Hingehört: Richard Dawson – „Peasant“


Künstler Richard Dawson

Richard Dawson Peasant Albumcover

Etwas Nützliches glaubt Richard Dawson mit „Peasant“ erschaffen zu haben.

Album Peasant
Label Domino
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Auch auf Peasant klingt die Musik von Richard Dawson wieder, als sei sie mindestens 40 Jahre alt. Sie verweist auf ein Zeitalter der britischen Folkmusik, das ungefähr mit den Watersons begann und ungefähr mit Donovan endete. Geht es nach dem Mann aus Newcastle, darf man sein Werk aber noch deutlich weiter in der Vergangenheit verorten. Peasants behandelt nämlich das Geschehen im fiktiven Königreich Bryneich, das in der Fantasie des Musikers irgendwann zwischen 450 und 780 nach Christus bestanden hat. Richard Dawson schaut aus der Vogelperspektive auf dieses Land und zeichnet “a panorama of a society which is at odds with itself and has great sickness in it, and perhaps doesn’t take responsibility – blame going in all the wrong directions.”

Natürlich kann man da mühelos Parallelen zur Gegenwart erkennen, und das Ausmaß an Detailreichtum, Meisterschaft und Ehrgeiz, das in der erneut mit Co-Produzent Sam Grant entstandenen Platte steckt, ist atemberaubend. Auch Richard Dawson ahnt, dass er hier etwas ganz Besonderes geschaffen hat. „I really believe in this album. It feels somehow different than before … that this can be something important, something of use”, sagt er, wohl auch in schmunzelnder Anspielung auf den Titel des hoch gelobten Vorgängers Nothing Important aus dem Jahr 2014.

Shapeshifter ist ein gutes Beispiel dafür: Es ist kaum zu glauben, dass man mit so wenigen Instrumenten so viel Abwechslung und Abenteuer in ein Lied packen kann. Weaver glänzt mit einem erstaunlich mitreißenden Refrain, in Hob kann man etliche psychedelische Elemente erkennen. Es sind unterschiedliche Stile, die doch sehr ähnliche Themen beleuchten, die Dawson so umreißt: “Families struggling, families being broken up by circumstance. And how do you keep it together – in the face of all of these horrors that life, or some system of life, is throwing at you?”

Seine schärfste künstlerische Waffe ist der Kontrast zwischen filigran und brutal. Beide Kategorien vermag der Engländer meisterhaft zu bedienen, doch es ist die Art, wie er mit ihnen jongliert, sie vermischt, aufeinander krachen lässt oder auch in ein scheinbar perfektes, in Wirklichkeit aber heikles Gleichgewicht bringt, die den besonderen Reiz von Peasant ausmacht.

Prostitute vereint eine himmlische Melodie mit fiesem Feedback. In Ogre trifft seine meist klagende, brüchige Stimme auf einen sehr mächtigen Chor. Vieles in diesem Lied wirkt sehr urtümlich, zugleich gibt es etliche völlig schräge Elemente – das Ergebnis ist nichts weniger als ein Trip. Auch in Soldier gibt es viele klassische Zutaten des Folk, aber nichts von der hübschen Harmlosigkeit, die man so gerne mit diesem Genre assoziiert.

„I’m obsessed with the idea of contradiction, so I wanted to make something which was at once much more accessible and direct than previous works, maybe even something like pop music, whilst also being more dense, pungent and difficult to chew on, lots of improvisation amidst the scaffold, and more freedom, more chaos“, beschreibt Richard Dawson seine Herangehensweise für dieses Album. „I wanted to see if that’s possible – to do both. Like a great pulling apart…”

Wie sich das anhört (und anfühlt, denn in diesem Song werden eindeutig mehr Sinne angesprochen als nur das Gehör), zeigt Beggar am deutlichsten. Es gibt darin nach einer Weile ein elektronisch erzeugtes Störgeräusch, als würden Atari Teenage Riot in willkürlich ausgewählten Momenten über Nick Drake herfallen. Als man sich vor der Rückkehr dieses Geräuschs fürchtet, ertönen zunächst wunderschöne Streicher, bis dann doch wieder der Berserker-Sound hereinbricht.

Auch Scientist illustriert diesen Ansatz. Das Lied verströmt eine betörende Power, als seien alle Beteiligten im Fieber. Das liegt vor allem am sehr kraftvollen Gitarrenspiel: Wenn Richard Dawson, auch in anderen Songs des Albums, sein Instrument anschlägt, bangt man dabei nicht nur um die Unversehrtheit der Saiten, sondern gleich auch um die des Rumpfes. Seine heimliche Liebe für Punkbands klingt vor diesem Hintergrund gar nicht mehr so überraschend. „But the kind of protest this album is making is absolutely not a punk thing“, sagt er. „On the other hand it absolutely is a prog and a metal thing… I was thinking about heavy metal a lot when I was making this record – there’s a lot of Iron Maiden in here…”

Ähnlich spektakuläre und unerwartete Assoziationen weckt Masseuse, der mehr als zehnminütige Abschluss von Peasant. Die Titelfigur fühlt sich unwiderstehlich von einem Ding namens „The Pin of Quib“ angezogen, von dem sie dennoch nichts Gutes erwartet. Ähnlich geht es dem Hörer spätestens nach diesem Album mit Richard Dawson: Er ist ein etwas unheimlicher Troubadour, dem man vielleicht nicht zu nahe kommen will – was aber fast unmöglich wird bei all den faszinierenden Geschichten, die er zu erzählen weiß.

Auch das Video zu Ogre scheint direkt aus dem Mittelalter zu uns gekommen zu sein.

Website von Richard Dawson.

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