Futter für die Ohren mit Danger Dan, K.I.Z., Arlo Parks, Royal Blood und Fury In The Slaughterhouse


Danger Dan Lauf davon

Danger Dan macht Ernst. Foto: Check Your Head / Jaro Suffner

Wer schon einmal ein Konzert der Antilopen Gang gesehen hat, wird wissen, wie gerne Danger Dan gelegentlich mal am Klavier sitzt. Trotzdem kommt die Ankündigung überraschend, dass er am 30. April 2021 ein Album namens Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt veröffentlichen wird, das voller Pianoballaden in der Tradition von Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey oder Hannes Wader ist. „Ich kenne diese ganzen alten Platten von meinen Eltern“, sagt der in Aachen aufgewachsene und heute in Berlin lebende Künstler. „Mein Vater hat mich auch später noch mit Sachen wie Georg Kreisler versorgt, weil er dachte, ich könnte das cool finden. Das war aber dann überhaupt nicht mein Sound. Seit ich mir meine Musik selbst ausgesucht habe, hatte ich damit eigentlich abgeschlossen. Trotzdem kenne ich diese Musik und ihre Sprache natürlich und weiß, wie das geht.“ Den Beweis liefert die erste Single Lauf davon (****). Erstaunlich ist dabei nicht nur das Fehlen von Beat, das Benennen von Lou Reed als Referenz und die Klangästhetik insgesamt, sondern auch die Ernsthaftigkeit. Der Text von Danger Dan ist auch hier kritisch, aber er ist nicht ironisch oder humorig, sondern ein Bekenntnis des (Selbst-)Zweifels und als Plädoyer für Individualismus ziemlich deep. Ein wenig haben wir diese Wandlung auch der Covid-19-Pandemie zu verdanken, auch wenn der Künstler betont, die neue Platte sei „keine Corona-Idee“. Denn als die letzte Tour der Antilopen Gang abgebrochen werden musste, spielt er wieder mehr Klavier (das aus dem Live-Instrumentarium übrig und nicht, wie im Video, durch einen glücklichen Zufall für ihn verfügbar war). „Ich hatte nie geübt und mich mit den Einlagen bei den Konzerten immer so durchgemogelt“, sagt er. Mitgeholfen bei der finalen Umsetzung haben Charlotte Brandi und Mine. „So ein Album wie jetzt Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt zu machen, hatte ich also schon sehr lange vor, vielleicht schon immer. Ich wollte immer schon so einfache, schöne Lieder schreiben. Schnulzen gewissermaßen, keine Comedy.“

Bleiben wir im Deutschrap: K.I.Z. haben ja bereits sehr eifrig (nämlich mit einem ganzen Vorab-Album) auf ihre erste Platte nach über fünf Jahren aufmerksam gemacht. Ihr sechstes Studioalbum wird Rap über Hass heißen und kommt am 28. Mai raus. Mit der Single VIP in der Psychiatrie (****) gibt es die zweite Vorab-Auskopplung und sie setzt die Brutal-Ironie-Attacke fort, die wohl niemand so gut (also so frei von Geschmacksgrenzen) beherrscht wie Tarek, Maxim und Nico. Noch geiler als der Track ist das Video, das eigentlich nur dadurch noch spektakulärer und doppelbödiger werden könnte, wenn es einen Shitstorm auslösen würde, weil sich Leute über die entwürdigende Darstellung von psychisch kranken Menschen aufregen.

