Hingehört: Mumford & Sons – „Wilder Mind“


Künstler Mumford & Sons

Cover des Albums "Wilder Mind" von Mumford & Sons

Ein bisschen arg bequem machen es sich Mumford & Sons auf „Wilder Mind“.

Album Wilder Mind
Label Island
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Ein bisschen verräterisch sind diese Zitate. „Das alles fühlte sich ganz natürlich an. Wir haben halt Instrumente ausgewählt, die sich gut ergänzen, anstatt auf Biegen und Brechen eine Generalüberholung vorzunehmen“, sagt Keyboarder Ben Lovett. „Wir alle hatten das Gefühl, einfach das machen zu können, wonach uns gerade der Sinn stand“, sagt Gitarrist Winston Marshall. Und (ausgerechnet) Frontmann Marcus Mumford betont, dass sich diesmal alle vier Bandmitglieder von Mumford & Sons stark ins Songwriting eingebracht haben. „Der ganze Ansatz war viel offener und demokratischer. Jeder hatte die Gelegenheit, sich eine fundierte Meinung über die Ideen der anderen zu bilden, was uns als Band vielleicht verwundbarer macht. Aber wir haben dadurch eben auch gelernt, andere Meinungen zu akzeptieren und einzubeziehen.“

Diese Attitüde klingt ein bisschen nach „Schau’n mer mal“ – und genau das ist das Problem an Wilder Mind. Das dritte Studioalbum von Mumford & Sons zeigt keinerlei Ehrgeiz, keinerlei roten Faden und keinerlei Innovation. Das Quartett aus London hat sich darauf verlassen, dass schon irgendetwas Brauchbares herauskommen würde, wenn man einfach wieder gemeinsam ins Studio geht. Aber das war ein Trugschluss, trotz der fast halbjährigen Kreativpause, die sich Mumford & Sons vorher gegönnt hatten, und trotz der Mitwirkung von Meister-Produzent James Ford.

Broad-Shouldered Beasts ist pompös und hohl. Wilder Mind hat ein am Anfang noch einigermaßen charmantes Midtempo, wird am Ende aber viel zu weinerlich. Just Smoke wird auf peinliche Weise pseudo-hymnisch. Monster, Cold Arms und der Album-Schlusspunkt Hot Gates sind so nichtssagend, belanglos, harmlos und seelenlos, dass man sich ernsthaft fragt, wie sich irgendjemand außerhalb der Band für diese Lieder interessieren soll.

Snake Eyes lässt wenigstens etwas Spannung aufkommen, wenn auch nur kurz und mit den denkbar plumpesten Mitteln (es beginnt leise und wird dann laut). Und der beste Song des Albums, Ditmas, beschwört ausgerechnet Erinnerungen an die bekackten Hootie & The Blowfish herauf.

Wilder Mind krankt gar nicht so sehr an den Kompositionen, sondern an der fehlenden Energie, mit der sie vorgetragen werden – obwohl Mumford & Sons diesmal viel öfter elektrisch verstärkt agieren, ohne Banjo, ohne Basstrommel und ohne viele weitere akustische Instrumente, die bisher ihren Sound prägten. Die fehlende Spritzigkeit merkt man vor allem dem Gesang an: Marcus Mumford klingt hier fast durchweg, als hätte er seine Gesangsspuren in einem Ohrensessel sitzend eingesungen, mit einem Glas Rotwein in der Hand, nach 120 Stunden ohne Schlaf und ein paar Valium zum Frühstück.

Besonders deutlich wird das in The Wolf. Da ist noch am ehesten erkennbar, dass dies die Band ist, die einmal leidenschaftliche Songs wie Little Lion Man oder I Will Wait gemacht hat. Aber richtig packend ist auch dieses Lied nur dann, wenn Marcus Mumford nicht singt. Auch Only Love wird plötzlich kraftvoll, als nach knapp drei Minuten der Gesang aufhört und sich eine mitreißende Instrumentalpassage Bahn bricht.

Natürlich kann man ein bisschen Zufriedenheit verstehen bei einer Band, die allein in den USA mehr als 6 Millionen Platten verkauft hat, zuletzt bei den Grammys, bei den Brit Awards und im Weißen Haus spielte und demnächst als Headliner bei Reading & Leeds auftreten wird. Aber auf Wilder Mind ruhen sich Mumford & Sons eindeutig ein bisschen zu sehr auf ihren Lorbeeren aus.

Es gibt noch ein Zitat von Marcus Mumford zum neuen Album, das diese These unfreiwillig bestätigt. „Eine Sache verändert sich auf jeden Fall, wenn man schon so lange zusammen in einer Band ist. Nämlich, dass man viel sensibler wird, was unterschiedliche Sounds und Dynamiken angeht“, sagt der 28-Jährige. „Irgendwann denkt man nämlich nicht mehr: ‚Hey, wir müssen es irgendwie schaffen, bekannt zu werden.’ Und weil man nicht mehr so denkt, klingen die neuen Sachen auch weniger nach existenziellen Ängsten, sie klingen weniger verzweifelt. Anstatt sich also zu sagen: ‚Los jetzt, da muss gleich mal ein Refrain kommen’, lernt man mit der Zeit, sich selbst mehr Raum zu geben – weshalb man dann sogar Dinge machen kann à la ‚Lasst uns einen ganzen Song machen, der einfach nur auf diesem Level bleibt; er soll einfach nur so bleiben von Anfang bis zum Ende.“

Während die Musik neuerdings wie die von 50-Jährigen klingt, haben die Texte leider noch immer den überschaubaren Horizont von 15-Jährigen. „I don’t even know if I believe / everything you’re trying to say to me“, singt Marcus Mumford beispielsweise in der Single Believe. Das ist sagenhaft naiv und genauso dumm wie der Appell an eine höhere Instanz, der später folgt, mit dem Wunsch, das Leben irgendwie gut zu machen, am besten ohne eigenes Zutun.

Immerhin eine Zeile mit großer Weisheit gibt es dann doch noch auf Wilder Mind. Sie erklingt gleich zum Auftakt in Tompkins Square Park, das ein bisschen wie die Kings Of Leon kurz vor dem Ruhestand klingt. Es ist die erste Zeile des Refrains, und sie scheint perfekt den aktuellen Zustand von Mumford & Sons wiederzugeben. Sie lautet: „Nothing burns forever.“

Mumford & Sons spielen Snake Eyes live.

Homepage von Mumford & Sons.

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