Hingehört: Noel Gallagher’s High Flying Birds – „Chasing Yesterday“


Künstler Noel Gallagher’s High Flying Birds

Beim zweiten Soloalbum hat Noel Gallagher erstmals selbst produziert.

Beim zweiten Soloalbum hat Noel Gallagher erstmals selbst produziert.

Album Chasing Yesterday
Label Sour Mash
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Da sage noch einer, Noel Gallagher sei nicht für Überraschungen gut. Auf Chasing Yesterday, dem zweiten Album seiner als Noel Gallagher’s High Flying Birds getarnten Solokarriere, gibt es etliche davon.

Zum Beispiel The Right Stuff, das fast ein Duett mit Joy Rose (der ehemaligen Sängerin von Incognito) wird. Zum Beispiel The Mexican, dessen Ursprung auf die (nie zur Vollendung gekommenene) Zusammenarbeit mit Amorphous Androgynous zurückgeht und den ehemaligen Oasis-Boss so amerikanisch klingen lässt wie noch nie, mit feinem Groove, einer sehr prominenten Kuhglocke und ein paar Wagenladungen Wüstensand. Zum Beispiel The Dying Of The Light, das tatsächlich aus der Perspektive des Bedauerns geschrieben ist – meilenweit entfernt von der aggressiven Arroganz der frühen Jahre, die bei dem 47-Jährigen zugegebenermaßen auch mittlerweile lächerlich wirken würde.

Vielleicht die größte Überraschung an Chasing Yesterday ist allerdings, wie wenig protzig und prahlerisch dieses Album ist, ohne deshalb einen Moment lang langweilig zu werden.

Schon der Auftakt Riverman ist gut abgehangen und genau die Sorte von Lied, die man Oasis in ihren letzten Jahren gerne vorgeworfen hat: gekonnt, aber konventionell. Im neuen Kontext als Solokünstler ist das allerdings durchaus reizvoll: Die Botschaft „Mir kann keiner was“ vermittelt Noel Gallagher jetzt nicht mehr mit großmäuligem Getöse, sondern durch das souveräne Wissen um das eigene Können. Die Melodie ist unnachahmlich gut, ebenso seine Fähigkeit, eine Zeile wie „Find me the girl who electrified the storm“, die auf dem Papier wie ausgemachter Blödsinn aussieht, in einem Refrain so zu singen, als könne sie die Welt bedeuten.

Zur neuen Entspanntheit hat der Erfolg der High Flying Birds sicherlich nicht unwesentlich beigetragen. Das Debüt erhielt Doppelplatin im UK und setzte mehr als 770.000 Exemplare ab, auf der anschließenden Welttournee kam Noel Gallagher auch hinsichtlich seiner neuen Rolle als Frontmann auf den Geschmack. Kaum, dass die Konzertreise beendet war, juckte es ihn deshalb schon wieder in den Fingern, sodass es nun vergleichsweise schnell einen Nachfolger gibt. Erstmals hat Noel Gallagher dabei die Songs komplett selbst komponiert und produziert. “I was making the whole thing up as I went along”, umschreibt er seine Methode als Zeremonienmeister im Studio.

Den Drang zu Tempo und Kreativität hört man Chasing Yesterday auf erfreuliche Weise an. Die Vorab-Single In The Heat Of The Moment ist kraftvoll, dicht und gut durchblutet – einer der seltenen Momente in seiner Karriere, in denen er etwas wirklich Tanzbares hervorgebracht hat (auch wenn der Song mit ein paar BPM mehr sicher noch besser funktionieren würde). Für The Girl With X-Ray Eyes („Was den Text betrifft: Er handelt von der Art von Frauen, die dich komplett durchschauen. Kennen wir alle irgendwie. Das sind dann letztendlich die, die wir heiraten“, stellt Noel Gallagher mit unnachahmlichem Sinn für Romantik klar) hat er die beste Bass-Figur seit Go Let It Out erdacht.

Auch das beinahe infantile „Nanana“ bei In The Heat Of The Moment oder die Idee, in Riverman gleich zwei Saxofonsoli einzubauen (“I know I’m going to be accused of sax crimes“, gesteht Gallagher, „but fuck it. There’s nobody to tell me not to do it. And when you listen to that saxophone, please, don’t think about the guy from Spandau Ballet.”) sprechen für die Spontaneität dieses Albums, für die Erkenntnis, dass Noel wieder richtig Spaß an dieser Musiksache hat.

Der Schlusspunkt Ballad Of The Mighty I beweist schließlich, dass Noel Gallagher es schafft, selbst Johnny Marr noch in die Ü30-Disco abzuschleppen. Den ehemaligen The-Smiths-Gitarristen wollte er eigentlich schon als Gast für das erste Album der High Flying Birds verpflichten, aber erst jetzt hat es geklappt. „He just arrived with two guitars and a bag of effects pedals. And I have to say, he’s unbelievable. He’s way up there, on another level to the rest of us. The result is a burst of energy that helped make Mighty I one of the best songs I’ve ever written”, schwärmt Noel.

Immerhin das ist gleich geblieben: Noch immer verkauft Gallagher sr. seine Lieder ein bisschen besser, als sie es tatsächlich verdient haben. „Zu Oasis-Zeiten haben wir uns über Space Jazz noch lustig gemacht“, sagt er beispielsweise zum schon erwähnten The Right Stuff, „und nun habe ich ein Stück gemacht, das wirklich echt abgefahrener Jazz ist. Und weißt du was? Es ist großartig!“ Das stimmt. So viel anders als meinetwegen Gas Panic! klingt das aber gar nicht. Das passend betitelte While The Song Remains The Same hätte ebenfalls auf jedes Oasis-Album nach Morning Glory gepasst.

Auch sonst gibt es subtile Innovationen für die getreuen Anhänger, aber wenig, das wirklich das Prädikat „spektakulär“ verdient hätte oder in der Lage wäre, einen beliebigen 14-Jährigen zum glühenden Verehrer dieses Songwriters zu machen. Das großartige Lock All The Doors, ein Stück, an dem er angeblich schon seit 23 Jahren arbeitet, ist die einzige Ausnahme. Es zeigt: Wenn man Noel Gallagher den grausamen Fängen von Dave Sardy entreißt, kann er tatsächlich noch ein Feuer entfachen, das so nah an (meinetwegen) Bring It On Down ist, wie man das vor zehn Jahren nie mehr für möglich gehalten hätte.

Noch an einer anderen Stelle materialisiert sich der Geist von Oasis sehr deutlich, nämlich in der letzten Strophe von You Know We Can’t Go Back. „If that’s the time then I guess I must be leaving / gone are the days and the dreams / we screamed out loud / with my heart in my mouth / I couldn’t tell you what just hit me / Take me to my lover’s arms / I won’t back down this time.” Man braucht nicht viel Fantasie, um da (auch wenn man weiß, dass Noel Gallagher selten autobiografische Texte schreibt und oft auf jahrealte Versatzstücke aus dem eigenen Archiv zurückgreift) einen Bezug auf die finale Eskalation in der Geschichte von Oasis und eine versteckte Botschaft an seinen Bruder Liam herauszulesen – zumal das bestens zum aggressiven, stolzen, leidenschaftlichen Sound des Lieds passen würde. Der Gedanke, dass er Liam vielleicht noch vermisst, aber längst nicht mehr braucht, ist für Noel Gallagher sicher ein besonderer Triumph – und, genau wie Chasing Yesterday, ein exquisiter, stiller Genuss.

Immerhin ein bisschen Feuer gibt es auch im Video zu In The Heat Of The Moment.

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