Hingehört: Arcade Fire – „Neon Bible“ 2


Arcade Fire liefern ein Album, das nicht von dieser Welt ist, und doch hoch aktuell.

Künstler Arcade Fire
Album Neon Bible
Label Geffen
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***1/2

Diese Band ist aus der Zeit gefallen. Dass seit Funeral drei Jahre vergangen sind, spielt keine Rolle. Es könnten auch 30 Jahre sein oder bloß drei Wochen. Denn Arcade Fire, die neuerdings aussehen, als wöllten sie gleich in Brechts „Mutter Courage“ mitspielen oder die Versorgung hinter den Frontlinien von Verdun sichern, leben in ihrem eigenen Universum.

Zuletzt konnte man das ganz wörtlich nehmen: Ein Jahr lang hat sich das Kollektiv in einer Kirche in der Nähe von Quebec eingeschlossen, Songs geschrieben und neue Instrumente gelernt. Das Ergebnis ist Neon Bible.

Die Isolation hat ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die sakrale Umgebung. Das Alte Testament sei eine Inspiration gewesen, Passagen aus dem Koran und jüdische Texte, heißt es. Orgeln erklingen und zig andere Geräusche, die man wahrscheinlich zuletzt in dieser Kombination gehört hat, als die Charts noch von Walter von der Vogelweide dominiert wurden. Und doch ist Neon Bible eine ganz und gar weltliche und höchst aktuelle Angelegenheit.

Black Mirror behandelt gleich zum Auftakt die Realität des Krieges und was das Fernsehen davon übrig lässt. Pauken scheinen den Rhythmus vorzugeben, in dem die Menschheit in ihr eigenes Verderben marschiert. Drohende Streicher geben einen Vorgeschmack auf das, was danach kommen mag. Bruce Springsteen scheint einen Fernseh-Prediger durch das drängende Antichrist Television Blues zu jagen (und am Ende seine Späße mit ihm zu treiben). Eine monströse Orgel lässt in Intervention die Zeile „Working for the church / while my family dies“ noch düsterer wirken, das Glockenspiel und der Chor scheinen hingegen direkt aus dem Garten Eden herüberzutönen.

Black Wave/Bad Vibrations behandelt den Tsunami, klingt erst wie Devo und dann tatsächlich wie ein Donner, eine Sintflut, eine Gottesstrafe. „I don’t want to fight in a holy war / I don’t want the salesman knocking at my door / I don’t want to live in America no more“, heißt es im bedrückenden Windowsill. Womöglich geht es um den Untergang von New Orleans, auf jeden Fall schlummern ganz viel Wut und Ohnmacht in diesem Song – und doch das Wissen, dass jeder Mensch die Größe und Fähigkeit und Souveränität hat, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, wenn er nur will.

Dazu gibt es Vertrautes, sofern man im Kontext einer derart abenteuerlustigen Band von so etwas sprechen kann. No Cars Go setzt auf den Drive von Akkordeon und Bläsern. Das famose Keep The Car Running ist eine der irgendwie irren, irgendwie Disco-Lieder, die sich auch auf Funeral schon fanden. Als würde John Mellencamp im Kostüm des Electric Cowboys noch einmal Amerika erkunden. Auf dem Fahrrad.

Im herrlich theatralischen Rausschmeißer My Body Is A Cage singt Win Butler wieder mit so viel Emphase, dass er stets nur einen Halbton vom Nervenzusammenbruch entfernt zu sein scheint. Auch Ocean Of Noise hat eine bekannte Dramaturgie: erst reduziert und gespenstisch wie man es vom späten Johnny Cash oder von Nick Cave kennt, dann erlösend und himmelsstürmend.

Unterm Strich ist Neon Bible so gut, so schräg und so bedeutend, wie man das beinahe schon hatte erwarten dürfen. Es ist ein politisches und mystisches Album, irgendwo zwischen Predigt und Propaganda. Oder, wie es Win Butler sagt: „The record is about the way culture and religion intersect.“

Das Video zu No Cars Go:

Arcade Fire auf MySpace.


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