Franz Ferdinand – „Always Ascending“


Künstler Franz Ferdinand

Always Ascending Franz Ferdinand Kritik Rezension

Das fünfte Album gehen Franz Ferdinand in neuer Besetzung an.

Album Always Ascending
Label Domino
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Franz Ferdinand waren in den mittlerweile 17 Jahren ihres Bestehens nie eine Band, die man sich in so etwas ordinärem wie einem Proberaum vorstellen konnte. Sie waren immer zu schick dafür, ihre Ästhetik von Beginn an zu ausgereift, die Frisuren und Outfits auch in den extremsten Situationen zu makellos. Für ihr morgen erscheinendes fünftes Album Always Ascending gilt das mehr denn je: Mit Nick McCarthy ist ihnen im vergangenen Jahr der Gitarrist abhanden gekommen (und ein Gitarrist gehört ebenso sehr zu einem Proberaum wie feuchte Wände und ein übervoller Aschenbecher). Mit Philippe Zdar haben sie zudem einen Produzenten angeheuert, der sich auch nicht gerade mit Garagenrock einen Namen gemacht hat, sondern eher durch seine Arbeit für Phoenix, Cassius und die Beastie Boys.

Und doch ist ein Proberaum, und zwar einer im Westen Schottlands, so etwas wie der Entstehungsort, die Keimzelle für Always Ascending gewesen. Dort wohnten die Bandmitglieder – Sänger Alex Kapranos, Bassist Bob Hardy, Schlagzeuger Paul Thomson sowie die Zugänge Julian Corrie (Keyboards) und Dino Bardot (Gitarre) – zusammen, dort entstanden die zehn Songs der neuen Platte. „Es war sehr abgelegen, und genau das brauchten wir“, sagt Alex Kapranos. „Wir haben nicht einfach eine LP geschrieben. Wir schufen eine Band, einen Sound, ein Universum. Wir fingen bei Null an, ohne Erwartungen. Das war sehr befreiend. Aus dem Nichts schufen wir dieses neue Universum, das wir bewohnen wollten: Zunächst ein wenig nebulös, nahm es langsam aber sicher Form an, bis es sich irgendwann so anfühlte als hätte es schon immer existiert.“

Dieses Zitat fasst die Atmosphäre des Albums gut zusammen, das in der Tat einen Neubeginn für Franz Ferdinand darstellt. „Diese Platte sollte anders klingen als alles, was wir je zuvor gemacht haben“, sagt Alex Kapranos, und dieses Credo ist kein Lippenbekenntnis und kein Versuch, fürs Marketing einen zweiten Frühling herbeizureden, sondern wird von fast jedem Moment durch den Ehrgeiz dieses Albums bestätigt. In Paper Cages bietet Kapranos beinahe Sprechgesang in der Strophe, dazu ist alles extrem fokussiert. Wenn die Red Hot Chili Peppers noch abenteuerlustig, etwas intelligenter und außerdem Briten wären, könnte etwas entstehen wie Huck And Jim. Im sehr schönen Album-Schlusspunkt Slow Don’t Kill Me erlauben sich Franz Ferdinand sogar eine kleine Portion von Gefühl, einen kurzen Blick hinter die Coolness-Maske.

Offensichtlich hatte Produzent Philippe Zdar einen gehörigen Anteil nicht nur an dieser klanglichen Vielfalt, sondern auch am Mut zur Offenheit. “Mit Philippe zu arbeiten war wirklich toll. Er versteht, dass es das Gefühl ist, was bei einem Song wirklich wichtig ist: das Gefühl, das den Song inspiriert hat und das Gefühl, das der Song inspiriert, wenn man ihn hört. Nur darauf kommt es an. Alles Weitere entsteht aus diesem Gefühl: Der Sound, die Performance, das Tempo, die Instrumentierung, wie weit man vom Mikro entfernt steht … alles”, schwärmt Kapranos, der sich (etwa für die Cribs oder Citizens) immerhin auch schon selbst hinter den Reglern betätigt hat.

Gegen Ende hängt Always Ascending kurz durch, mit dem sehr offensiven, aber auch leicht penetranten Disco-Sound von Glimpse Of Love und dem tropisch angehauchten Feel The Love Go. Ansonsten besticht die Platte mit enormem Einfallsreichtum, wie ihn etwa der Titelsong beweist: Always Ascending beginnt mit einem Bowie-Part, der sich wie ein Intro anfühlt, darauf folgt ein gebremster Discobeat, als wollte beim Tanzen niemand seinen teuren Cocktail auf seinen noch teureren Anzug verschütten, dann folgen so viele gute Einfälle, dass man gar nicht merkt, wie komplex diese knapp fünfeinhalb Minuten sind.

Finally lebt vom bestens funktionierenden Kontrast zwischen zurückgenommener Strophe und einem Refrain, der in seiner Ausgelassenheit fast an Karneval denken lässt. Lois Lane hätte vom Sound her zu Frankie Goes To Hollywood oder Heaven 17 gepasst, der Text über den schmalen Grat zwischen Altruismus und Egoismus, Engagement und Eitelkeit ist genauso gut wie alles, womit sie zuletzt auf Right Thoughts, Right Words, Right Action geglänzt hatten.

„Ich konnte viele Nächte lang nicht schlafen, weil mir zu viele Ideen durch den Kopf spukten“, erzählt Kapranos über die Entstehungszeit der Platte. „Ich fühlte mich wie ein enthaupteter Gorgone, dem zwei Köpfe wachsen wo vorher einer war. Deshalb war es so toll, mit Julian, Philippe und Sam zu arbeiten. Jeder von ihnen ist ein weiterer Kopf des Gorgonen. Ein weiteres Gehirn. Eine weitere Brut Schlangen, die ihr Gift versprühen.“ Man hört dieses Monster etwa in The Academy Award, das zu 20 Prozent durchgeknallt ist, zu 10 Prozent kapriziös und zu 70 Prozent elegant. Auch in Lazy Boy lässt es sich gut erkennen: Die ersten paar Takte könnten zu Gossip passen, dann folgt eine kurze Kraftwerk-Passage, dann ein ziemlich typischer Franz-Ferdinand-Sound bis hin zu einem dieser sehr prägnanten Enden, die man von ihnen lebt.

Always Ascending ist ein guter Beleg dafür, dass man sich um ein vorzeitiges oder unrühmliches Ende von Franz Ferdinand keine Sorgen machen muss. Das ist ein beruhigende Nachricht, nicht nur weil beim letzten Mal, als ein Franz Ferdinand ein vorzeitiges und unrühmliches Ende fand, ein Weltkrieg folgte.

Eine zweiteilige Mini-Doku zeigt die Entstehung von Always Ascending.

Im März gibt es vier Deutschland-Konzerte von Franz Ferdinand.

01.03.2018 Hamburg – Mehr! Theater

05.03.2018 Köln – Palladium

07.03.2018 Berlin – Tempodrom

12.03.2018 München – Tonhalle

Website von Franz Ferdinand.

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