Hingehört: Herbert Grönemeyer – „Dauernd Jetzt“


Künstler Herbert Grönemeyer

"Dauernd jetzt" ist immer dann schlimm, wenn es aktuell sein will.

„Dauernd jetzt“ ist immer dann schlimm, wenn es aktuell sein will.

Album Dauernd Jetzt
Label Grönland
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Keine Frage: Herbert Grönemeyer hat eine Menge erreicht. Schon im Jahr 2000 wurde er für sein Lebenswerk ausgezeichnet (mit der 1Live Krone), 2007 wurde er zum besten Musikstar aller Zeiten gewählt (von den ZDF-Zuschauern), vor ein paar Wochen wurde er als „Deutschlands größter Künstler“ angepriesen (von Frank Briegmann, dem Chef seiner Plattenfirma Universal).

Viel größer kann Anerkennung fürwahr kaum ausfallen. Das Problem ist nur: Sie kommt von den falschen Leuten. 1 Live? ZDF? Der eigene Boss? Das sind nicht wirklich die besten Referenzen für künstlerisches Renommee. Auch nach 13 Millionen verkauften Alben hat Herbert Grönemeyer also noch etwas zu beweisen. Dauernd jetzt, sein 14. Studioalbum, macht unmissverständlich deutlich: Er will unbedingt weiterhin relevant sein. Und er will das schaffen, was Westernhagen zumindest früher geschafft hat und Lindenberg erstaunlicherweise aktuell gelungen ist: cool sein, zum ersten Mal in seiner Karriere.

Genau das ist das Problem von Dauernd jetzt. Fangen wir mit der Relevanz an, die der 58-Jährige vor allem über aktuelle Themen herzustellen versucht. Uniform ist ein Lied gegen Online-Tyrannei und Überwachung und wird katastrophal. Es klingt wie der lebende Beweis, dass man Begriffe wie „Menschenwürde“, „Terrorist“ und „digitale Diktatur“ nun einmal schlecht in einen guten Popsong integrieren kann – erst recht nicht, wenn er im fiesesten Mucker-Sound des Jahres 1982 daher kommt.

Noch schlimmer ist Der Löw – jawohl, ein Lied über das WM-Finale 2014 und den deutschen Titelgewinn. Der Song könnte auch dann nicht peinlicher sein, wenn tatsächlich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mitsingen würde. Zudem ist es reichlich irritierend, wie Grönemeyer zunächst die Entstehung des Siegtors besingt („letzter Moment, kommt über links, schwebt ein, senkt sich zwischen die Flügel“, mein Gott!) und dann die Freudenfeste, die das Turnier ausgelöst hat. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass er sich mit einer schlauen Pointe oder einem kritischen Hinweis von diesem nationalen Taumel distanziert – doch diese Distanzierung kommt nicht.

Unbehagen löst auch Unser Land aus, ein halbgarer Versuch, sich im rockigen Sixties-Sound zu Deutschland zu positionieren. „So’n schönes Land, allgemein / die wahre Tücke steckt im Detail“, heißt die Quintessenz. Unter Tage will poetisch und bedeutend sein, bleibt aber krude.

Und die Coolness? Soll immer wieder über Seemanns-Metaphorik hergestellt werden wie im mittelmäßigen Roter Mond, manchmal auch durch dezente Elektronik wie in Einverstanden oder dem instrumentalen Annäherung, oder über einen Sound wie von Robbie Williams in seinen besten Zeiten wie in Wunderbare Leere, das halbwegs gekonnt zwischen Leichtigkeit und Fahrlässigkeit balanciert. Größter Fehltritt in dieser Richtung ist der Hoopieshnoopie Remix von Fang mich an als letzter Track dieser Deluxe-Edition von Dauernd jetzt. Der Track zeigt mit seinem unpassenden Möchtegern-David-Guetta-Sound immerhin, wie vernünftig es von Grönemeyer war, ansonsten zumindest bei den musikalischen Zutaten auf Bewährtes zu setzen statt auf Modernismen.

Denn natürlich weiß Grönemeyer, was die Fans von ihm wollen. Er wird nicht so sehr als Sänger verehrt, sondern als Stimme, die für Deutschland die ganz großen Themen besingt. Er ist der Mann, der im Radio erklärt, wieso der Mensch ein Mensch ist, wann der Mann ein Mann und wie man Glück im Blick tragen kann.

Es sind genau solche Lieder und vor allem die reduzierten Momente, die auch auf Dauernd jetzt mit Abstand am besten gelingen. Verloren ist eine schöne Studie über das Auseinanderleben, Neuer Tag – nur mit Gesang und Klavier – ist famos rührend, Feuerlicht ist so lebendig und feinfühlig, dass es sogar mühelos afrikanische Klänge integrieren kann. Auch Fang mich an ist intensiv, spannend und stilvoll, am Ende sogar feurig. Das sanfte Ich lieb mich durch hat ein paar von diesen putzigen, entwaffnenden Zeilen, bei denen man schon ahnt, dass Tausende sie bei der Tour im Frühjahr 2015 aus tiefstem Herzen mitsingen werden: „Ich geb’s auf zur guten Nacht / erklär dir zum tausendsten Male / wie sehr glücklich du mich machst.“

Der Höhepunkt ist die Vorab-Single gleich zum Auftakt des Albums: Morgen ist ein wunderbar inniges, famos universelles Liebeslied. Der Refrain wird mit subtilen Ergänzungen nach und nach immer leidenschaftlicher, mitreißender, größer. Zugleich ist Morgen so sehr geprägt vom Wissen um Vergänglichkeit, dass man kaum sicher sein kann, ob es wirklich an eine Geliebte oder vielleicht an das eigene Kind gerichtet ist.

Es sind solche Songs, die Dauernd jetzt noch retten, auch wenn Grönemeyer schon wieder nicht cool ist. Er wirkt auch auf dieser Platte oft unbeholfen, manchmal peinlich, mitunter ergreifend. Er besingt gleich in mehreren Liedern die Unbeschwertheit, trotzdem hat er in etlichen Momenten unverkennbar einen Stock im Arsch. Wenn er im Bonustrack Pilot wieder nur zum Klavier singt, mit beinahe verkrampfter Entschlossenheit zu Poesie, Melodie und Gefühl, dann kann man darin so etwas erkennen wie den deutschen Billy Joel. Und das ist vielleicht gar kein schlechter Ehrentitel.

Todschick und beseelt: Das Video zu Morgen.

Homepage von Herbert Grönemeyer.

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