Highfield-Festival, Großpösna, Tag 3 4


Jesse Hughes oder aber: SO sieht ein Rockstar aus. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

Jesse Hughes oder aber: SO sieht ein Rockstar aus. Foto: Highfield/Christoph Eisenmenger

„Ich sehe mich selbst nicht als Rockstar. Nicht mal ein bisschen“, hatte mir Wombats-Sänger Matthew Murphy am Freitag im Interview vor seiner grandiosen Show gesagt. Das hat mich erstens ein bisschen verwundert und zweitens zu der Frage geführt, wo denn dann die echten Rockstars beim Highfield 2012 sind. Den Sonntag in Großpösna habe ich genutzt, um mich auf die Suche zu machen. Hier das Ergebnis: die zehn größten Rockstars zum Highfield-Abschluss.

Platz 10: Brian Molko
Funktion: Sänger von Placebo
Rockstar-Faktor: 0,3

Brian Molko misst 1,68 Meter – ein großer Rockstar wird er also ohnehin nie mehr werden. Sein Glamour-Faktor hat auch sonst gelitten, vor allem durch die Tatsache, dass sein einst provokantes Markenzeichen (ein Mann mit Eyeliner!) mittlerweile von gefühlt der Hälfte jedes aktuellen Abitur-Jahrgangs kopiert wird. Auch das Beharren darauf, als einziger Act überhaupt beim Highfield 2012 von den Fotografen einen eigenen Foto-Vertrag zu verlangen, ist nicht gerade hilfreich. Gegensteuern könnte er freilich mit seinem Werk. Doch da haben Placebo aktuell so gut wie nichts zu bieten. In dem Moment, in dem Brian Molko beim Highfield auf der Bühne steht, ist das „aktuelle“ Album des Trios 380 Tage alt. Lahm.

Platz 9: Casper
Funktion: Rapper
Rockstar-Faktor: 3,1

Mit der Kinderstube scheint es nicht weit her zu sein im Reich des deutschen Sprechgesangs. Hatten am Freitag schon K.I.Z. ihre Fans gerne als „Arschlöcher“ begrüßt, versuchte sich auch Casper beim Highfield in Publikumsbeschimpfung und ließ sich am Ende seiner Show den kollektiven Mittelfinger zeigen. Seine Musik ist zwar überflüssig bis nervtötend, aber das ist immerhin ein bisschen mutig.

Platz 8: Simon den Hartog
Funktion: Sänger der Kilians
Rockstar-Faktor: 3,4

Ich gebe zu: Es schmerzt mich ein bisschen, dass ich Simon den Hartog in dieser Liste nur knapp über einem Kasper wie Casper einordnen kann. Im Interview am brütend heißen Sonntagmittag hatte er sich als sympathischer, ehrlicher, schlauer Gesprächspartner erwiesen. Er hatte aber auch erklärt, dass die Kilians seiner Ansicht nach „nie mehr eine stylische Band“ werden und dass es lächerlich wäre, jetzt noch einen Versuch in diese Richtung zu starten. Das mag stimmen, und ist auch gar nicht schlimm, wenn man statt Style so viel Talent und Einsatz, eine so kurzweilige Show (mit kurzen Referenzen an Cro, Scooter und, ähm, Udo Jürgens) und ein so tolles neues Album (erscheint am Freitag) zu bieten hat. Die kurze rote Hose, die der Sänger dann auf der Bühne trug, war aber nicht nur nicht stylisch, sondern ein modischer Supergau. Wenn da einer singen kann wie Liam Gallagher, Alex Turner und Julian Casablancas zusammengenommen und dann aussieht wie sein eigener Roadie – sehr schade.

Platz 7: Sharon Janny den Adel
Funktion: Sängerin von Within Temptation
Rockstar-Faktor: 4,7

Die Symphonic-Metaller aus den Niederlanden beim Highfield zwischen Casper und den Black Keys zu platzieren, war etwa genauso sinnvoll wie die Idee mit Bullet For My Valentine zwischen den Wombats und den Sportfreunden am Freitag (oder der Versuch, den Highfield-Fans eine ausreichend lange Pause fürs Abendessen auf dem Zeltplatz zu gönnen, ohne eine relevante Band zu verpassen). Sängerin Sharon Janny den Adel hat nicht nur einen tollen Rockstar-Namen, sondern auch kein Problem damit, als dreifache Mutter auf der Bühne die Tolkien-Diva im silbernen Kleid zu geben, und Backstage bereitwillig für Fotos zu posieren und jeden denkbaren Quatsch zu signieren. Sie scheint der Beweis zu sein: Manche Menschen sind besser als ihre Musik.

