Futter für die Ohren mit Noel Gallagher’s High Flying Birds, Fucked Up, Die Höchste Eisenbahn, H.C. McEntire und King Tuff


Noel Gallagher's High Flying Birds Pretty Boy Review Kritik

Noel Gallagher verspricht, natürlich, Großtaten fürs nächste Album. Foto: Matt Crockett

Man kennt das: Wenn Noel Gallagher ein neues Album zu vermarkten hat, dann wird es gerne großspurig. Das war schon bei Oasis so und gilt nun auch bei Noel Gallagher’s High Flying Birds. Im nächsten Jahr soll deren viertes Studioalbum erscheinen (angeblich will „The Chief“ es pünktlich zum ersten Champions-League-Titel von Manchester City draußen haben, also im Mai), und unlängst kündigte er schon an, darauf befinde sich „einer der besten Songs, den ich je geschrieben habe“ namens Dead To The World. Das will schon etwas heißen aus dem Mund des Mannes, der Live Forever komponiert hat, Wonderwall und Champagne Supernova. Es zeigt indes nicht nur, dass der 55-Jährige das Prahlen nicht verlernt hat, sondern eben auch, dass er seinen jüngeren Output als ebenso relevant und wertvoll erachtet wie die Lieder der Oasis-Ära. Er hat durchaus Grund, so selbstbewusst zu sein: Alle Alben von Noel Gallagher’s High Flying Birds erreichten den Spitzenplatz in den UK-Charts, zuletzt Who Built The Moon? vor fünf Jahren. Nicht zuletzt die im Juni 2021 veröffentlichte Best-Of-Sammlung Back The Way We Came: Vol. 1 (2011-2021) zeigte, wie stark das Oeuvre auch aus dieser Zeit ist. Bis das womöglich wirklich bahnbrechende Dead To The World erscheint, müssen sich die Fans allerdings noch ein wenig gedulden. Dafür gibt es jetzt aber bereits mit der Single Pretty Boy (****) einen ersten Vorgeschmack auf das noch namenlose neue Album, das angeblich viele orchestrale Elemente enthalten soll. Davon findet sich hier indes wenig, stattdessen gibt es ein überraschendes Fade-In, einen sehr lebendigen Fuzz-Bass ähnlich wie einst in Go Let It Out und einen recht ambitionierten Text, der in seinem Spiel mit Geschlechter-Identitäten an David Bowie erinnert, den Noel Gallagher ebenfalls als wichtigen Einfluss für die neue Platte benannt hat. Das Lied wurde in seinem eigenen Studio in London aufgenommen, das seinem Namen „Lone Star Sound“ hier allerdings wenig Ehre macht, denn neben Co-Produzent Paul „Strangeboy“ Stacey war auch Johnny Marr an der Gitarre dabei. Es gibt ein Video, das Noels Tochter Anais Gallagher gedreht hat und das den lebendigen Dialog mit dem ehemaligen Smiths-Mann und die recht spontane Entstehungsweise des Gitarrenparts dokumentiert, der nach Einschätzung von Noel Gallagher dazu beigetragen hat, das Lied „an einen ganz besonderen Ort zu führen“. Ansonsten sagt er zu Pretty Boy: „Es war das erste Lied, das ich für diese neue Platte geschrieben, das erste, für das ich ein Demo aufgenommen und das erste, was ich fertiggestellt habe. Daher ist es nur recht und billig, dass es das erste ist, was die Leute zu hören bekommen.“

