Landshapes – „Heyoon“


Künstler Landshapes

Sehr ungewöhnliche Quellen finden Landshapes für die Ideen von "Heyoon".

Sehr ungewöhnliche Quellen finden Landshapes für die Ideen von „Heyoon“.

Album Heyoon
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Bis vor drei Jahren hießen Dan Blackett (Schlagzeug), Luisa Gerstein (Gesan und Ukelele), Heloise Tunstall-Behrens (Bass) und Jemma Freeman (Gitarre) noch Lulu And The Lampshades. Als sie dann auf einem Plakat für eine Show in Paris versehentlich als „Landshapes“ angekündigt wurden, behielten sie den Namen einfach bei.

Er passt auch viel besser zu dem Quartett aus England. Wurde ihr Debüt Rambutan (2013) von einem Kritiker noch attestiert, es beschwöre “images of twisted Tim Burton nighttime fairgrounds where all the rides are manned by Tom Waits” herauf, so klingt ihr gerade erschienenes zweites Album Heyoon ganz eindeutig wie Musik aus dem Märchenwald.

Dazu passen Songtitel wie Red Electric Love Fern (das von tollem Experimentieren mit dem Gesang in der Nähe der Cornshed Sisters lebt) oder Lone Wolf (eines von mehreren Stücken auf Heyoon mit einem guten Groove, der gerade dadurch reizvoll wird, dass er nur angedeutet ist). Dazu passt auch die Tatsache, dass wichtige Sessions für die Platte im September 2014 tatsächlich in einer Hütte in den Wäldern von Cornwall stattfanden. “Something about all that fresh air, sea, and woods and fire manifested in something much darker and much more menacing than anything we’d written so far. That’s when it felt like we’d started the album”, erinnert sich Luisa Gerstein an diesen Moment.

Was sie mit Düsternis und Bedrohung meint, erkennt man schnell. Im Auftaktsong Stay ist die Gitarre feurig und der Bass enorm wuchtig. Da kann die Stimme noch so ätherisch klingen und hilfsbedürftige Zeilen wie „I don’t want to be alone“ intonieren – die erste Assoziation, die diese Musik weckt, ist: Gefahr. Rhino beschleunigt immer wieder sehr geheimnisvoll und lässt an Smoke Fairies denken. Francois wirkt wie von einem Dämon getrieben. Manchmal scheint Leadsängerin Luisa Gerstein sich in einem Lied in einen ewigen Schlaf singen zu wollen oder in eine immer währende Explosion der Gefühle, und zwar beides gleichzeitig. Dazu passt die Arbeitsweise, die Landshapes für ihr zweites Album gewählt haben: “Making patterns, moods, and noises, enjoying conflicts of sound that can be explored and then resolved.”

Zum Wald als natürliche Umgebung passt, neben dem Plattencover,  übrigens auch der Albumtitel. Heyoon ist die etwas eigentümliche Schreibweise für einen geheimen Ort in der Nähe von Ann Arbor, Michigan. “These two guys built this weird structure, kind of a pavilion, on one of their properties, hidden in a clearing in the woods. The story goes that teenagers stumbled across it and it became a place people would escape to”, erklären Landshapes den Hintergrund. “Young teens looking for somewhere to hang out, somewhere just to smoke and drink and do all that stuff, a temple of firsts. You can only find it if somebody takes you there who already knows it. It’s a beautiful story, although we’re probably doing something blasphemous, because it’s a secret, calling our album that.”

Spannende Geschichten wie diese kennen Landshapes reihenweise, und sie fließen auf Heyoon auch immer wieder in die Songs ein. Fire ist von einem Lydia-Davis-Text namens Forbidden Subjects inspiriert, in dem es um die Zeit nach dem Ende einer Freundschaft geht. Der Song dazu klingt, als habe sich Joni Mitchell in den Proberaum der Doors geschlichen. Auch das wunderbar verschleppte Red Kite, der beste Song dieses Albums, hat ein ähnliches Thema: “Still feeling deeply affected by a past relationship, but putting that neatly, and tenderly in a box so that you can move on”, fasst Luisa die Perspektive darin zusammen.

Anderswo werden die Quellen für Songideen noch deutlich exotischer. Die kraftvolle Single Moongee basiert auf einer Geschichte, die der Bischof Francis Godwin im 17. Jahrhundert verfasste und deren Genre man heute wohl „Science Fiction“ nennen würde. Ader beginnt mit einem Urschrei und geht dann mit viel Schwung und verschrobenem Pop-Appeal der Frage nach, was den niederländischen Künstler Bas Jan Ader (1942-1975) umgetrieben hat, der bei einer missglückten Atlantik-Überquerung ums Leben kam.

Wer solche Anekdoten in Songs verwandeln kann, hat natürlich auch musikalisch ein enormes Spektrum zu bieten, wie Landshapes sehr eindrucksvoll zeigen. Die letzten Takte von Desert, die dann am Anfang des folgenden Solipsist wieder aufgegriffen werden, könnten indianisch sein, asiatisch oder außerirdisch. Auch sonst ist die Klangpalette von Heyoon enorm, sie reicht von Shoegaze bis Heavy Metal, von schrill bis verführerisch. Es ist keine geringe Leistung, sich so einen großen Horizont zu erarbeiten – erst recht, wenn man mitten im Wald steht.

Nicht nach Shoegaze oder Metal, sondern nach Grunge sieht das Video zu Stay aus.

Homepage von Landshapes.

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