Platz 6: Patrick Karney
Funktion: Schlagzeuger der Black Keys
Rockstar-Faktor: 9,5

Die Black Keys waren sicher eine der am sehnsüchtigsten erwarteten Bands beim Highfield 2012. Leider hatten sie dann mit Tonproblemen zu kämpfen. Erst war der Sound nur eine Sekunde lang weg (immer wieder mal), dann aber eine ganze Weile am Stück. Die Band ließ sich, wie man hört, davon nicht unterkriegen und Patrick Karney spielte einfach so laut weiter, dass man selbst die Hi-Hat seines Schlagzeugs noch ganz hinten an der Green Stage hören konnte. Das ist echter Rockstar-Einsatz.

Platz 5: Alex Levine
Funktion: Bassist bei The Gaslight Anthem
Rockstar-Faktor: 11,2

Zum Wesen eines Rockstars gehört ja, dass man mysteriös ist, undurchschau- und unberechenbar. Auf Alex Levine von The Gaslight Anthem trifft das definitiv zu. Der bekennende Lokalpatriot aus New Jersey läuft hinter der Bühne gerne mit einer Baseballmütze herum, auf der „Chicago“ steht und sieht ansonsten aus wie ein Skater aus der Jackass-Gang – nicht wie ein Typ, der mit einem fundamentalistischen Christ mit sentimentalem Nebenprojekt in einer Band spielt. Krass.

Platz 4: Der Eishutmann
Funktion: Fan
Rockstar-Faktor: 13,0

Was macht einen Rockstar aus? Er ist leicht derangiert, modischer Draufgänger, verbreitet eine Aura von Gefahr und Zerstörung – und er bewahrt immer einen kühlen Kopf. All das trifft auf den netten jungen Herrn zu, den ich am Sonntagnachmittag am Strand des Störmthaler Sees traf. Er hatte einen Hut geschenkt bekommen (auch so eine Rock-Star-Eigenschaft: die müssen sich keine eigenen Klamotten kaufen), wollte ihn sich dann mit Eiswürfeln füllen lassen, um der Hitze ein Schnippchen zu schlagen, bei diesem Plan ging allerdings die Hutkrempe drauf, die der Mann am Cocktailstand (dort trifft man immer die größten Rockstars) beim Befüllen des Huts mit Eis leider abriss. Trotzdem: cool.

Übrigens: Ein kurzes Planschen im See nutzte am Sonntag auch Veranstalter Dieter Semmelmann höchstpersönlich für eine Abkühlung. Den Kalauer mit „Das Highfield geht baden“ spare ich mir jetzt, denn seine Festival-Bilanz fiel durchaus zufrieden aus: „Wir hatten ein sehr entspanntes Festival“, sagte er mir im Gespräch. Beim dritten Gastspiel am neuen Standort in Großpösna habe man zum dritten Mal großes Glück mit dem Wetter gehabt. Semmelmann räumte aber auch ein, dass der Plan, mit dem neuen Gelände auch die Möglichkeit für Wachstum zu eröffnen, bisher nicht genutzt wurde. Die Besucherzahlen seien leicht hinter denen des Vorjahrs zurückgeblieben. Mit knapp 20.000 Fans könne er aber leben, schließlich habe man in diesem Jahr keinen Headliner präsentieren können, der so zugkräftig wäre wie die Foo Fighters im Vorjahr. „Wir sind noch dabei, uns zu konsolidieren. Im Prinzip muss man das Highfield nach dem Umzug als ein neues Festival betrachten, und es braucht offensichtlich eine Weile, bis es richtig in der Region verwurzelt ist“, meint er. In Hohenfelden habe man im Vergleich zur Größe des Einzugsgebiets einen sehr hohen Anteil von Besuchern aus der Gegend gehabt, genau da will er mit dem Highfield in Großpösna auch hin. Fürs nächste Jahr wird sich das Gelände wieder leicht verändern. Semmelmann kann sich beispielsweise vorstellen, dass zu später Stunde direkt am Ufer des Sees elektronische Musik gespielt wird. Und noch ein Punkt ist ihm aufgefallen: „Wir brauchen ein paar mehr Orte, wo es Schatten gibt.“

