Gelitten, gelernt, geschafft


Eine Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung macht sich breit, als endlich das Ziel erreicht ist. Foto: Charlie Rolff

Eine Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung macht sich breit, als endlich das Ziel erreicht ist. Foto: Charlie Rolff

So richtig weiß ich auch nicht mehr, wie ich überhaupt auf diese Idee gekommen bin. Irgendjemand hatte erzählt, dass der Fulda-Marathon am 5. September stattfindet. Ich war gerade ganz fit und hatte auch noch ein paar Wochen Zeit, um mich intensiv vorzubereiten. So nahm das Unheil seinen Lauf.

Der Start: Ich komme erst auf den letzten Drücker. Meine Laune ist nicht die beste. Aus lauter Angst, den großen Tag zu verschlafen, habe ich kaum ein Auge zugetan. Während der Fuldaer Oberbürgermeister den Countdown zum Start herunterzählt, bin ich hektisch damit beschäftigt, meine Startnummer zu befestigen, den Chip zur Zeitmessung an den Schuh zu klemmen und die Kabel der Kopfhörer zu entwirren, die für Unterhaltung während des Laufs sorgen sollten.
1 km: „Bloß nicht zu schnell angehen“, hatten mir Fachleute geraten. Das hätten sie sich allerdings schenken können. Schnell angehen kann man hier ohnehin nicht, denn es sind viel zu viele Läufer auf der Strecke. Eine Dame hat sogar ihren Hund dabei. Herren im besten Alter haben sich Gürtel umgeschnallt, die mich schmerzhaft an die Bundeswehr erinnern. Doch statt ABC-Tasche, Ersatzmagazin und Klappspaten hängen bei ihnen vielerlei kleine Fläschchen um die Hüfte. Ein sehr eifriger Läufer hat sogar Karteikarten in der Gesäßtasche. Was da wohl draufsteht? Linkes Bein vor, rechtes Bein vor? Oder der Streckenplan? Oder eine Abkürzung? Es bleibt ein Geheimnis. Ich suche mir stattdessen ein paar Läufer, an deren Tempo ich mich orientieren kann und gucke mir zwei Damen aus: Hinter(n) denen lässt es sich schön laufen.
3 km: Die erste Verpflegungsstation. Die Helfer werden die angebotenen Getränke und Bananen kaum los. Was soll das auch? Wer jetzt schon Verpflegung braucht, der ist hier wohl verkehrt.
5 km: Ein leichter Schmerz in der Hüfte macht sich bemerkbar. Ich kenne das Problem von meinen Strandläufen. Es lässt sich leicht beheben, indem ich einfach die Straßenseite wechsle.
6 km: Was überhaupt nicht eingeplant war: Eine Pinkelpause muss her. Ich lerne: Man sollte nicht versuchen, den gesamten vorauszusehenden Flüssigkeitsverlust schon beim Frühstück aufzufangen. Nach der Erledigung des Geschäfts lege ich einen Zwischenspurt ein; erstens, weil ich mich nach der Erleichterung viel besser fühle und zweitens, um den Anschluss an die Hintern wieder zu finden.
10 km: Die Hintern habe ich längst abgehängt. Auch der erste Berg erweist sich als lächerlich. Diese Läufer sollten erstmal den „Mount Lungenreißer“ auf meiner Trainingsstrecke sehen!
13 km: Alles ist gut, es läuft sich wie von selbst. „Hip hip“ ruft jemand im Kopfhörer – und ich nehme es mir zu Herzen. Nichts tut weh, seit der Pinkelpause hat mich niemand mehr überholt.
14 km: Mit einem Affenzahn rauscht eine ganze Horde junger Männer an mir vorbei. Sie kommen aus Friedberg und laufen so deprimierend schnell, dass ich schon die Polizei rufen will. Doch eine weitere Horde mit „Polizei Schweinfurt“-T-Shirts folgt erst nach einer ganzen Weile.
