Futter für die Ohren mit Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Fatoni, Dirk von Lowtzow, Bodi Bill, Adam Green und Enno Bunger


Adam Green Freeze My Love Review

Mit Buch und Platte kehrt Adam Green zurück. Foto: verstaerker.com/Pete Voelker

Man darf sich jetzt entweder alt fühlen oder staunen, wie lange die Karriere von Adam Green schon währt (oder beides): Falls jemand sein Neugeborenes damals nach seinem Mini-Hit Jessica benannt hat, könnte dieses Mädchen demnächst ihre Mittlere Reife absolvieren. Im September wird sein 10. Studioalbum erscheinen. Engine Of Paradise wird zwar leider kein Lied enthalten, das einen Frauennamen im Titel trägt, ist dafür aber als Rückkehr zu alter Stärke angekündigt, nachdem sich der 38-Jährige zuletzt unter anderem als Filmemacher, mit visueller Kunst, als Verfasser des deutsch-englischen Gedichtbands Magazine und als Autor einer Graphic Novel (War And Paradise erscheint parallel zum neuen Album) betätigt hat. Der Vorab-Track Freeze My Love (***1/2) erinnert tatsächlich an die Friends Of Mine-Ära, nicht nur wegen der schicken Streicher, sondern auch wegen dieses schräg-abgeklärten Blicks auf die Liebe. „Freeze My Love is like a road-trip song where your Corvette is a JPG filled with flesh cruising towards a blockchain horizon“, sagt Adam Green, und ergänzt etwas weniger kryptisch: „Ich denke, es ist ein schönes Lied. Ich wünschte, es gäbe einen Radiosender, der es in Endlosschleife spielt.“ Als Gäste für die neue Platte hat er beispielsweise James Richardson (MGMT), Florence Welch (Florence and the Machine) und Jonathan Rado (Foxygen) gewonnen. Auf Tour werden sie wohl nicht dabei sein, aber Ende Oktober schaut Adam Green in jedem Fall mal wieder in Deutschland vorbei, nämlich am 28. Oktober im Hamburger Stage Club und tags darauf im Bi Nuu in Berlin.

„Kein großes Ziel im Leben / nur nicht so wie ihr zu sein“, heißt eine Zeile im neuen Track von Fatoni. Die Geistesverwandtschaft zu Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow, der nach gut 150 Sekunden in Alles zieht vorbei (***1/2) einen ziemlich überraschenden Gastauftritt hat, ist unschwer zu erkennen: „Alles was ich will ist / nichts mit euch zu tun haben“, hatte der schließlich einmal gesungen. Der Song zeigt, dass Fatoni auf dem heute erscheinenden Album Andorra nicht nur Überraschungen und prominente Featurings zu bieten hat, sondern auch Reife. Vor allem gelingt das, weil er wagt, was so selten im Rap passiert: Schwäche eingestehen. Wie wirkungsvoll das sein kann, wussten natürlich auch schon Tocotronic, und alle einstigen Anhänger der Hamburger Schule, die mit dieser Kooperation vielleicht nichts anzufangen wissen, seien an den Slogan erinnert: Im Zweifel für den Zweifel.

Wir bleiben kurz in Hamburg, von wo die überaus erfreuliche Nachricht eines neuen Albums der Liga der gewöhnlichen Gentlemen alle vernünftigen Menschen des Landes in Entzücken versetzen dürfte. Das neue Werk wird am 23. August bei Tapete Records erscheinen und Fuck Dance, Let’s Art! heißen. „Es klingt als als hätten sich die Modern Lovers zusammen mit Style Council im Übungsraum der Kunsthauptschule eingeschlossen“, verspricht die Plattenfirma, Sänger Carsten Friedrichs kündigt das Album als „die musikalisch gewordene Mischung aus preiswerter Partydroge und libertärer Splittergruppe“ an. Man darf also ein weiteres Meisterwerk erwarten. Diese Prognose stützt auch der Vorab-Track Ich verlieb mich wieder in mich (****1/2): Er erweist sich als feine Hymne über den Moment, in dem die Zeiten langsam wieder besser werden und man erkennt, dass die Dinge gar nicht so scheiße sind. Charme, Schmackes und ein Trompetensolo treffen da auf denkbar wundervollste Weise zusammen. Im Oktober beginnt die große Tour zur Platte, am 31. Oktober sind DLDGG dann auch in Leipzig im Naumanns zu sehen.

Nochmal Norden: Die Betrübnis, zu der man in Ostfriesland wohl leichter neigen kann als meinetwegen in Jamaika, hat Enno Bunger jetzt bald auf vier Alben in Liedform gepackt. Was berührt, das bleibt heißt das aktuelle Werk, das ab 26. Juli verfügbar sein wird, und beispielsweise mit Unterstützung von Tobias Siebert und Roland Meyer de Voltaire entstanden ist. Mit Stark sein (****) gibt es jetzt die zweite Single daraus. Es geht darin um eine schockierende Nachricht (nämlich eine Krebsdiagnose) und den Versuch, damit klarzukommen. Das ist höchst ergreifend umgesetzt und schafft es dabei, jede Gefahr von Kitsch zu umschiffen. Nicht nur Menschen, die schon in ähnlichen Situationen waren, dürfte das verdammt sehr zu Herzen gehen: So klangen Coldplay, als sie noch Gefühle hatten.

Womit wir zu What If (***1/2) übergeleitet haben, das keine Coverversion des gleichnamigen Coldplay-Songs ist, sondern die neue Single von Bodi Bill. Es geht zu ebenso feinfühligen wie cleveren Elektronik-Sounds um die Sehnsucht nach einer verlorenen Liebe, die sowohl aus der Hoffnung auf einen Neuanfang gespeist wird als auch aus dem Bestreben, vielleicht wenigstens besser auseinander gehen zu können, wenn es mit dem Zusammensein schon nicht klappt. Im Video brechen Fabian Fenk, Anton Feist und Alex Stolze von ihrem jeweiligen Lebensmittelpunkt zu einem herzlichen Wiedersehen auf – das darf man wohl als Symbol verstehen, denn nachdem man wegen diverser anderer Projekte mehr als sieben Jahre auf neue Musik des Trios warten musste, gibt es nun wohl wieder mehr Bodi-Bill-Produktivität, wozu auch ein paar Konzerte im Sommer gehören, denen im Herbst eine richtige Tour folgen wird. Am 23. August spielen sie in Leipzig beim City Crash Festival.

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