Hingehört: She & Him – „Classics“


Künstler She & Him

Ihre Lieblingslieder, vor allem aus den Fifties, haben She & Him auf "Classics" versammelt.

Ihre Lieblingslieder, vor allem aus den Fifties, haben She & Him auf „Classics“ versammelt.

Album Classics
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es ist eine erstaunliche Szene, erst recht im Rückblick. Als Zooey Deschanel, die für das „She“ in „She & She & Him“ steht, für das erste Album des Duos im Jahr 2007 im Studio die Gesangsspuren aufnehmen sollte, musste sie ihren Band-Kollegen M. Ward (er ist das „Him“) und alle anderen noch auffordern, den Raum zu verlassen, weil sie sich genierte, beim Singen beobachtet zu werden. Deschanel war damals schon eine etablierte Schauspielerin, gewohnt im Blickpunkt zu stehen und sich vor anderen Menschen emotional und körperlich zu entblößen. Sie hatte auch schon ihr ganzes Leben lang Songs geschrieben und war eine durch und durch kompetente Musikerin. Aber sie schämte sich.

Mittlerweile haben Deschanel und Ward, die sich 2007 bei einem gemeinsamen Filmprojekt kennen gelernt hatten, vier Studioalben veröffentlicht. Hört man ihr neues Werk Classics – eine Sammlung von Coverversionen ihrer gemeinsamen Lieblingslieder – kann man sich kaum vorstellen, dass diese Stimme jemals von Hemmungen begleitet sein konnte. She & Him nehmen sich Songs vor, die einst von Größen wie Billie Holiday, Aretha Franklin, Frank Sinatra, Elvis Presley oder Shirley Bassey aufgenommen wurden, aber sie meistern sie alle höchst souverän – und der Gesang von Zooey Deschanel dominiert in Liedern wie This Girl’s In Love With You oder Teach Me Tonight mühelos den gesamten Sound. Auch We’ll Meet Again als Schlusspunkt der 13 Stücke auf Classics beweist: Die 34-Jährige klingt nicht wie ein Autodidakt oder wie jemand, der hier einem gern gepflegten Nebenjob nachgeht, sondern wie eine Grand Dame.

Die Auswahl der Lieder fiel She & Him dabei nicht schwer. „Matts und mein Geschmack sind ziemlich ähnlich und sehr vielfältig. Wir mögen die gleichen Dinge, deren Bandbreite ziemlich groß ist. Ich mag nicht nur ein Musikgenre, und das prägt unsere Songs. Wir sind nicht auf eine bestimmte Art von Arrangement fixiert“, sagt Deschanel. Der Sound dieser Classics ist verträumt, leichtfüßig, old-timey und mondän. Es ist Musik zum Drinbleiben, aus dem Fenster schauen mit einer Tasse Tee in der Hand, einem gut gefüllten Aschenbecher auf dem Fensterbrett und einem Gedichtband auf dem Kaffeetisch.

Der Auftakt Stars Fell On Alabama ist sehr zurückgenommen und verströmt trotzdem großes Flair wie aus den goldenen Zeiten von Hollywood. It’s Not For Me To Say lebt von großer Romantik und einer Schwermut, die mit Stolz und Eleganz getragen wird – so muss wohl die Musik geklungen haben, zu der sich Elvis in den Stunden der größten Einsamkeit ins Kissen geheult hat. It’s Always You ist vielleicht das Lied, das dem Albumtitel Classics am meisten gerecht wird; ein Song, in dem ganz viel amerikanisches Liedkunst-Selbstverständnis steckt, das man sich in einer Pianobar ebenso vorstellen könnte wie zur Big-Band-Begleitung und das hier ziemlich genau in der Mitte dieser beiden Pole landet.

Oft hat man beim Hören dieses Albums den Eindruck: Wenn man so viel Geschmack hat, braucht man vielleicht tatsächlich keine eigenen Songs mehr. Ihre Arbeitsweise haben She & Him dabei für die Classics leicht abgewandelt. Üblicherweise schreibt Deschanel die Songs und Ward arrangiert, wobei fast die gesamte Zusammenarbeit online abläuft. Diesmal hat das Duo zum Teil live aufgenommen, mit üppigem Streicher- und Bläsereinsatz. M. Ward hat dabei produziert und auch die allermeisten Streicherarrangements verantwortet.

Oh No, Not My Baby ist sehr typisch für den Klang der Classics: Streicher, Glocken und eine siebenköpfige Bläsersektion sorgen für viel Eleganz, zugleich wird das Stück dezent groovy (Jim Keltner spielt wie bei einigen anderen Tracks das Schlagzeug). Would You Like To Take A Walk ist das einzige echte Duett, I’ll Never Be Free bettet sich in ein opulentes Jazz-Feeling, in Time After Time darf sich die durchweg wunderbare Trombone ein Solo gönnen. Die Single Stay Awhile ist das erste Lied, das mehr Entschlossenheit als Schwelgen bietet (und dazu ein schönes Rockabilly-Gitarrensolo).

Die Chapin Sisters haben She & Him als Verstärkung für ihre äußerst reduzierte Version von Unchained Melody angeheuert. Es gibt nur die Gitarre von M. Ward und die drei Stimmen von Zooey Deschanel, Abigail Chapin und Lily Chapin – das Resultat hat einen fast sakralen Charakter. She ist das einzige Lied, bei dem M. Ward die Lead Vocals übernimmt; seinem rauchigen Gesang setzt Deschanel einen engelsgleichen Hintergrund entgegen. Der 40 Jahre alte Song von Charles Aznavour ist zugleich mit Abstand das aktuellste Stück auf dieser Platte (den Schwerpunkt setzen She & Him auf die 1950er Jahre mit gleich sechs Liedern, vier Songs stammen aus den 1930er Jahren, zweimal sind die Vierziger vertreten, ein Stück ist aus den Sixties). Das macht einen nicht unbedeutenden Teil des Reizes dieser Classics aus: Es ist Musik aus einem anderen Zeitalter und sie enthält ein Versprechen, das vielleicht sehr weit entfernt, aber eindeutig intakt ist – so intakt, wie anno 2014 vielleicht nichts mehr sein kann.

Zum Glück nur zum Teil unsichtbar ist das Video zu Stay Awhile.

Homepage von She & Him.

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