Hingehört: How To Dress Well – „Care“


Künstler How To Dress Well

Care How To Dress Well Kritik Rezension Tom Krell

Ein Aufruf zur Menschlichkeit ist das vierte Album von How To Dress Well.

Album Care
Label Domino
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Braucht die Welt wirklich noch mehr Lieder, in denen halbwegs erwachsene Männer das Versprechen von „I’ll take you right there“ an wahrscheinlich nicht annähernd erwachsene Mädchen abgeben? Hört man sich Can’t You Tell an, den Opener dieses Albums, der besagte Zeile enthält, dann ist man versucht zu sagen: Ja, unbedingt! Zumindest, wenn ein Lied eine so verführerische Balance aus Intimität, Innovation und Intelligenz hinbekommt.

“I wanted to start this record with joy, sensuality and physicality instead of austere repression or depression”, erklärt Sänger Tom Krell, der Mann, der How To Dress Well ist und auf seinen drei vorangegangenen Alben auch gerne den Grübler gegeben hat. Was dann folgt, hat Spiegel.de gerade als „eine große, kluge, tief berührende Platte, ein lichter Triumph im Schaffen eines einzigartigen Künstlers“ abgefeiert, und man mag kaum widersprechen.

Care bietet sehr gute Texte und setzt immer wieder auf den eindringlichen Appell, fürsorglich miteinander umzugehen, was erstaunlich kitschfrei gelingt. Tom Krell sieht das Album als ein “enactment of care”, es geht ihm darum, den Glauben an das Miteinander wieder zu entdecken und damit auch die Wertschätzung für das eigene Ich. “When I wrote these songs, I wanted to make myself feel right. I make music in order to try out feeling true, and weirdly I feel like it took me a long time to connect feeling true and feeling good”, sagt der Mann aus Chicago.

Care besticht mit einem ultramodernen, sehr schicken Popsound, der oft an Justin Timberlake denken lässt, oder beispielsweise in The Ruins deutlich macht, wie James Blake klänge, wenn er irgendwann noch einmal ein anderes Ziel verfolgen sollte, als sich selbst und sein Publikum einzuschläfern.

Was man bei solchen Koordinaten nicht erwartet: How To Dress Well adressiert auf dieser Platte etliche große Fragen, vielleicht sogar die größten:  “Where am I in my life? What do I want? Who do I want to love and know and why? Who do I want to fuck and why? What is love? What is lust? What is right? Who do I want to be? I always learn so much when I look at my lyrics and listen to my music: this is, weirdly, how I access myself”, umschreibt Krell die erstaunliche Wirkung, die diese Herangehensweise für ihn selbst hat. “I’m not great at introspection. It’s easier for me to make a song, let it act like a mirror and see where I’m at in this incessantly transforming thing.”

They’ll Take Everything You Have ist sensibel, klug und sogar politisch engagiert (“When we look back after all things go, in 2016 we fell off the globe”, lautet eine Zeile), bevor es übergeht in einen wundervollen Hidden Track namens Untitled. In den Salt Song integriert Krell eine gepfiffene Melodie so clever, dass es kein bisschen wie ein Gimmick wirkt, bevor sich der Track in Richtung Prog Rock entwickelt. Die erste Zeile enthält, in leichter Abwandlung von Immanuel Kant, das Credo dieses Albums: “I want to learn to care for my soul like I wish you’d cared for my soul.”

Zu den Produzenten dieser Tracks gehören Dre Skull, Kara-Lis Coverdale, CFCF und Jack Antonoff, und sie hatten einen profunden Einfluss auf die aktuelle Inkarnation von How To Dress Well: “It was thrilling to push and be pushed in turn by my collaborators. It was important all along this path to take the beautiful sounds these people helped me make and metabolize them myself, through my own vision, to touch absolutely every single element and study all the contours of this music – I felt nourished by everything we all developed together and it was easy to grow as a producer, arranger, and musician with their help.”

Die Ergebnisse dieses Wachstums sind so gelungen wie abwechslungsreich: Time Was Meant To Say gerät geheimnisvoll und eigen, ohne sperrig zu werden, Made A Lifetime erweist sich als wunderbar moderne Interpretation eines so uncool klingenden Konzepts wie „Klavierballade“. So wie Burning Up hat man sich vor 50 Jahren vielleicht tatsächlich den Kuschelpop des Jahres 2016 vorgestellt. Lost Youth/Lost You ist als Song nicht herausragend, gewinnt durch das Sounddesign aber doch einiges an Anziehungskraft. I Was Terrible hebt im genau richtigen Moment das Energieniveau des Albums etwas an, Anxious wird sogar bestechend eingängig.

Am wunderbarsten an Care ist, wie intensiv, echt und wahr diese Platte klingt – nicht gerade der Normalfall bei Musik, die zum größten Teil am Rechner entstanden ist. Gerade das Bekenntnis, sich emotional zu öffnen, trägt viele der Lieder von How To Dress Well. Noch schöner ist die Entschlossenheit, sich nicht mit Beobachtung der Welt oder bloß des eigenen Innenlebens zu begnügen, sondern tatsächlich einen Appell daraus abzuleiten, für mehr Offenheit, Herzlichkeit und Menschlichkeit.

Krell gelingt das meisterlich, ohne dass er je nach Spaßbremse, neunmalklug oder wie ein singender erhobener Zeigefinger klingen würde. Das Bekenntnis zu Spaß, Genuss und Leichtigkeit ist für ihn schließlich auch ein Ergebnis der größeren (Selbst-)Fürsorge: “I have spent most of my life confusing truth with a certain limited aspect of truth. Call it a sad aspect – an especially male sadness that I guess I learned in high school from emo music and existential-type thoughts”, fasst Krell diese Idee zusammen. “I thought truth had to be a hard encounter with the abyss. I see now that truth can also be fun and even funny. Sadness is an unavoidable part of life, sure, but it doesn’t have to be twinned with faux-profound seriousness. Fun can be profound – or even just fun, and this can be profound.”

How To Dress Well spielen Can’t You Tell live fürs Radio.

How To Dress Well spielt demnächst zwei Konzerte in Deutschland:

15.11.2016 – Häkken, Hamburg
16.11.2016 – Gretchen, Berlin

Website von How To Dress Well.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.