Gier


Film Gier

Gier Filmkritik Review

Dieter Glanz (Ulrich Tukur) wirft mit Geld um sich.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2010
Spielzeit 2 x 90 Minuten
Regie Dieter Wedel
Hauptdarsteller*innen Ulrich Tukur, Devid Striesow, Uwe Ochsenknecht, Heinz Hoenig, Harald Krassnitzer, Kai Wiesinger, Jeanette Hain, Sibel Kekilli, Katharina Wackernagel, Anouschka Renzi, Mariella Ahrens
Bewertung

Worum geht’s?

Dieter Glanz erzielt als Finanzmakler spektakuläre Renditen. Entsprechend kann er sich kaum retten vor Anfragen von Leuten, die ihr Geld in seinen Investments anlegen wollen. Er ist gefragt in der High Society, begrüßt Prominente und Politik-Größen in seiner Villa und lebt in Saus und Braus. Auch der etwas tollpatschige Andy Schroth, der mehr oder weniger zufällig den Zugang zum umschwärmten Finanz-Guru findet, will sein Stück vom großen Reibach haben. Er pumpt Freunde und Familie um Geld an, damit er trotz seines überschaubaren Gehalts die geforderte Summe von 1,5 Millionen Euro zusammenbekommt, die von Dieter Glanz als Mindestbetrag für das nächste vielversprechende Investment aufgerufen wird. Als Schroth das Geld bezahlt hat, öffnet sich für ihn die Tür zu einer Welt voller Luxus und Laster. Als er aber nachhakt, wann er denn seine Einlage samt des in Aussicht gestellten märchenhaften Gewinns wieder zurückbekommt, wird er hingehalten. Schroth ahnt, dass Dieter Glanz – auf den mittlerweile auch die Finanzbehörden aufmerksam geworden sind – einen Schwindel inszeniert hat, in dem er selbst viel tiefer gefangen ist, als ihm lieb sein kann. Als Glanz auf der Flucht vor dem Finanzamt seinen Lebensmittelpunkt nach Südafrika verlegt und dort weiterhin regelmäßig aus dubiosen Gründen die versprochenen Ausschüttungen hinauszögert, wird die Lage nicht besser. Denn auch andere Anleger sind längst nervös geworden.

Das sagt shitesite:

Man kann sich durchaus fragen, was eine so umfangreiche und so hochkarätige Riege von Star-Schauspielerinnen und -Schauspielern im Jahr 2010 dazu gebracht hat, im neuen Film von Dieter Wedel mitzuspielen. Der Regisseur, der auch das Drehbuch für Gier frei nach wahren Begebenheiten geschrieben hat, war damals zwar noch nicht mit #MeToo-Vorwürfen konfrontiert. Aber kreativ war er bereits auf dem absteigenden Ast, und auch diesen 6 Millionen Euro teuren TV-Zweiteiler werteten die meisten Kritiker als Fortsetzung dieses Trends.

Zu den Gründen könnte gehören, dass es unter anderem mit Mallorca und Südafrika überaus attraktive Drehorte gab. Es mag auch verlockend erschienen sein, zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise in einem TV-Event zu einem so hochgradig aktuellen Thema vertreten zu sein. Vielleicht kann man bei der einen oder anderen Person vor oder hinter der Kamera aber auch von persönlicher Betroffenheit ausgehen: Die Geschichte von Gier basiert auf dem Fall des Hochstaplers Jürgen Harksen, der Anfang der 1990er Jahre aktiv war. Zu den von ihm geprellten Anlegern gehörten nach eigenen Angaben auch Prominente wie Udo Lindenberg und Dieter Bohlen. Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, dass sich dessen Renditeversprechen damals auch in die Filmbranche herumgesprochen hatten und der eine oder die andere angesichts Gier nun dachte: Wenn ich diesem Typ damals schon auf den Leim gegangen bin, dann will ich jetzt wenigstens seine Geschichte erzählen – und dafür noch eine stattliche Gage einstreichen.