„Diese Platte handelt davon, wie wir die Zeit in unserem Leben vergehen sehen“, sagt Schlagzeuger Jonah Falco über One Day, das am 27. Januar erscheinende neue Album von Fucked Up. „Es ist die Verwirklichung dessen, was den Songwriting-Prozess bei uns schon immer ausgemacht hat, nämlich die Entstehung einer Idee in einer Person, die sich dann auf andere Mitglieder überträgt. Die gesamte Entwicklung dieses Albums geschah spontan, was bedeutete, dass man keine Zeit hatte, etwas in Frage zu stellen. Man musste mutig sein.“ Für ihr sechstes Studio-Album haben sich die Kanadier in der Tat recht sportliche Rahmenbedingungen geschaffen. Gitarrist Mike Haliechuk schrieb alle zehn Lieder innerhalb eines Tages, dann schickte er sie an die anderen Bandmitglieder mit der Vorgabe, dass sie ebenfalls nur jeweils 24 Stunden Zeit hätten, um ihre Parts beizusteuern. Aus dem Wunsch nach maximaler Spontaneität wurde dann allerdings doch nichts: One Day war eigentlich schon für 2020 geplant und wurde dann von Covid-19 ausgebremst, was Fucked Up immerhin nutzen konnten, um das gigantische Projekt Year Of The Horse abzuschließen. Weiterer unerhoffter Nebeneffekt des Lockdowns: Sänger Damian Abraham hat zum ersten Mal seit Glass Boys (2014) wieder Texte geschrieben, weil er einfach das Gefühl hatte, wieder etwas zu sagen zu haben. „Es fühlte sich fast so an, als wäre es das letzte Mal, dass ich Gesang für irgendetwas aufnehmen würde“, erzählt er über die Sessions, und fügte zum Schreibprozess hinzu: „Was will ich den Freunden sagen, die nicht mehr unter uns sind? Was möchte ich mir selbst sagen? Wir haben viel nachgedacht, und nachdem wir uns mit Year Of The Horse in eine Fantasiewelt zurückgezogen haben, ist diese Platte so, als würden wir ins echte Leben zurückkehren.“ Der Titelsong (***1/2) verkörpert mit seiner Entschlossenheit und gefährlich wirkenden Energie noch sehr gut die Ursprungsidee, der Harmoniegesang als Kontrapunkt überrascht hingegen genauso wie der Einfall, mit Amanda Pye und Tavia Christina zwei professionelle Tänzerinnen für den Videoclip zu engagieren. Regisseur Colin Medley hat aber eine ziemlich einfache Erklärung dafür: „Als ich One Day zum ersten Mal hörte, klang es für mich sofort wie ein Lied über zwei Menschen, die alle Widrigkeiten überwinden, um Liebe und Glück miteinander zu finden.“

Auch Kyle Thomas alias King Tuff gibt mit dem Titelsong den ersten Ausblick auf sein neues Album. Smalltown Stardust wird am 27. Januar 2023 erscheinen und nach seiner Auskunft vor allem die Themen „Liebe, Natur und Jugend“ behandeln. Wie der Titel verrät, spielen auch Kleinstädte eine wichtige Rolle. „Die Wahrheit ist, dass ich nie wirklich meine kleine Stadt in Vermont verlassen wollte. Ich wusste, dass es etwas war, das ich tun musste, um tatsächlich eine Karriere als Musiker zu verfolgen, aber ich liebte mein Leben dort, und ich weinte bitterlich an dem Tag, als ich 2011 mit einem Greyhound-Bus nach Los Angeles fuhr“, sagt Kyle Thomas. „In einer alternativen Dimension gibt es eine Version von mir, die immer noch dort lebt, immer noch auf der Treppe hängt, Bilder im Coffeeshop malt und die Eisenbahnschienen entlang des Flusses entlangläuft.“ Immerhin hat ihm der Schritt in die große Stadt dann aber doch ein paar Vorteile gebracht. Nicht nur die Karriere als King Tuff, sondern beispielsweise auch eine sehr kreative WG, zu der unter anderem Sasami gehört, die sein neues Album mitproduziert und größtenteils auch mitgeschrieben hat. „Ich habe versucht, mich sehr an ihrer Vision zu orientieren. Es hilft, seine Welt für Kollaborateure zu öffnen. Man bekommt immer etwas ganz anderes, als man erwartet hätte“, sagt Thomas. Die Lead-Single Smalltown Stardust (***1/2) wird geprägt von einem holrigen Beat und abenteuerlichem Arrangement, was beides an Beck denken lässt. Düstere Streicher kontrastieren mit dem niedlichen Gesang, gekrönt wird das alles von einem wunderschönen Refrain. „Smalltown Stardust ist ein Lied darüber, dass ich diesen kleinen Ort und seine seltsame Magie immer bei mir habe, egal wohin ich gehe“, lässt der Künstler wissen, und diese Magie und Verbundenheit kann man hier tatsächlich hören.

