Clueso – „Neuanfang“


Künstler Clueso

Clueso Neuanfang Rezension Kritik

Etliche alte Zöpfe hat Clueso für sein sechstes Album abgeschnitten.

Album Neuanfang
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Es ist nicht allzu weit von meinem Schreibtisch bis zur Homebase von Clueso, dem Zughafen in Erfurt (ich habe gerade nachgemessen: Es sind genau 145 Kilometer). Trotzdem bin ich ein wenig überrascht, dass mein Aufruf dort so schnell erhört wurde.

„Clueso kann eine Menge, aber er hat offensichtlich ein falsches Verständnis davon, was seine Stärken sind“, hatte ich über das Album Stadtrandlichter Live geschrieben, auf dem die akustischen Bonustracks die einzigen Lichtblicke waren. „Seine Musik lebt eher von Gemütlichkeit als Show, eher von Intimität als von Spektakel, eher von Gefühl als von Handwerk.“

Nicht mal ein Jahr später gibt es ein neues Album von Clueso, und er scheint tatsächlich genau dieselben Schlussfolgerungen gezogen zu haben. Im Spätsommer 2015, als er die auf dem Livealbum dokumentierte Deutschland-Tour zu Ende gebracht hatte, wurde ihm klar: Etwas muss anders werden. Clueso trennte sich von seiner Band und seinem Manager und verließ den Zughafen, der bisher das Epizentrum seines künstlerischen Schaffens war. „Ich musste feststellen, dass mich all die Verpflichtungen und Versprechungen gegenüber meinem Umfeld in meiner künstlerischen Freiheit einschränkten“, sagt er jetzt im Rückblick.

Man kann das übermorgen erscheinende Neuanfang, sein siebtes Album, tatsächlich als einen Befreiungsschlag interpretieren. Fast alles, was zuletzt nervte, hat er über Bord geworfen. Es gibt weniger Hippie-Pseudo-Philosophie, dafür mehr Sensibilität und Poesie. Weniger Muckertum, dafür mehr Fokus („Werf nicht alles in einen Topf“, heißt eine Zeile). Weniger kiffen, dafür mehr denken („Wie oft saß ich mit meinen Gespenstern / schrieb Verse krumm und schief / überall das Licht, das ich gesehen hab’ / von dem ich mich blenden ließ“, ist die Strophe, die das zu bestätigen scheint). Weniger von anderen, mehr von ihm selbst.

In diesem Neuanfang steckt nicht nur die Idee “Ich will etwas anderes ausprobieren“, sondern auch das Eingeständnis: „Ich habe Fehler gemacht, so konnte es nicht weitergehen.“ So viel Selbstkritik ist durchaus erstaunlich im Musikgeschäft, erst recht für einen Künstler, der aus der Ego-verliebten Kultur des Rap kommt und über eine Million Tonträger verkauft hat. Doch gerade die Tatsache, dass er die Kritik von außen ebenso ernst genommen hat wie das eigene Unwohlsein mit dem Status Quo wird hier zum Schlüssel für ein richtig gutes Album. Ein Lied wie Achterbahn könnte man sich mit mehr Power tatsächlich von Kraftklub vorstellen, auch so hat der Track schon erstaunlich viel Punch und Optimismus. Der Text zeigt: Clueso kennt die Erwartungshaltung, ist aber nicht beratungsresistent und weiß allem wieder, dass er selbst (im Zweifel sogar alleine) den Kurs vorgeben muss.

Auch Lass sie reden beweist das. Das Lied ist etwas harmlos in der Musik, aber der Text wird zu einer überzeugenden Proklamation der eigenen Autonomie, die auch zu Udo Lindenberg passen würde. Während Produzent Tobias Kuhn den größten Teil der Musik beisteuerte, arbeitete Clueso diesmal eher spontan an den Texten und der Ausgestaltung der Songs. „Ich hatte die Musik noch nicht oft gehört und den Kopf deshalb so frei, dass die Emotionen noch in der Stirn flackern und flimmern konnten. Das war wie zu HipHop-Zeiten, als der DJ einen Beat gebaut hat und ich parallel dazu meinen Text geschrieben habe“, sagt er. „Ich glaube, ich habe mir viele Leute erspielt, weil die Musik damals so eine Urkraft hatte, die im Laufe der Zeit durch Perfektion und Wissen etwas verloren gegangen ist.“

Jetzt stimmen sogar die Kleinigkeiten wieder: Es gibt noch immer recht üppige Instrumentierungen, die bis hin zum Gospelchor und reichlich Bläsern reichen, aber diese Elemente sind kein Blendwerk, sondern stärken den jeweiligen Song. Ein beschauliches Lied wie Neue Luft bekommt er diesmal hin, ohne es langweilig werden zu lassen. Ein Songtitel wie Sorgenfrei hätte früher wahrscheinlich einen Tralala-Song hervorgebracht, jetzt ist es ein erstaunlich ernstes Lied am Ende des Albums. Der Auftakt Neuanfang hat einen klasse Sound, wird lässig, aber entschlossen, ist programmatisch, aber nicht verkrampft.

In Anderssein (mit Sara Hartmann) fehlt nicht viel, und man könnte „Rockmusik“ dazu sagen, obendrein ist der Song tanzbar und leichtfüßig wie man das etwa von den Kilians zu schätzen wusste. Im anderen Duett, Wenn du liebst (mit Kat Frankie), ergänzen sich die Stimmen so gut, dass man Clueso fast verzeiht, dass er „Chopin“ hier auf „Refrain“ reimt. Gordo ist benannt nach dem Schimpansen, den die NASA im Jahr 1958 ins All schickte und dessen Geschichte hier erzählt wird. Clueso macht daraus tatsächlich etwas wie sein eigenes Space Oddity, aus der Sicht eines Affen – spätestens, als er nach dem zweiten Refrain in die Ich-Perspektive wechselt.

„Für mich ist es ein wichtiges Album. Weil ich mich hinterfrage, ohne mich zu verlieren“, sagt der 36-Jährige. Tatsächlich ist ihm hier beides gelungen. Im besten Fall ist Neuanfang der Auftakt für das erwachsene Kapitel in der Karriere von Clueso.

Der Albumplayer zu Neuanfang.

Im Winter gibt es Clueso in kleinen Hallen, bevor die große Tour startet.

11.12.2016   Bochum – Zeche

12.12.2016   Karlsruhe – Tollhaus

15.12.2016   Potsdam – Waschhaus

16.12.2016   Erlangen – E-Werk

20.12.2016   Darmstadt – Centralstation

02.02.2017   München – Muffathalle

03.02.2017   Stuttgart – Im Wizemann

05.02.2017   Berlin – Astra

06.02.2017   Hamburg – Große Freiheit 36

08.02.2017   Leipzig – Täubchenthal

09.02.2017   Köln – Gloria

13.02.2017   Erfurt – Stadtgarten

14.02.2017   Erfurt – Stadtgarten

Website von Clueso.

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