Diese (unterstellte) Innensicht ist eines der Probleme dieses Films. „Ohne Schurkerei wird keiner reich“, heißt eines der vielen Bonmots, die man in den (deshalb nicht sehr lebensechten) Dialogen des Zweiteilers finden kann, doch Gier scheint das trotz seines programmatisch-aktivistischen Titels einfach hinzunehmen. Es gibt weder Empörung über den Betrug, weil die meisten der Geprellten es sich leisten können, ein paar Milliönchen zu verjuxen, noch Mitgefühl mit den Betrogenen, weil sie letztlich alle völlig freiwillig in die Falle des Finanzgurus tappen. Schon gar nicht werden die Menschen thematisiert, die – ganz ohne Lust auf riskante Investments und Aussicht auf Renditen – durch die Perversion der Finanzmärkte wirklich existenziell geschädigt werden, weil sie ihren Job oder ihre Altersvorsorge durch Spekulationen verlieren oder zu prekären Bedingungen arbeiten müssen, damit die Aktionärsversammlung wieder eine hübsche Dividende erhalten kann. Wedels Gesellschaftssatire führt vor, wie verharmlosend und herablassend eine Formulierung wie „Sein Geld für sich arbeiten lassen“ ist, denn es bedeutet letztlich: Nichtstun und andere ausbeuten. Glanz und seine Entourage sind ausschließlich mit Saufen in der Finca, Faulenzen am Pool oder Golf in noch einem Luxushotel beschäftigt. Selbst der Staat wird, wenn er in Person eines Steuerfahnders oder Staatsanwalts auftritt, nicht als Interessenvertretung all der anderen Menschen inszeniert, sondern wie ein strafender Gott ohne besonders ausgeprägte Autorität.

Das zweite Manko hat ganz direkt mit der filmischen Adaption der Wirkungsweise des Schneeballsystems von Dieter Glanz zu tun: Als Zuschauer*in durchschaut man die Hinhaltetaktik des vermeintlichen Finanzgenies viel eher als die Protagonist*innen, und wegen genau dieses Vorsprungs verliert das Geschehen gehörig an Spannung. So, wie die Anleger*innen auf die Ausschüttung warten, muss sich gelegentlich auch das Publikum auf ein entscheidendes Fortschreiten des Plots gedulden, und über eine Spielzeit von drei Stunden setzt dieser Effekt schlicht zu häufig ein. Schon nach dem ersten Teil fragt man sich, wie diese Geschichte noch weitergedreht werden soll. Tatsächlich hält Glanz (genau wie Wedel) die Bälle zwar noch eine Weile in der Luft, aber man hat da längst genug gesehen von dieser Jonglage.

Vor allem den zweiten Teil hätte man deutlich straffen können, zumal weder der notorisch gutgläubige Andy Schroth noch der zögerliche Staatsanwalt plausibel als Gegenspieler des umschwärmten Glanz aufgebaut werden. Auch das liegt wieder an der Grundstruktur des hier erzählten Falls, denn jeder, der einen Verdacht hat und die Behörden informieren könnte, muss erkennen: Dieser Schritt würde das Kartenhaus womöglich zum Einsturz bringen und damit auch das eigene Investment wertlos machen. Nur, wer weiter mitspielt, hat zumindest noch eine kleine Chance, sein Geld vielleicht irgendwann wieder zu bekommen. Insbesondere Andy Schroth muss bei all der Empörung des kleinen Mannes, die er symbolisieren möchte, erkennen: Er ist selbst zum Spekulanten mit eigenen Gläubigern geworden, und hat sich somit zum Komplizen gemacht.

Gier ist immer dann besonders sehenswert, wenn genau diese Konstellation und die psychologischen Mechanismen, die in ihr wirken, herausgearbeitet werden. Ulrich Tukur ist großartig in der Rolle des skrupellosen Menschenfängers und undurchschaubaren Sonnenkönigs, der seinen Hofstaat mit einem Mix aus Charme und Draufgängertum manipuliert. Er benutzt dabei auch immer wieder Druck auf der zwischenmenschlichen Ebene, durch das Spiel mit Vertrauen, Loyalität, Aufmerksamkeit, Eifersüchteleien, Anerkennung und Großmannssucht. Fast genauso stark wie die Gier ist die Eitelkeit: Alle sind darauf aus, vor allem den Schein zu wahren, und jeder denkt, er sei schlauer als die anderen. Sie alle kriegen dabei den Hals nicht voll, sie alle ahnen, dass ihnen die eigene Gier zum Verhängnis geworden ist. Schlimmer, als sich dies bewusst zu machen, ist in diesem Zweiteiler nur ein weiteres Geständnis: Ich bin pleite, weil ich auf einen Blender hereingefallen bin.

Bestes Zitat:

„Reichtum ist wie Meerwasser. Je mehr du davon trinkst, desto durstiger wirst du.“

Der Trailer zum Film.

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