Auf neun Songs beschrängt sich H.C. McEntire für ihr drittes Album. Every Acre, Nachfolger von Lionheart (2018) und Eno Axis (2020) wird im Januar 2023 erscheinen und von ihr selbst, Missy Thangs und Luke Norton coproduziert. Wie eh und je spielt ihre Rolle als queere Frau im Country-Business eine große Rolle, so auch in der Vorab-Single Dovetail (****), die in den einzelnen Strophen unterschiedliche Frauen mit ihren jeweiligen Talenten und Traumata vorstellt. „Dovetail begann als schrilles Country-Demo, das ich grob zu Hause aufgenommen habe. Im Studio haben die Band und ich uns auf den Twang und die Outlaw-Attitüde eingelassen, es aufgenommen und uns dann anderen Songs zugewandt. Aber irgendetwas ermunterte uns immer wieder, diesen Song neu zu interpretieren, ihn aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten“, erzählt H.C. McEntire, die vor ihrer Solokarriere zunächst als Frontfrau von Mount Moriah und später als Backgroundsängerin in der Live-Band von Angel Olsen aktiv war. „Eines Abends, nach einem langen Aufnahmetag, fing Luke an, die Akkordfolge von Dovetail auf dem Klavier zu spielen, aber viel langsamer. Daniel sprang hinter das Schlagzeug und spielte einen einfachen Halftime-Beat, während ich neben dem Klavier stand und in den Raum hinaus sang. Wir nahmen schnell etwa eine Minute dieses Experiments mit dem Handy auf und gingen ins Bett. Am nächsten Morgen bezogen wir uns auf die Aufnahme und nahmen eine Version des Songs mit der gesamten Band in diesem Stil auf – im Wesentlichen hatte er nun die Form einer Ballade.“ Man kann sich das ursprüngliche Arrangement noch immer vorstellen, kennt man diesen Hintergrund, in jedem Fall wird durch die reduzierte Variante aber die komplexe Botschaft des Lieds klarer, und der großartige Gesang innerhalb dieses feinen Spannungsbogens kann umso heller strahlen.

Wenn eine (weiterhin aktive) Band schon nach zehn Jahren eine Wiederveröffentlichung herausbringt, dann muss es sich um ein ganz besonders Werk gehandelt haben. Bei der EP Unzufrieden von Die Höchste Eisenbahn ist das in jedem Fall so. Die sechs Stücke, die es zum Jubiläum ab 2. Dezember erstmals auf Vinyl geben wird, waren schließlich so etwas wie der unverhoffte Grundstein für die Karriere der Band, die seitdem drei Alben herausgebracht hat. 2002 trafen sich Moritz Krämer und Francesco Wilking in Berlin, für die ersten Konzerte holten sie Schlagzeuger Max Schröder (damals Tomte) und Bassist Felix Weigt (damals Kid Kopphausen) hinzu, anfangs überließen sie die Gesangsparts stellenweise noch den prominenten Freund*innen Gisbert zu Knyphausen und Judith Holofernes. Die beiden singen auf Vergangenheit (****) mit, und das Lied hat bereits alle Eigenschaften, die Fans noch heute an Die Höchste Eisenbahn schätzen: Es ist skurril (die Samples zu Beginn), schmissig (der Beat), schräg (der Text), bodenständig (die Instrumentierung) und ausgelassen (die Atmosphäre). Wie wenig die Beteiligten vor zehn Jahren wohl dachten, mit der EP etwas Dauerhaftes und Großes anzustoßen, beweist übrigens das Coverfoto von Unzufrieden: Es wurde einfach mit dem Handy im Hof vom Proberaum aufgenommen.

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