21 km: Halbzeit nach zwei Stunden und 10 Minuten. Ich liege gut in der Zeit. Mein Ziel war, dass am Ende eine Zeit unter fünf Stunden herauskommt. Ich habe also noch ein Polster von 40 Minuten. Nur die Durchsage im Stadion irritiert mich: „In etwa 20 Minuten erwarten wir hier den Sieger des diesjährigen Fulda-Marathons.“
28 km: Der erste Schweinehund. Es wird immer heißer, langsam spüre ich meine Beine. Das unebene Kopfsteinpflaster am Buttermarkt gibt mir beinahe den Rest. Ich verjage den Schweinehund und überhole lieber den Mann mit der schwarzen Hose vor mir.
30 km: Der Schweinehund hat gesiegt. Ausgerechnet vor der Winfriedschule beschließe ich, dass es heute eigentlich viel zu warm ist, um durch die Stadt zu rennen und verlege mich aufs Gehen. Hoffentlich bekommt mein alter Sportlehrer das nicht mit (er hieß auch noch Herr Schnell). Ich weiß, dass jetzt noch ein Berg mit einem Verpflegungsstand vor mir liegt, an dem ich ohnehin halten werde, und plane, bis dorthin eine Pause einzulegen.
31 km: Am Eisweiher habe ich das Tief überstanden und versuche mich wieder im Laufschritt. Die Muskeln sind allerdings reichlich verhärtet und melden Protest an. Richtig rund laufe ich jetzt nicht mehr. Aber ich laufe, immerhin.
34 km: Nachdem ich inzwischen ein ganzes Rudel weiterer Schweinehunde verjagt habe, ist Schluss. Es geht nicht mehr. Auch die tolle Musik im MP3-Player kann nun nicht mehr von den fatalen Gedanken ablenken: Wieso ist eigentlich den ganzen Sommer über Mistwetter und ausgerechnet heute solch eine Bullenhitze? Warum machst Du das eigentlich? Und wieso hast Du Depp auch noch allen davon erzählt? Wenn niemand davon wüsste, könntest Du jetzt einfach stehenbleiben und klammheimlich aussteigen, ohne Dich dafür schämen oder rechtfertigen zu müssen. Ich lerne: Nicht mehr so eine große Klappe haben.
35 km: Ich habe das unstillbare Bedürfnis, meine Schuhe auszuziehen und mich irgendwo hinzusetzen. Ich glaube längst nicht mehr daran, dass ich ins Ziel komme. Ohne dass ich es ahne, naht allerdings meine Rettung. Ein anderer Läufer hat mich eingeholt. Michael aus Heidelberg. Er läuft auch seinen ersten Marathon und hat ähnlich zu kämpfen. Wieso ich nicht erstmal mit einem Halbmarathon angefangen habe, will er wissen. „Das wäre keine Herausforderung“, sage ich ihm. Die selbe Antwort hatte ich all denen gegeben, die mich vor diesem Vorhaben gewarnt haben. Ich lerne: Sie hatten alle Recht. „Zusammen ziehen wir das jetzt durch“, beschließt der andere Michael trotzdem.
37 km: Gegenseitig muntern wir uns auf und reißen uns noch einmal am Riemen. Das 37-km-Schild am Maberzeller Sportplatz muss ich allerdings schon zum Stretching nutzen, da die linke Wade inzwischen bedenklich zwickt.
42 km: Endlich im Stadion. Die Tartanbahn ist im Vergleich zum knüppelharten Asphalt vorher eine Wohltat. Dafür ist es noch heißer. Der Fotograf will, dass ich auf der Zielgeraden die Arme hochreiße, doch mir ist nicht nach Jubel zumute. Freude, Stolz, Euphorie? Nichts. Bloß Erleichterung. Ich habe es einfach nur geschafft. Ich bin einfach nur geschafft. Nach fünf Stunden und acht Minuten bedanke ich mich bei Michael aus Heidelberg, ohne den ich nicht ins Ziel gekommen wäre. Dass heute auch mein Geburtstag ist, verschweige ich ihm. Noch nie war es mir so deutlich, dass ich um ein Jahr gealtert bin.
Der Tag danach: Kein Muskelkater, dafür aber Blasen an beiden Füßen. Auch die Knie schmerzen noch ein wenig. Ich lerne: Es war mein erster Marathon. Und mein letzter.

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