Hingehört: Jonathan Jeremiah – „Oh Desire“


Künstler Jonathan Jeremiah

Cover des Albums "Oh Desire" von Jonathan Jeremiah

Mit „Oh Desire“ nähert sich Jonathan Jeremiah dem Soul an.

Album Oh Desire
Label BMG Rights Management
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Oh Desire. Das sind im Albumtitel gerade einmal zwei Buchstaben Unterschied zum legendären Bob-Dylan-Album aus dem Jahr 1976. Man möchte sagen: Gott sei Dank. Denn vom dylanschen Qualitätsniveau ist Jonathan Jeremiah auch auf seinem dritten Album ein gutes Stück entfernt, und das weiß er wohl auch. Der passende Titel für diese Platte ist Oh Desire trotzdem. Denn wie schon auf seinem Debüt A Solitary Man (2011) und Gold Dust (2012) singt der Londoner vor allem wieder über Herzschmerz. Allerdings so gut wie nie zuvor.

Einen großen Anteil daran hat die Tatsache, dass er erstmals mit einem festen Stamm von Musikern gearbeitet hat. „Ich hatte bereits eine ganz bestimmte Vorstellung und wollte ein Soul-Album machen. Mit der Band jedoch war es plötzlich wie in einer anderen Welt. Wir waren im letzten Jahr gemeinsam auf Tour, daher wollte ich sie auch viel mehr ins Songwriting einbeziehen und am Ende waren wir sehr viel länger im Studio als geplant. Doch wir lieben es“, sagt Jonathan Jeremiah über die Entstehungsweise von Oh Desire, das in den Konk-Studios von Ray Davies aufgenommen und von Jeremiah selbst produziert wurde.

In der Tat hat er nur 6 der 13 Songs alleine geschrieben und sich für den Rest jeweils Verstärkung aus seiner Band geholt. Dazu zählen drei Instrumentalstücke, die alle das gleiche Leitmotiv aufgreifen und den herrlichen Orchester-Arrangements von Jules Buckley viel Raum lassen. Auch mondän-melancholische Soundkulissen, die gut zu Portishead passen würden, gehören zum Spektrum (Arms), ebenso wie angejazzte Songs mit Kontrabass und vertracktem Rhythmus (Walking On Air).

Wild Fire geht mit seinem schmissigen Refrain (inklusive der schönen Metapher “I got you in my heart, I got you in my soul / a wild flower in the darkness”) in Richtung Country. The Birds, nur mit Gesang und akustischer Gitarre versehen, klingt wie ein uralter Folk-Klassiker. Die himmlischen Geigen lassen Phoenix Ava herrlich mellow klingen. Rising Up wandelt auf den Spuren von Marvin Gaye, denn die Attitüde ist trotzig, der Sound ist sinnlich. Und das fragile The Devil’s Hillside könnte man sich auch sehr gut von Donovan vorstellen.

Ein kleines Problem an Oh Desire ist, dass Jonathan Jeremiah nach wie vor als Sänger bei weitem nicht so gut ist wie als Gitarrist. Allerdings findet er diesmal deutlich öfter die passenden Sounds für seinen Gesang. In Rosario kommen die Wärme und das Mitgefühl, das er in seine Stimme packen kann, am besten zur Geltung.

Ein etwas größeres Problem ist die thematische Eintönigkeit. „Oh, I’m down, down / Oh, then you come around / and I feel like I’m walking on air”, heißen die zentralen Zeilen im schon erwähnten Walking On Air, und mit diesen paar Wörtern ist die Quintessenz dieses Albums auch schon auf den Punkt gebracht. Stets regieren Sehnsucht und Bedauern; Glück existiert nur als Wunsch, niemals als Gegenwart – und allzu fantasievoll wird diese Stimmung auch nicht variiert.

Man kann das romantisch finden, aber auch weinerlich. Selbst wenn die Musik erhebend wird wie im schicken Soul von Smiling, singt Jonathan Jeremiah aus der Perspektive des Bedürftigen – auch wenn er diesmal nicht die Ignoranz der Menschen verflucht oder einer verflossenen Liebe nachtrauert, sondern ganz generell das Schicksal um Besserung bittet: „I’m hoping that tomorrow will be smiling at me.“

Spätestens diese Erkenntnis macht (neben dem „Oh“ im Albumtitel) die entschieden andere Herangehensweise im Vergleich zu Bob Dylan deutlich. Bei Jonathan Jeremiah ist nichts verklausuliert, kryptisch oder cool. Auch er singt vom Begehren, vom Schmerz, von der Sehnsucht, auf einer Basis, die letztlich Folk-Musik ist. Aber er hat – anders als Dylan – kein Problem damit, sich völlig ungeschützt zu veräußern und schlimmstenfalls am Ende wie der Depp dazustehen. Denn seien wir ehrlich: Nichts lässt einen so sehr wie der Depp dastehen wie eine Liebe, der man nachgejagt ist, mit allem Eifer, aber doch vergeblich.

Passenderweise heißt ein Bekenntnis in Oh Desire, dem überzeugenden Titelsong dieser Platte: „Baby, it’s you.“ Bei Dylan hätte das „It ain’t me, babe“ gehießen. Das zeigt den vielleicht entscheidensten Unterschied: Bob Dylan singt vertonte Gedichte. Jonathan Jeremiah singt vertonte Gefühle.

Putzig: Das Scherenschnitt-Video zu Wild Fire.

Im Mai gibt es Jonathan Jeremiah viermal live in Deutschland.

13.05.15 Kulturkirche, Köln

14.05.15 Mojo Club, Hamburg

15.05.15 Frannz Club, Berlin

16.05.15 Strom, München

Jonathan Jeremiah bei Facebook.

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