Futter für die Ohren mit Phillip Boa, Matija, Charlotte Brandi, Walking On Rivers und The toten Crackhuren im Kofferraum


Charlotte Brandi The Magician

Charlotte Brandi (ehemals Me & My Drummer) ist jetzt solo unterwegs. Foto: Beats International/Helen Sobiralski

Ein kaputter Fuß war es einst, der Noel Gallagher dazu bewegte, eigene Songs zu schreiben statt bloß das Equipment der Inspiral Carpets durch die Gegend zu tragen. Gegen eine ähnliche Wendung des Schicksals hätte wohl auch Charlotte Brandi nichts einzuwenden. Sie brach sich 2015 den Fuß, damals war sie noch Sängerin, Gitarristin und Keyboarderin bei Me And My Drummer. Während der Auszeit reifte der Gedanke an eine Solokarriere, ebenso wie erste Ideen für ein dazugehöriges Album. Das wird nun am 15. Februar 2019 erscheinen (die Band hat im September ihre Auflösung bekannt gegeben) und The Magician heißen. Der Titel verspricht nicht zu viel, glaubt man dem Vorboten My Days In The Cell (***1/2). Der Sound ist sinnlich und üppig, irgendwo zwischen Prag und A-Camp, die Stimme ist weiterhin zauberhaft. „My Days In The Cell zeigt einen speziellen, sehr einsamen Teil meiner Seele in den Neunziger und Nuller Jahren, als ich als junges Mädchen in Dortmund-Hörde gewohnt habe“, sagt Charlotte Brandi, die mittlerweile in Berlin lebt. Für das Video zum Song ist sie zusammen mit ihrer Schwester Emily Brandi, die Regie geführt hat, in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Im Frühjahr nächsten Jahres stehen weitere Reisen an, dann mit ihrer vierköpfigen Band. Den Tourauftakt macht sie in Leipzig am 4. April.

Nach New York verschlägt es Phillip Boa im Video zu Cruising (***), der dritten Single aus der LP Earthly Powers. Zumindest virtuell ist das der Fall, denn der Clip von Johannes Kruse lässt ihn per Animation durch diverse historische Gegenden des Big Apple fahren – angesichts der sehr schlauen Zeile  „It’s a privilege to feel free“ geschieht das natürlich im Cabrio, und Godzilla oder Al Pacino schauen auch kurz vorbei. Der Sound dazu ist eingängig, verschwörerisch und Boa-typisch genug, um verstehen zu lassen, wie es die sein aktuelles Studioalbum bis auf Platz 3 der deutschen Charts schaffen konnte. Angesichts des zuletzt verlässlich sehr hohen Qualitätslevels des Wahl-Maltesers, der am 22. Februar seine neue Tour startet, muss man Visions zustimmen: „Wo Boa ist, ist oben.“

Auch sehr entspannt unterwegs ist Matija. „Driving in my dreams with both eyes closed“, heißt es in der zweiten Strophe von The Calling (***). Mit dem Song gibt die Band, deren Mitglieder aus der Slowakei, Slowenien, den USA und Jordanien stammen und in München zusammengefunden haben, einen Vorgeschmack auf das, was nach dem erfolgreichen Debütalbum Are We An Electric Generation Falling Apart? (das brachte ihnen beispielsweise Support-Auftritte für The 1975 oder Wanda ein) folgen wird. Der Clou dabei ist nicht nur der Mix aus Genres, von HipHop über James-Blake-Post-Dubstep bis hin zu Eighties-Referenzen, sondern vor allem die Atmosphäre, die Matija damit erzeugen. Bei den Konzerten und Januar und Februar darf man sicher noch mehr Ausblicke auf das danach anstehende zweite Album erwarten.

Natürlich hätte man dieses Lied auch Servicewüste nennen können. Aber wenn eine Band sich The toten Crackhuren im Kofferraum nennt, darf man wohl von einer Vorliebe fürs Plakative ausgehen. Deshalb heißt die neue Single eben Jobcenterfotzen und ist zugleich der erste Vorbote für das dritte Album mit dem ebenfalls wunderhübschen Titel Bitchlifecrisis (kommt am 1. Februar). Der Song darf wohl zumindest zu 14,4 Prozent als ernst gemeinte Kritik an desinteressierten Jobvermittlern gelten, die hoch motivierte Arbeitssuchende abblitzen lassen. „Deutschlands letzte RIOTGRRRRL-Band“, so die selbst gewählte Berufsbezeichnung, hat damit vielleicht die heimliche Hymne für die gerade begonnene Abschaffung von Hartz IV geschrieben – und der Song macht noch mehr Spaß als die Pseudo-Enthüllungs-Doku von Ben Brundes und Ludwig Henze im Video.

Zum Schluss kehren wir noch einmal nach Dortmund zurück. Dort sind Walking On Rivers zuhause. Schon rund drei Jahre besteht die Band, 2019 wird es den ersten Tonträger geben, nämlich eine EP, auf die sie jetzt mit der ersten offiziellen Single Off The Trails (**1/2) aufmerksam machen. Dass sie für Studioaufnahmen so lange gebraucht haben, verwundert nicht mehr so sehr, wenn man weiß, dass das Quintett bereits mehr als 150 Konzerte gespielt hat. Dass sie auf der Bühne in der Lage sein werden, eine ordentlich bierselige Folk-Sause in Gang zu setzen, glaubt man nach diesem Song gerne. Ob sie über genug Eigenständigkeit verfügen, um sich etwa von Gesinnungsgenossen wie Of Monsters & Men oder Mumford & Sons abzusetzen, muss dann wohl die EP zeigen.

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