Hingehört: And The Golden Choir – „Another Half Life“


Künstler And The Golden Choir

Tobias Siebert hat wirklich alles an "Another Half Life" selbst gemacht.

Tobias Siebert hat wirklich alles an „Another Half Life“ selbst gemacht.

Album Another Half Life
Label Cargo
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Man darf Another Half Life von And The Golden Choir wohl guten Gewissens als eine Herzensangelegenheit bezeichnen. Hinter der heute erscheinenden Platte steckt Tobias Siebert, einst Sänger und Gitarrist von Klez.e, in den vergangenen Jahren auch als Produzent positiv aufgefallen, unter anderem für Phillip Boa, Marcus Wiebusch, Juli, Slut und Kettcar. Seit 2009 arbeitet er schon an diesem Album, und zwar so alleine, wie man es sich nur vorstellen kann: Er hat alles darauf selbst komponiert und eingespielt. Wirklich alles.

Im Booklet von Another Half Life steht nun, da das Werk vollendet ist, in goldenen Lettern auf schwarzem Grund: „Tobias Siebert sings choirs and voices, plays drums and percussion“, dann werden zwölf weitere Instrumente aufgezählt, und weil das längst nicht alle sind, folgt noch der Zusatz „and all the other instruments“. Die Sache mit dem Chor ist also nur eine halbe Mogelpackung, wie schon der Titelsong als Auftakt beweist: Siebert singt mit mehreren Ausgaben seiner selbst, und zwar acapella.

Die Wandlungsfähigkeit seiner Stimme erweist sich auch danach als einer der großen Pluspunkte bei And The Golden Choir: Mal fühlt man sich an Antony Hegarty erinnert, mal an Matt Bellamy, wiederholt auch an Fran Healy. Der Harmoniegesang im Walzer My Brothers Home klingt nach den Brüdern Finn von Crowded House.

Dass das Lied den Zusammenhalt beschwört, nicht nur innerhalb der Familie, sondern zwischen den Menschen insgesamt, ist typisch für Another Half Life: Siebert strebt eine Symbiose aus Folk, Indie und Gospel an, entsprechend sakral sind die Inhalte: Kirchen, Sünde, Wiedergeborene, Teufel und Gebete begegnen einem hier allenthalben. Die Texte kranken zwar oft an den etwas allzu schlichten Reimen (Siebert ist als Komponist, Sänger und vor allem als Arrangeur eindeutig besser denn als Poet), doch die religiösen Themen unterstreichen letztlich die zweite große Stärke des Albums: Man merkt der fast durchweg akustischen Platte an, mit wie viel  Überzeugung und Sorgfalt sie gemacht wurde.

My Heaven Is Lost stellt das Klavier ins Zentrum und scheint eine Erlösung zu versprechen, in jedem Fall aber innig zu ersehnen. The Transformation ist sanft, besinnlich und melancholisch und würde auch wunderbar ins Repertoire von Get Well Soon passen. Holy Diamond bietet etwas Radiohead-Dramatik. The Hunter Of Souls wird nach einem reduzierten Beginn immer hymnischer, Angelina ist ein wunderbares Beispiel für die Ergriffenheit, die zu den wichtigsten Attributen von And The Golden Choir gehört. Gleiches gilt für den sehr schönen Schlusspunkt In Heaven.

Die Single Dead End Street erzählt vom Streben nach Glück, vielleicht auch vom Kämpfen um das Glück, glauben zu können. Es ist nicht das beste Lied auf Another Half Life, aber das gefälligste. Erstaunlicherweise fehlt aber ausgerechnet hier der heilige Eifer, der das Album ausmacht, und weicht einer entspannten Nettigkeit. Ein Höhepunkt ist hingegen It’s Not My Life – das Stück ist zwar (leider) kein Antwortsong auf den größten Hit von Dr. Alban, aber mit einem überraschend forschen Schlagzeug, E-Gitarre und Handclaps (ebenso wie das folgende New Daily Dose) ein willkommener Moment der Entschlossenheit, der dafür sorgt, dass man dem Album nicht den (ansonsten latent vorhandenen) Vorwurf der Weinerlichkeit machen kann.

Je öfter man dieses Album hört, desto deutlicher wird zudem: And The Golden Choir macht Musik, die auf die Bühne gehört. Nicht nur, weil sie durchaus ein Element von Schauspiel birgt (wie jede gute Predigt), sondern weil sie so sehr nach Gemeinschaft strebt. Siebert hat dafür eine spannende Lösung gefunden: Live begleitet er sich quasi selbst, indem er singt und musiziert und die übrigen Instrumente als Live-Playbacks vom Plattenspieler erklingen lässt. Hallelujah.

Das Video von Angelina zeigt, wie ein Ein-Mann-Projekt live als Band funktioniert.

And The Golden Choir gibt es im März live zu sehen:
04.03.2015 – Köln, Studio 672
06.03.2015 – Erlangen, E-Werk
07.03.2015 – Mainz, Schon Schön
08.03.2015 – Göttingen, Nörgelbuff
09.03.2015 – Essen, Weststadthalle
10.03.2015 – Jena, Cafe Wagner
11.03.2015 – Hamburg, Prinzenbar
18.03.2015 – Magdeburg, Moritzhof
19.03.2015 – Düsseldorf, Kassette – Micro Pop Week
20.03.2015 – Frankfurt, Mousonturm Lokal
21.03.2015 – Stuttgart, Café Galao
22.03.2015 – München, Milla
27.04.2015 – Berlin, Lido
28.04.2015 – Dresden, Societätstheater

Homepage von And The Golden Choir.

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