Flo Hayler – „Ramones“


Autor Flo Hayler

Flo Hayler Ramones Kritik Rezension

Flo Hayler zeigt in seinem Buch etlich unveröffentlichte Exponate aus dem Ramones-Museum.

Titel Ramones. Eine Lebensgeschichte
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Dieser Text ist zunächst keine Rezension, sondern eine Warnung: Wer beim Titel Ramones. Eine Lebensgeschichte eine Biographie der legendärsten aller US-Punkbands vermutet, liegt falsch. Wer eine kompakte, umfassende und halbwegs objektive Geschichte dieser Band sucht, sollte stattdessen beispielsweise zu Hey Ho Let’s Go: Die Story der Ramones von Everett True greifen. Das Buch von Flo Hayler enthält auf 640 Seiten zwar extrem viele Fundstücke, Interviews mit Mitgliedern und Wegbegleitern der Band sowie Zitate aus anderen Quellen. Letztlich ist es aber eine ebenso zufällige wie subjektive Auswahl. Hayler, Journalist und Gründer des weltweit ersten Ramones-Museums, findet praktisch alles wichtig, wo Ramones drauf steht, dazu gehören viele Kleinigkeiten, einige Obskuritäten, auch das eine oder andere exemplarische Exponat.

Eine Lebensgeschichte ist dieses Buch dennoch. Zwar nicht die von Joey, Johnny, Dee Dee, Tommy, Marky, Richie, Elvis und C.J. Ramone, die in der aktiven Zeit der Band zwischen 1974 und 1996 zum Lineup gehörten. Aber die von Flo Hayler. Er baut viele autobiographische Passagen in sein Buch ein, erzählt von wichtigen Begegnungen oder erläutert, wie er an einige der spektakulären Exponate für das Ramones-Museum in Berlin gekommen ist. Letztlich erzählt er die Geschichte seiner Sozialisation als Fan.

Das Buch beginnt und endet mit dem Tag im Jahr 1996, an dem die Ramones ihr letztes Konzert spielten, nach fast einem Vierteljahrhundert als Band und mehr als 2000 Shows. Hayler, aus der niedersächsischen Provinz stammend, hatte sie sechs Jahre zuvor erstmals live gesehen und wurde als Spätgeborener schnell zum Hardcore-Fan, der möglichst viele Konzerte besuchte, weltweit. Auch beim großen Finale war er dabei. Seine Einblicke in das Miteinander des Fan-Karussells gehören zu den interessantesten Passagen des Buchs, zeigen sie doch ebenso das Ausmaß an Bewunderung, das den Ramones zuteil wurde, wie den entspannten Umgang der Band mit ihren treusten Anhängern. „Für uns waren die Ramones also tatsächlich das, was sie auf Fotos und Albumcovern darstellten: eine Familie, eine Gang, eine verschworene Einheit, der sich all jene anschließen konnten, die weder so aussahen noch so erfolgreich, angesehen, beliebt und sozial begehrt waren wie all die anderen, zu denen die Gesellschaft gerne aufschaute“, beschreibt er an einer Stelle die Anziehungskraft dieses Miteinanders.

Diese Vertrautheit ist vor allem für jene, die keine Ramones-Novizen sind, sondern nach Wissen, Hintergründen und Trivia für Fortgeschrittene suchen, ein Pluspunkt dieses Buchs. Hayler will zeigen, dass er zum Inner Circle gehört, ganz nah dran ist, auf Du und Du mit den Bandmitgliedern. Trotzdem wird er nicht unkritisch beim Blick auf seine Helden: Er zeigt das konfliktreiche Innenleben der Ramones und fällt beispielsweise unbarmherzige Urteile über viele Songs und Alben aus den 1980er Jahren.

Fast unfreiwillig wird Ramones. Eine Lebensgeschichte an vielen Stellen auch entlarvend. Dieser Effekt dürfte sich vor allem bei jenen Lesern einstellen, bei denen die Band aus New York bisher in einer Reihe etwa mit MC5, The Clash, den Stooges oder den Sex Pistols stand, als Pioniere oder Ikonen des Punk. Denn als Aushängeschild für das Ethos dieser Bewegung taugen die Ramones in keiner Weise, und sie haben auch zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere dazu getaugt. Das Selbstverständnis als Außenseiter, Amateure und Arbeiter hat die Band zwar sehr gekonnt als Image propagiert, es hat auch für Flo Hayler einen gewaltigen Teil des Appeals dieser Band ausgemacht. Doch sein Buch zeigt – nicht systematisch, aber in Summe – für sehr viele Aspekte, wie wenig die Ramones mit den Grundprinzipien von Punk gemein hatten.

Die Ramones waren keine Gang, keine verschworene Gemeinschaft. Stattdessen gab es Eifersüchteleien, Machtkämpfe und Psychokrieg, häufig Streit ums Geld, nicht zuletzt etliche Umbesetzungen, die teilweise Folge dieser Konflikte waren.