Auch nicht schlecht: Charlotte Cooper. Foto: Highfield/Malte Schmidt

Auch nicht schlecht: Charlotte Cooper. Foto: Highfield/Malte Schmidt

Platz 3: Charlotte Cooper
Funktion: Bassistin der Subways
Rockstar-Faktor: 16,8

Dass die Subways am Sonntag tatsächlich eine spontane Müllsammel-Mithilfe-Aktion für die freiwilligen Helfer beim Highfield gestartet (und dann noch ein exklusives Mini-Konzert gespielt) haben, ist aller Ehren wert. Die Tatsache, dass es Charlotte Cooper schon seit mehr als vier Jahren mit ihrem Exfreund in einer Band aushält, ist auch ziemlich bemerkenswert. Der goldene Minirock, den sie auf der Bühne trug, war das rockstarigste Outfit des ganzen Festivals (kurz vor den Hawaii-Hemden von Me First & The Gimme Gimmes am Samstag). Der wichtigste Faktor allerdings: Die Subways legten am Sonntag eine tolle Show hin, lockten die Fans scharenweise in die brütende Hitze vor der Green Stage und ließen mithilfe eines Circle Pits sogar eine hübsche Staubwolke in Richtung Sonne aufsteigen, zur Strafe für all die Hitze. Damit waren sie typisch für einige Bands beim Highfield 2012: Auf dem Papier (oder eben dem Plakat mit dem Line-Up) macht ihr Name vielleicht nicht allzu viel her, aber live und in Farbe sind sie ein famoser Spaß.

Platz 2: Dennis Lyxzén
Funktion: Sänger bei Refused
Rockstar-Faktor: 21,9

Selbstironie ist eine existenzielle Eigenschaft für jeden Rockstar, der etwas auf sich hält. Der Sänger von Refused, die sich nach 14 Jahren wieder vereint haben, wandte sich gleich zu Beginn mit einer großen Dosis davon an die Fans, die bloß reglos in den hinteren Reihen umherstanden. „You think you are too old and too cool to dance. We thought we were too old and too cool, too. And look where we are now: Prancing around like a bunch of teenagers”, lautete seine Analyse. Ansonsten hatten die Schweden den Beweis im Gepäck, dass sie während ihrer Pause nichts von ihrer Entschlossenheit und Kreativität verloren haben. Lyxzén sprang herum, als trainiere er für ein Posing-Duell mit Howlin‘ Pelle Amqvist und machte sich (wie übrigens auch Bonaparte und Kraftklub beim Highfield) für die Begnadigung von Pussy Riot stark: „Sie haben gegen die Kirche protestiert und gegen den Staat. Und sie leben in einem Land, wo sie dafür zwei Jahre ins Arbeitslager müssen. Wenn ich zwei Jahre bekommen hätte für jedes Mal, wo ich gegen den Staat oder die Kirche protestiert habe, würde ich die nächsten 4000 Jahre im Gefängnis verbringen.“ Word, word.

Platz 1: Jesse Hughes
Funktion: Sänger der Eagles Of Death Metal
Rockstar-Faktor: 14,9 Millionen

Wenn man das, was Elvis angefangen hat, in aller Konsequenz zu Ende denkt (und noch ein paar schlechte Drogen dazu gibt wie den teuflisch grünen Schnapps, den die Eagles Of Death Metal hinter der Bühne an befreundete Künstler verschenken), dann kommt man bei Jesse Hughes heraus. Er führte beim Highfield eindrucksvoll vor, was man in Hollywood unter dem Begriff «Rockstar» versteht. Links und rechts der Bühne war eine riesige Entourage versammelt, und jeder Einzelne davon war ein durch und durch überzeugter Jünger dieses Manns, dessen Ansagen tatsächlich an einen Laienprediger denken lassen. Am Ende der famosen Show voller Sex, Gefahr und Hedonismus gab es ein „Amen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die besten Bilder vom Highfield 2012 gibt es hier.


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