Hingehört: Buzzcocks – „Time’s Up“


Künstler Buzzcocks

Time's Up Buzzcocks Kritik Rezension

Die frühen Demos der Buzzcocks werden neu veröffentlicht.

Album Time’s Up
Label Domino
Erscheinungsjahr 1976
Bewertung

Es gibt viele legendäre Ereignisse in der britischen Musikgeschichte, die sich sehr genau datieren lassen. Am 6. Juli 1957 begegneten sich John Lennon und Paul McCartney erstmals. Am 7. April 1962 spielten Mick Jagger und Keith Richards zum ersten Mal zusammen auf einer Bühne. Am 31. Mai 1993 erlebte Alan McGee ein Konzert von Oasis in Glasgow und nahm sie sofort unter Vertrag. Ein nicht ganz so bekanntes, aber im Rückblick ebenfalls enorm wichtiges Datum, war der 18. Oktober 1976. An diesem Tag nahmen die Buzzcocks in den Revolutions Studios in der Bramhall Lane in Stockport elf Lieder auf. Es waren die Songs, die sie zu dieser Zeit auch bei ihren Konzerten spielten. Die gesamte Session kostete 45 Pfund.

Seit 1978 waren die Demo-Aufnahmen unter dem Titel Time’s Up als Bootleg verfügbar, 1991 wurden sie erstmals offiziell veröffentlicht. Zum 40. Geburtstag der kurz darauf erscheinenden Debüt-EP Spiral Scratch legt Domino die Platte, ebenso wie die EP, nun neu auf. Sie zeigt aus zwei Gründen einen historischen Moment: Erstens gibt es die Buzzcocks, eine der prägenden Bands des britischen Punks, hier in einem sehr frühen Stadium zu hören, und zwar bereits mit einigen ihrer bekanntesten Songs – alle Lieder von Spiral Scratch und fast alle Tracks vom tatsächlichen Debütalbum Another Music In A Different Kitchen sind hier in embryonalen Versionen zu hören. Zweitens waren die Buzzcocks in dieser Zeit mit Blick auf das Musikbusiness echte Pioniere: Die EP veröffentlichten sie in Eigenregie auf einem eigenen Label und setzten den Punk-Gedanken damit als erste Band auch wirtschaftlich um – wie wichtig das für die spätere Independent-Kultur war, ist offensichtlich.

Time’s Up is that rare artefact; a piece of work that was never meant for human consumption and yet it provides a crucial link between the real roots of English punk and what was to follow“, hat die BBC auch aus diesem Grund über die Sammlung von Demos geschrieben. Besonders wertvoll ist die Wiederveröffentlichung für Buzzcock-Fans auch, weil hier die ursprüngliche Besetzung des Quartetts zu hören ist: Howard Devoto (Gesang), Pete Shelley (Gitarre), Steve Diggle (Bass) und John Maher (Schlagzeug). Devoto verließ die Band schon kurz nach Erscheinen der Spiral Scratch-EP, woraufhin Pete Shelley die Rolle als Frontmann übernahm. Devotos prägende Rolle ist hier etwa in Love Battery unverkennbar, wo vor allem dieser lallende Gesang wohl auch heute noch manchen Großmüttern Angst einjagen könnte, oder in I Love You, You Big Dummy, einer sehr freien Coverversion von Captain Beefheart, die den Song zwar eher wie eine Komposition von Chuck Berry wirken lässt, aber dennoch zeigt, wie weit sein musikalischer Horizont reicht. Vergleichsweise experimentell ist auch Don’t Mess Me Around, das man beinahe für einen wichtigen Einfluss auf The Velvet Underground halten könnte.

Dass Pete Shelley sich dann in den späteren Jahren der Buzzcocks vor allem einen Namen als Punk mit Händchen für Pop erwies, schimmert hier ebenfalls bereits durch. Auch hier kann eine Coverversion als Beweis herhalten: I Can’t Control Myself (im Original von The Troggs) zeigt ihre Liebe zum Eingängigen, auch wenn sie am Ende ebenso ihre Lust auf Lärm, Zerstörung und Gemeinheiten ausleben. Beeindruckend angesichts der folgenden Monate ist auch der Titelsong: In Time’s Up zeigen die Buzzcocks eine sagenhafte Geschlossenheit, sie klingen wie ein vierköpfiges Monster.

Natürlich gibt es hier auch bereits eine weitere Besonderheit, die später zum Markenzeichen der Band aus Manchester wurde: In den Texten gibt es Sex, Sex, Sex – und zwar nicht als Verkaufsstrategie, sondern weil es das einzige ist, was sie aus der tödlichen Langeweile der am Horizont bereits erkennbaren Thatcher-Ära ausbrechen lässt (ihr eigenes Label haben die Buzzcocks passend dazu „New Hormones“ getauft). Orgasm Addict ist der deutlichste Beweis dafür. Mehr „Leck mich“ im Sound geht nicht, und wie schockierend freizügig das Mitte der 70er Jahre geklungen haben muss, kann man sich heute wohl kaum noch vorstellen. Das gilt auch für das dreifache „You bloody swine“ am Ende von You Tear Me Up. Die Stimme von Howard Devoto ist darin sehr weit vorne im Mix, nicht aus Eitelkeit, sondern weil hier zur üblichen Punk-Wut auch der Wille kommt, wirklich etwas zu sagen.

Wie sehr und wie schnell sie dieses brandneue Genre als Ventil für ihre Gefühlswelt ins Herz geschlossen haben, zeigen die Songwriter Devoto und Shelley, die nach einem Konzert der Sex Pistols beschlossen, selbst eine Band zu gründen, hier mit praktisch jedem Track. Breakdown ist so prototypisch (und so gut), dass man es sich 1:1 von den Ramones oder eben den Sex Pistols vorstellen könnte. Lester Sands (Drop In The Ocean) hat die Art von Rotzigkeit, die man danach ein paar Jahre lang mit Sicherheitsnadeln, Nietenarmbändern und Lederjacken verbinden würde. Friends Of Mine hat ebenfalls reichlich Aggressivität, der Text wird von Howard Devoto eher gesprochen als gesungen, als würde er diese ungewöhnliche Liebesgeschichte seinen Kumpels erzählen.

Zum Geist einer Punk-Gründungsurkunde gehört auch, dass es auf Time’s Up neben dem Lofi-Sound der Demoaufnahmen auch ein paar weitere handwerkliche Schwächen gibt. Das Schlagzeug kommt oft etwas unbeholfen daher, die Gitarre wird ebenfalls stets schüchtern, sobald sie mehr als Rhythmus spielen soll. Auch ein Song wie das später legendäre Boredom zeigt das: Punk machen die Buzzcocks nicht nur aus empörter Entschlossenheit und aus Lust auf dieses neue ästhetische Prinzip, sondern tatsächlich auch, weil es die Musik ist, die ihren limitierten Mitteln am ehesten entspricht. Und genau deshalb ist das Ergebnis so direkt und wirkungsvoll.

Bei der zweiten Show der Sex Pistols in Manchester spielten die Buzzcocks im Vorprogramm, auch Breakdown.

Website der Buzzcocks.

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