Sie waren nicht Anti-Establishment: Die Gründungsmitglieder stammten aus der Mittelschicht. Jeff Hyman war erst ein Hippie, dann ein Glamrocker, bevor er zu Joey Ramone wurde – zwei der Genres, die im denkbar großen Kontrast zur Punk-Ästhetik stehen. Es gab Momente in ihrer Karriere, in denen sie Benefiz-Konzerte für die Polizei von New York spielten oder Pro-Reagan-Statements abgaben.

Die Ramones waren nicht Anti-Kommerz. Ganz im Gegenteil: Die Sehnsucht nach Verkaufserfolg und der Wunsch nach dem ganz großen Hit prägten die Band sehr früh. „Die Ramones, die im Laufe ihrer Karriere Initialzündung und Türöffner für Tausende Bands und unzählige Genres waren, von Punk über New Wave, Metal und Hardcore bis hin zu Grunge, wurden vom Radio, von MTV und dem amerikanischen Mainstream zeitlebens sträflich übersehen“, beschreibt Hayler eines der größten Ärgernisse für die Band. Um das auszugleichen, schufen sie, ebenfalls von der ersten Minute an, eine Marke und eine Merchandising-Maschinerie, die ihresgleichen sucht, und deren Vielfalt in den zahlreichen Abbildungen dieses Buches sehr deutlich wird.

Unterm Strich findet man bei dieser Band praktisch nichts davon, was Nachgeborene am Punk-Ethos reizvoll fanden: Als die Ramones entstanden, waren sie keine aufbegehrenden Teenager aus der Arbeiterklasse, sondern halbwegs erwachsene, halbwegs privilegierte Amerikaner, die eine sehr professionelle Promo-Maschine von Sire Records ins Rollen brachten, beim bereitwilligen Mitwirken an ihrer Selbstvermarktung gelegentlich auch die Wahrheit zurechtbogen oder Loyalitäten über Bord warfen und eine seltsame Vorliebe für Nazi-Memorabilia pflegten.

Einige Aspekte der internen Banddynamik und ihres Umgangs mit der Öffentlichkeit kann man in die Nähe einer Sekte rücken. Bill Laswell, der 1989 ihr Album Brain Drain produziert hat, drückt das so aus: „Die Ramones waren eine Einheit, eine Maschine. (…) Von allen Künstlern, mit denen ich in meiner Karriere zusammengearbeitet habe, kamen die Ramones der Idee einer Band näher als alle anderen. Das waren nicht vier Musiker, die sich selbst verwirklichen wollten, sondern eine Instanz, die ein gemeinsames Statement abgab. Die eigene Identität zu bewahren, war dabei das höchste Gut.“ Mit diesem Statement waren die Ramones nicht links, solidarisch oder konsumkritisch. Sehr wohl waren sie aber: Außenseiter.

Ihre ersten Songs beschreibt Hayler treffend als „Zeugnisse einer Jugend in der Vorstadt, angefüllt mit Langeweile und Frust, begleitet von chronischem Fluchtreflex und dem Wunsch, die Tristesse der eigenen Existenz genauso hinter sich lassen zu können wie die damit verbundenen Menschen, unter freundlicher Mithilfe eines unerschöpflichen Arsenals an Horrorvokabular.“ Auch für die späteren Karrierephasen benennt er „schwarzen Humor, Vorliebe für Surf- und Bubblegum-Melodien und unnachahmliches Gespür für richtiges Timing“ als die größten Stärken der Ramones – und niemand könnte da widersprechen.

Wenn Flo Hayler seiner Begeisterung freien Lauf lassen kann wie in solchen Passagen, dann ist Ramones. Eine Lebensgeschichte am besten. Es gibt viele Momente, in denen man mächtig Lust bekommt, Rocket To Russia, Road To Ruin oder Adios Amigos wieder aufzulegen, und das ist im Sinne des Autors sicher nicht der schlechteste Effekt dieses Buchs. Dazu kommen kompakte Analysen wie über das Zusammenspiel von US- und UK-Punk: „Der 4. Juli [1976, Tag des Ramones-Auftritts im Londoner Roundhouse] markiert den Zeitpunkt, an dem der amerikanische mit dem englischen Untergrund fusioniert und zum Urknall einer Bewegung wird, die stark genug ist, alles bisher Dagewesene unter einer Wand aus Zynismus und Krach zu begraben.“

Unterm Strich wird trotzdem deutlich, dass die Ramones als Marke viel nachhaltiger gewirkt haben denn als Musiker, und dass sie Ersteres forciert haben, weil Letzteres nicht wunschgemäß funktioniert hat. Dass T-Shirts mit dem legendären, von Arturo Vega gestalteten, Ramones-Logo heute bei H&M gekauft werden, von Menschen, die womöglich nicht einmal einen einzigen Song dieser Band kennen, ist deshalb tragisch, aber konsequent.

Das beste Zitat stammt von Seymour Stein, dem Boss ihrer Plattenfirma: „Die Ramones sind mehr als eine Band. Sie sind eine Institution.“

Flo Hayler spricht über sein Ramones-Buch:

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