein, dass Lila diesen Wunsch teilt. Denn nicht nur räumlich liegen bald Welten zwischen den beiden Mädchen aus dem Rione.

Zum Ende des ersten Bandes feierte Lila eine prächtige Hochzeit mit einem aufstrebenden Geschäftsmann. Doch schon bald ist sie enttäuscht von ihrem Gatten, stürzt sich selbst ins Geschäftsleben, um am Ende von Die Geschichte eines neuen Namens jedoch ohne ihn dazustehen, als Hilfsarbeiterin inmitten der ekelhaften Zustände einer Wurstfabrik. Lenù hingegen, die Meine geniale Freundin als hässliches Entlein ohne große Perspektiven beendet hatte, geht zum Studieren an eine Elite-Uni nach Pisa, macht ihren Abschluss und wird nebenher eine erfolgreiche Schriftstellerin, obendrein eine attraktive Frau.

Was beide eint, ist zunächst der Kampf um die eigene Emanzipation, um die Lossagung vom Weltbild der Männer („Wie schwer es war, sich zurechtzufinden, wie schwer es war, gegen keine der vielfältigen Männerregeln zu verstoßen“, stellt Lenù einmal fest), vom Geld der Männer, nicht zuletzt von der eigenen Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, wie etwa in einer entscheidenden Szene deutlich wird, als die beiden eine Party im Haus einer Professorin besuchen. Geschickt flicht Elena Ferrante in diesen Themenstrang die aktuellen Debatten der 1960er Jahre ein und macht ihr Buch damit zu einem Mix aus Gesellschaftsroman und Coming-of-Age-Geschichte.

Während Lila dabei ganz aus sich schöpfen möchte und danach strebt, die Kraft zur Eigenständigkeit aus ihrem Wesen zu beziehen, setzt Lenù auf Bildung. Sie sieht sich als Gefäß, dass es erst noch mit etwas Wertvollem zu befüllen gilt, und diesen Inhalt hofft sie in Büchern zu finden. „Lila wusste immer, was sie wollte, und hat es bekommen. Ich will nichts, und ich bestehe aus nichts“, heißt es gleich zu Beginn dazu.

Was Lenù antreibt bei ihrem Aufstieg in die bessere Gesellschaft ist nichts anderes als Scham. Es ist ihr Minderwertigkeitskomplex, der ihren Ehrgeiz speist (und von der Genialität Lilas noch verstärkt wird), aber auch zu Verstellung und Flucht führt. „Jeden Tag sagte ich mir: Ich bin, was ich bin, und ich kann nichts anderes tun als mich akzeptieren; ich bin so geboren, in dieser Stadt, mit diesem Dialekt, ohne Geld; ich werde geben, was ich geben kann, werde mir nehmen, was ich nehmen kann, werde ertragen, was ertragen werden muss“, redet sich Lenù an einer Stelle zu. Es ist eine schwer errungene Akzeptanz der eigenen Biographie.

Stärker als in Meine geniale Freundin spielt beim Erlangen dieser Akzeptanz auch der Prozess des Schreibens eine Rolle. Zum einen rückt dieser Aspekt durch den Plot in den Vordergrund, als Lenù zur Erfolgsautorin wird. Zum anderen bedient sich Elena Ferrante auch eines Kniffs, um detailliert über Lilas Leben berichten zu können, obwohl ihre Ich-Erzählerin rund 500 Kilometer entfernt ist: Neben Hörensagen  und Erzählungen von gemeinsamen Bekannten beruft sich Lenù auf tagebuchartige Schreibhefte, die Lila ihr übergeben hat, und in denen sie heimlich gelesen hat.

Wie problemlos sich diese recht gewagte Konstruktion bei der Lektüre ausnimmt und wie glaubwürdig selbst dieser Vertrauensbruch der sonst so feinfühligen und verschworenen Freundinnen wirkt, zeigt die nachhaltige Faszination dieser Freundschaft, die Elena Ferrante in einem sehr nüchternen Stil erzählt. Poetisch wird sie nur, wenn es um die Magie zwischen diesen beiden jungen Frauen geht. Immer wieder gibt es im Kopf Lenùs die Sehnsucht nach einem Abgleich mit Lila, stets dient sie als Referenz für ihre Entscheidungen, Erfolge und Ansichten. „Ich bekam Lust, sie zu besuchen und den Abstand zu messen, der zwischen uns lag“, ist ein Beispiel dafür, ein anderes beschreibt den Wunsch, „den verrückten Klang des Gehirns der einen als Echo im verrückten Klang des Gehirns der anderen“ zu hören. Oder Lenù erinnert ihre Gefährtin daran, „wie gut wir aufeinander eingespielt waren, eine in beiden, beide in einer“.

Entsprechend konfliktträchtig wird diese Beziehung in der entscheidenden Passage von Die Geschichte eines neuen Namens. „Alles im Leben stand auf der Kippe, reines Risiko, und wer kein Risiko einging, verkümmerte in einer Ecke, ohne mit dem Leben vertraut zu sein“, heißt es über eine Situation während eines Strandurlaubs auf Ischia, in der die beiden Freundinnen um denselben Mann konkurrieren. Lenù muss erkennen: „Ich blieb zurück, wartend. Sie dagegen nahm sich die Dinge, wollte sie wirklich haben, begeisterte sich, setzte auf alles oder nichts und hatte keine Angst vor Verachtung, Gespött, Geifer, Prügeln.“

Nicht nur aus der Tatsache, dass die Erzählerin diese Freundschaft so permanent und gnadenlos reflektiert, während Lila – die unverkennbar kein bisschen weniger an Lenù hängt als umgekehrt – scheinbar ungerührt macht, was ihr in den Sinn kommt, ist eine der größten Stärken dieses Romans. Die größte Leistung von Elena Ferrante ist aber, wie gekonnt sie hier an den ersten Band anknüpft und dabei einen Spannungsbogen entwirft, der zwar ein paar Dellen in die eine oder andere Richtung hat, letztlich aber von einem klaren Gegensatz der Lebensentwürfe und von einem Auseinanderdriften ihrer Heldinnen getragen wird. Lilas Selbstzerstörung trifft auf Lenùs Selbstentfaltung – und die beiden Freundinnen leiden nicht nur unter der wachsenden emotionalen Distanz, die dieser Kontrast mit sich bringt, sondern auch unter der Ahnung, für sich selbst den jeweils falschen Weg gewählt zu haben.

Bestes Zitat: „Das Schöne an einer verrückten Liebe ist, dass sie nach einer Weile vergeht.“

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