Hingehört: Unkown Mortal Orchestra – „Multi-Love“


Künstler Unknown Mortal Orchestra

Cover des Albums "Multi-Love" von Unknown Mortal Orchestra

Leider arg selbstverliebt ist das Unknown Mortal Orchestra diesmal.

Album Multi-Love
Label Jagjaguwar
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Natürlich ist es eine der vielen Qualitäten von Kunst, dass man dafür keinen Business-Plan braucht. Will man eine Firma gründen, fragt der Bankkaufmann des Vertrauens beim Ersuchen um einen Kredit ja gerne so lästige Sachen wie: Was wollen Sie eigentlich anbieten? Wie wollen Sie das an den Mann bringen? Und: Gibt es das nicht längst schon, und zwar besser? Will man hingegen ein Bild malen, einen Roman schreiben oder ein Lied komponieren, kann man einfach loslegen.

Bei Multi-Love, dem dritten Album des Unknown Mortal Orchestra, hätte man sich allerdings so einen Bankkaufmann gewünscht, der die Frage stellt: Was wollen Sie eigentlich für Musik machen? Womöglich hätte Ruban Nielson, Frontmann und Kopf der Band aus Portland, dann so etwas geantwortet wie: „Ich mache Klänge. Irgendetwas, das man mit einem nicht ganz ordnungsgemäß funktionierenden Hirn aus größtenteils ordnungsgemäß funktionierenden Instrumenten eben so herausholen kann.“ Der Fachbegriff für dieses Genre lautet: Psychedelik. Die wahrscheinliche Antwort eines Bankkaufmanns, der über die Erfolgsaussichten entscheiden muss, hieße wohl: kein Zuschlag für eine Plattenaufnahme.

Damit sind wir beim Problem von Multi-Love: Man könnte diese Platte für den künstlerischen Ausdruck eines Vanity Projects halten, wie es Hollywood-Stars gerne betreiben, die sich mal als Musiker versuchen wollen, oder die Sänger von Multi-Millionen-Dollar-Bands, die beweisen wollen, dass in ihnen ein kompromissloser Avantgardist steckt. Allerdings hat Ruban Nielson nie in einer mega-erfolgreichen Band gespielt. Und er ist auch kein Hollywood-Star.

Trotzdem tobt sich seine Selbstverliebtheit hier mächtig aus. Neben den beiden anderen Mitgliedern des Unknown Mortal Orchestra hat er auch seinen Bruder (Schlagzeug) und seinen Vater (Trompete) zum Musizieren eingeladen, aufgenommen wurde das Album in Nielsons eigenem Studio (ein eigenes Studio ist bekanntlich die gefährlichste denkbare Umgebung für jemanden, der Multi-Instrumentalist ist und von sich selbst sagt: „Ich bin etwas wild und war nie wirklich normal.“).

Der Titelsong gibt gleich die Richtung vor: Multi-Love klingt am Anfang nach Supertramp (in etlichen Tracks erklingen uralte Synthesizer, die Nielson teilweise eigenhändig repariert hat), dann gibt es eine Melodie, die verdächtig nah an Aretha Franklins I Say A Little Prayer ist und ein schließlich bisschen Gnarls-Barkley-Flair. Like Acid Rain klingt wie defekte Charles & Eddie. The World Is Crowded wird eine Seventies-Pastiche, die mit einiger Sicherheit auch die Leute in den Siebzigern schon langweilig und nichtssagend gefunden hätten.

Stage Or Screen bietet beschwingten Eklektizismus, fügt dem allerdings nichts hinzu, was Beck auf Odelay schon vor 20 Jahren (und eine Band aus Liverpool auf dem Weißen Album noch einmal knapp 30 Jahre eher) gemacht hat. Ur Life One Night klingt, als würde Prince noch den Glauben an die einzig wahre Liebe besingen, während er ihn in Wirklichkeit längst verloren hat. Puzzles, das die Rassen-Unruhen in Ferguson thematisiert, lässt erahnen, was passiert, wenn sich Lenny Kravitz eines Tages für Marvin Gaye (oder wenigstens für Kendrick Lamar) halten sollte.

„Es fühlte sich gut an, gegen die typischen Sichtweisen, die man auf einen Künstler von heute hat, zu rebellieren. Unsere Gesellschaft will konsumieren und kuratieren. Ich wollte der Typ hinter dem Szenario sein, um verschiedene Fähigkeiten zu demonstrieren und transparent zu machen. Ich wollte nicht diese aufgeblasene Idee eines Rockstars. Es geht mehr darum, jemand zu sein, der Dinge auf eine ganz bestimmte Art und Weise möglich macht“, erklärt Nielson die Herangehensweise für sein Unknown Mortal Orchestra. Multi-Love illustiert durchaus, was er damit meint: Vieles ist als einzelne Idee interessant, manches ist auch als Ganzes schön (etwa Can’t Keep Checking My Phone oder Necessary Evil). Trotzdem bleibt immer der Eindruck: Niemand wird das je so relevant finden wie er selbst.

Necessary Evil von Unknown Mortal Orchestra, live in Brüssel.

Homepage des Unknown Mortal Orchestra.

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