Hingehört: Mando Diao – „Aelita“


Die Gitarren haben Mando Diao auf "Aelita" fast vollständig verbannt.

Die Gitarren haben Mando Diao auf „Aelita“ fast vollständig verbannt.

Künstler Mando Diao
Album Aelita
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Nach dem größten Fußballverein in Gelsenkirchen und dem Osten der Ukraine haben die Russen jetzt also auch Mando Diao übernommen. Die Band ist auf ihrem siebten Studioalbum Aelita kaum wiederzuerkennen. Und schuld daran ist eine Maschine aus Russland. Genauer gesagt: ein gebrauchter Synthesizer der russischen Marke Aelita, den Mando Diao 2011 geschenkt bekamen.

Im bandeigenen Månses-Studio haben Gustaf Norén und Björn Dixgård (auf den offiziellen Bandfotos der Schweden sind neuerdings nur noch diese beiden zu sehen) fleißig damit experimentiert, und im Ergebnis ist eine Platte entstanden, auf der fast keine Gitarren mehr zu hören sind, aber ganz viele synthetische Sounds. Manchmal klingt es, als seien Mando Diao von Körperfressern in Gestalt von Achtziger-Helden wie OMD oder Duran Duran befallen worden. Für Fans der ersten Stunde wird das schwere Kost sein.

Dass Mando Diao sich aber mit dem krachigen Rocksound ihrer Anfangstage gelangweilt haben, hatte sich längst angedeutet. Ihr Unplugged-Album war ein erster Versuch, sich neue Möglichkeiten zu erschließen, auch das Nebenprojekt Caligola und das schwedische Album Infruset (2012) passen in diese Richtung. Nicht zuletzt betonen sie, dass sie schon immer eher an Innovation interessiert waren als an Klassizismus: „Es gibt keinen typischen Mando Diao-Sound“, stellt Gustaf Norén klar. „Wir entwickeln uns ständig weiter und die Musik wächst mit uns. Keines unserer Alben hört sich wie das Vorherige an und auch unser neues Werk macht da keine Ausnahme. Wir haben schon immer nach neuen Dimension gesucht und sind auch auf Aelita fündig geworden.“

So groß wie jetzt war der Unterschied zum Vorgänger freilich noch nie. Die Single Black Saturday steht gleich am Beginn der Platte und kann als Scharnier zum bisherigen Werk betrachtet werden, denn es ist der einzige Track, der eine prominente E-Gitarre zu bieten hat. Dazu kommen ein rollender Beat und eine markante Melodie aus einem altertümlichen Synthesizer, wahrscheinlich genau jener russischen Höllenmaschine, die dem neuen Album auch den Namen gibt.

Auch Baby merkt man an, dass die meisten der Lieder auf Aelita noch auf der Gitarre komponiert wurden, bevor sie dann ein elektronisches Gewand verpasst bekamen. Money Doesn’t Make You A Man ist ein weiteres Beispiel dafür: Das Lied schwebt zwar sehr stilecht durch ein Eighties-Universum (als Special Guest ist auf dieser Platte unter anderem Jan Hammer im Einsatz, dessen Keytar einst der Soundtrack zu Miami Vice entsprungen ist), würde aber auch als Rocksong funktionieren.

Damit sind wir beim Problem von Aelita angelangt: In etlichen Momenten klingt der neue Sound nur wie eine Verkleidung, nicht wie eine neue Haut. Zudem kann man sich fragen: Wenn Mando Diao unbedingt etwas Neues ausprobieren wollten, warum mussten sie sich dann ausgerechnet für das entscheiden, was gerade alle Bands machen – also Eighties-Reminiszenzen? Für die Musiker mag die Entwicklung noch nachvollziehbar sein, für den Hörer bleibt aber die Erkenntnis, dass es manchmal nicht allzu geschickt ist, das aufzugeben, was man beherrscht wie kaum ein anderer, um sich in einem Metier zu versuchen, in dem man ein Anfänger ist – und auch so klingt. Es fehlen diesem Album, und zwar durchweg, die wirklich überzeugenden, mitreißenden Momente, für die Mando Diao immer standen und die man natürlich auch mit elektronischem Equipment erzeugen kann.

Rooftop möchte wohl sexy sein, wird mit einem zerstückelten Beat, Geige, Frauenchor und Vocoder-Gesang aber nur schlüpfrig. Lonely Driver ist ein passabler Soul-Song, aber viel weniger feurig als alles, was es in dieser Richtung noch auf Give Me Fire! gab. Romeo und Make You Mine erreichen zumindest durchschnittliches Depeche-Mode-Niveau, aber das ist nicht wirklich ein Kompliment.

Das mit Abstand beste Lied ist das HipHop-geprägte If I Don’t Have You, mit dichter Atmosphäre und sehr coolem Beat. Zu den spannenderen Momenten gehört auch Sweet Wet Dreams, das einen Latin-Sound im Stile von La Isla Bonita oder Club Tropicana bietet. Das ist cheesy – und will es auch sein. Ein Hit, ein Ohrwurm oder eine Offenbarung ist auch dieses Lied nicht, aber man muss Mando Diao dann doch für den Mut bewundern, so etwas durchzuziehen. Man darf gespannt sein, wohin sie dieser Mut noch führen wird, vor allem wenn die Fans Aelita nicht allzu wohl gesonnen aufnehmen sollten.

Nach diesem Video erinnert mich Black Saturday noch mehr an Teaser Japanese von Gyllene Tider.

Homepage von Mando Diao.

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