Hingehört: Der Herr Polaris – „Mehr innen als außen“


Künstler Der Herr Polaris

Mehr innen als außen Der Herr Polaris Kritik Rezension

Beck nimmt sich Der Herr Polaris als Vorbild für sein zweites Album.

Album Mehr innen als außen
Label Grand Hotel van Cleef
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Mehrere Leben führen heißt das zweite, wunderbar schwerelose Lied auf dieser heute erscheinenden Platte, und Der Herr Polaris weiß durchaus, wie sich das anfühlt. Bruno Tenschert, so sein bürgerlicher Name, ist im Hauptberuf Streetworker in seiner Heimatstadt Augsburg. Nachdem seine ehemalige Band Die Herren Polaris nicht richtig durchstarten konnte, haben sich seine früheren Bandkollegen von der Musik verabschiedet. Für ihn käme das nie infrage, und so hat sich das Changieren zwischen Songwriting und Sozialarbeit für ihn längst als idealer Daseinszustand erwiesen: „Nur durch die Musik gelingt es mir, so viel Freude an meiner Arbeit zu haben, und ohne die Arbeit könnte ich nicht Musik machen, wie ich das möchte. Diese zwei Welten werden bei mir immer koexistieren, sonst würde ich definitiv eingehen“, sagt er.

Daraus spricht das Credo eines Überzeugungstäters, das der Mittdreißiger schon auf seinem Solodebüt Drehen und Wenden ausgelebt hatte. Auch auf Mehr innen als außen zeigt er sich eigen und eigenständig, nahe liegende Bezugspunkte sind beispielsweise Jens Friebe oder, in rockigeren Momenten wie Deine Wege, das den Übergang vom Auseinanderleben zur tatsächlichen Trennung behandelt, etwa auch Die Sterne. Der Titelsong wiederum klingt ein wenig wie The Notwist, nachdem ihre Rechner abgestürzt sind.

Über die eigene Verortung hat sich Der Herr Polaris durchaus gründliche Gedanken gemacht. Als treffende Berufsbezeichnung sieht er den altmodisch anmutenden Begriff des Liedermachers. „Nicht, weil ich mich von anderen Songwritern krampfhaft absetzen möchte, sondern weil mit dem Singer-Songwriter-Stempel gleich so viele klangliche und inhaltliche Trademarks mitschwingen, die ich gerade zu vermeiden suche. Ich bin zum Beispiel kein Storyteller, wie das die Troubadoure des Folk nun einmal machen. Ich suche stattdessen nach möglichst einfachen, klaren, kurzen Zeilen, um eine bestimmte zwischenmenschliche Konstellation zu beschreiben, die letztlich jeder kennt – damit auch jeder sich auf seine Weise damit verbunden fühlen kann, ungeachtet seiner konkreten Problemstellung. Es fühlt sich für mich so aufrichtiger und damit viel richtiger an.“

Solche Zeilen gibt es reichlich auf Mehr innen als außen, und sie haben genau die angestrebte Wirkung. „Damit es wirklich zu Ende geht / und nicht einfach nur vorbei“, „Der Kopf voll mit Leere / so möcht‘ ich mal sein“, „Mein Herz schlägt zurück / doch es schlägt doch noch“ – das sind nur die plakativsten Beispiele. Ein weiteres Erkennungszeichen ist die Kompaktheit der Songs. Der Schlusspunkt In Anlehnung an ist typisch dafür, nicht einmal zweieinhalb Minuten lang, getragen nur von Gesang und Gitarre und so viel Hall, dass man ihn beinahe als eigenes Instrument anführen möchte. „Ich mag eben Songs, die sehr kurz und trotzdem sehr rund und komplett und zu Ende erzählt sind. Das ist zwar oft nicht gerade der einfachste oder kürzeste, aber plausibelste Weg für mich“, sagt Tenschert.

Lieder wie Hinterfragen, in denen er sich als Träumer, Romantiker und Spinner outet, der entspannte und souveräne Albumauftakt Bier meiner Jugend, der roh und unverputzt klingt, oder Uns verbindet zeigen, wie Der Herr Polaris dieses „rund“ definiert: Es ist erstaunlich, wie er mit fast rein akustischen Mitteln so viel Spannung in diese Songs bekommt. Als Vorbild für diese Technik benennt er Beck. „Ich war immer beeindruckt davon, wie es ihm gelingt, auch seine sehr folkigen Platten mit einigen wenigen Mitteln so zu gestalten, dass sie voll und ganz nach einer Beck-Platte klingen. Diese Handschrift für jeden Song zu formulieren und zu finden, ist der Prozess, der für mich am langwierigsten, aber auch existenziellsten ist. Zumal man es kaum beeinflussen kann. Man kann nur machen und tun und dabei beobachten, was passiert. Mit dem Song und mir selbst – und wie richtig sich das dann anfühlt“, sagt Tenschert. „Zum Glück gibt es meistens nicht nur den einen richtigen Weg, sondern viele. Man muss sie allerdings unterscheiden können“, hat er erkannt.

Der letzte Satz hat nicht nur in beiden Welten Gültigkeit, in denen er lebt, also beim Komponieren ebenso wie in der Hilfestellung für Jugendliche. Der Herr Polaris weißt mit dieser Erfahrung auch auf die vielleicht größte Stärke von Mehr innen als außen hin: Das Album zeigt, wie viel Arbeit, Grips und Geschick manchmal dahinter stecken, wenn etwas ganz intuitiv wirkt.

Der Herr Polaris spielt Deine Wege live in der Puppenkiste Kegelbahn.

Website von Der Herr Polaris.

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