Hingehört: Tinariwen – „Emmaar“


Virtuos und tief gefühlt - das zeichnet die Musik von Tinariwen aus.

Virtuos und tief gefühlt – das zeichnet die Musik von Tinariwen aus.

Künstler Tinariwen
Album Emmaar
Label Pias
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Emmaar klingt nach Wüste. Das ist nicht verwunderlich bei Tinariwen, der Band aus dem Norden Afrikas, die seit einem runden Vierteljahrhundert gemeinsam musiziert, die mit ihrem Debüt The Radio Tisdas Sessions (2001) zu einem der gefragtesten musikalischen Exporte des Kontinents wurde und die für ihr letztes Album Tassili (2011) sogar mit einem Grammy geehrt wurde. Der Sound von Tinwariwen klingt auch auf ihrem sechsten Longplayer nach Schmerz und Weisheit und Verbundenheit mit der Natur – aber keineswegs unbedingt nach Afrika.

Das ist ebenfalls nicht ganz überraschend, denn die Tuareg-Gruppe konnte diesmal nicht zuhause aufnehmen. Im Norden Malis herrscht Anarchie, samt Gefahr für Leib und Leben – keine gute Umgebung, um sich auf inspirierte Musik zu konzentrieren. Deshalb nahmen Tinariwen erstmals im Ausland auf, nämlich gemeinsam mit Produzent Patrick Votan und Gästen wie Josh Klinghoffer (Red Hot Chili Peppers), Matt Sweeney (Chavez) oder dem Dichter Saul Williams in der kalifornischen Joshua-Tree-Wüste.

“It still had to be recorded in a desert,” sagt Bassist Eyadou Ag Leche über das neue Album. “We would like to live in peace in the North of Mali, but this is very difficult, there is no administration, no banks, no food, no gas. Joshua Tree is in the high desert of California, we love all the desert, these are places where we feel good to live and to create.” Er betont, dass die Rahmenbedingungen in Kalifornien nicht gänzlich anders waren als bisher: “We weren’t in a proper studio or outside in the desert like Tassili. We built a studio in a big house in Joshua Tree. Everybody in the same room, with no separation. We wanted something which sounded natural and live.”

Die Bedeutung einer passenden Atmosphäre und eines angenehmen Miteinanders hört man Emmaar sofort an. Das gilt für den Chorgesang etwa in Toumast Tincha (das die schwierige Situation in Mali thematisiert, wie die englische Übersetzung einiger Zeilen zeigt: “The ideals of the people have been sold cheap, my friends / A peace imposed by force is bound to fail / And gives way to hatred”), es gilt für das geheimnisvolle Zusammenspiel von Percussions und Bass in Timadrit In Sahara oder den fein ausgetüftelten Groove von Emajer.

Das energische Chaghaybou entwickelt schnell eine Sogwirkung, Imdiwanin Ahi Tifhamam lässt eine ebenso ansteckende Lebensfreude erkennen. Uralt und geheimnisvoll klingt Koud Edhaz Emin, die Gitarrentöne in Imidiwan Ahi Sigdim wirken fast wie zufällig verstreut, auch Tahalamot ist hinsichtlich Takt, Melodie und Arrangement vollkommen unberechenbar.

Sendad Eghlalan ist hingegen nicht allzu weit weg von westlichen Hörgewohnheiten, die Gitarre in Toumast Tincha lässt an die Dire Straits denken, die Atmosphäre im komplexen Arhegh Danagh erinnert an Bob Dylans Highlands. Die meisten Instrumente auf dieser Platte wären auch auf einem gewöhnlichen U2-Album denkbar. Gerade diese Tracks zeigen: Mit Exotismus haben Tinariwen nichts am Hut, und sie haben ihn auch nicht nötig, um ihrer Musik Geltung zu verschaffen. Ihre Klänge sind – auch auf Emmaar – so virtuos, so ursprünglich und so tief gefühlt, dass sie mühelos geografische oder kulturelle Grenzen sprengen.

Die Wüste im Rückspiegel, und im Herzen: Das Video zu Imdiwanin Ahi Tifhamam.

Homepage von Tinariwen.

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