Wahrscheinlich spekulieren Royal Blood in diesen Tagen auf einen Hattrick: Die ersten beiden Alben von Mike Kerr (Bass) und Ben Thatcher (Schlagzeug) haben Platz 1 der UK-Charts erreicht, für Typhoons, das am 30. April erscheinen wird, hoffen sie wohl auf eine Wiederholung dieses Erfolgs. Das Rezept dafür soll eine Rückkehr zu den Wurzeln sein, also zu Acts wie Daft Punk, Justice und Philippe Zdar (Cassius). „Wir sind eher zufällig auf diesen Sound gestoßen und es brachte sofort Spaß, ihn zu spielen. Das hat den kreativen Funken auf dem neuen Album entfacht“, sagt Kerr. Der Titelsong (***) beweist zum einen, dass dabei auch die Gitarren nicht zu kurz kommen, und zum anderen, dass sie weiterhin clever Plakatives und Unmittelbarkeit mit einem eigenen Charakter und viel Wucht vereinen. Die Sache mit dem Hattrick könnte also klappen.

Das ist doch mal ein gutes Motto in diesen Tagen: Hope (****) heißt die neue Single von Arlo Parks. Sie entstammt dem Debütalbum Collapsed In Sunbeams, das Ende Januar erschienen ist. „Das Lied behandelt Isolation, die Anwesenheit von Schmerz und das Wissen, dass du nicht der einzige auf dem Planeten bist, der sich schlecht fühlt“, sagt die 20-Jährige aus London. Genau wie dieses Zitat klingt der Song viel erwachsener als sie eigentlich ist und unterstreicht ihre Sensibilität als Songwriterin. „Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen sollte man eine Sache nicht aus den Augen verlieren, die unvermeidlich ist: Die Dinge können nur besser werden.“ Das Video, das dabei nicht zuletzt die tröstende Kraft einer schönen Melodie feiert, hat sie gemeinsam mit Regisseurin Molly Burdett umgesetzt. „Der Clip ist für mich eine warme, lebendige Erkundung von Freundschaft und Introvertiertheit. Ich denke, die gesättigten, filmischen Texturen, die menschlichen Porträts und Darstellungen von Euphorie haben etwas Mächtiges.“

Nicht nur bis in die Zeit vor der Pandemie, sondern noch viel weiter zurück reicht die Erinnerung von Fury In The Slaughterhouse. 1995 (***) heißt der dritte Vorbote des anstehenden Albums NOW und verweist auf das wahrscheinlich erfolgreichste Kapitel in der Geschichte der Band aus Hannover (und die „best time of my life“, wie es im Text heißt). In diesem Jahr erschien The Hearing And The Sense Of Balance, das wie der Vorgänger Mono Goldstatus in Deutschland erreichte und der Band auch internationale Aufmerksamkeit einbrachte. An eine Reise in die USA erinnern nun Song und Clip, wie Sänger Kai Wingenfelder erzählt: „1995 war für uns ein denkwürdiges Jahr. Der Song ist in Zusammenarbeit mit unseren Freunden Jan Löchel und Henning Wehland von den H-Blockx entstanden. Nachdem wir zusammen an dem Song gearbeitet haben, mussten wir feststellen, dass das eigentlich genau die Geschichte von Fury ist, als wir damals zu dieser Zeit auf Amerika-Tournee waren. Die tolle Energie spiegelt in unseren Augen ein Lebensgefühl wieder, das wir zu dieser Zeit hatten.“ Der Song zeigt, dass sie Melodie weiterhin genauso beherrschen wie Pathos, und die im Video reichlich vertretenen Hair- und Fashion-Crimes darf man vielleicht sogar als Fähigkeit zur Selbstironie verstehen. Bald geht der Blick nach vorne: Am 23. April wird die Comeback-Platte NOW erscheinen, das erste neue Studioalbum seit 2008. Produzent Vincent Sorg (Die Toten Hosen, Broilers, Donots) war dafür verantwortlich und ist sicher: „Die Band hat alles gesehen, was man in über 30 Jahren Rock’n’Roll-Business erleben kann. Denen muss man nichts mehr vormachen. Es ist toll zu sehen, dass sie den Biss nicht verloren und den unbändigen Willen haben, richtig gute Musik zu machen – die auch zu ihnen passt. Das Feuer ist noch da!“

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