Arctic Monkeys – „Suck It And See“ 4


Künstler Arctic Monkeys

Verweigerung ist weiter die Grundhaltung bei den Arctic Monkeys. Deshalb gibt es auch kein Cover.

Verweigerung ist weiter die Grundhaltung bei den Arctic Monkeys. Deshalb gibt es auch kein Cover.

Album Suck It And See
Label Domino
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Es ist eine Horrorvision. Der schlimmste Albtraum, den man vom neuen Arctic-Monkeys-Album hätte haben können. Am Beginn ist eines dieser kraftmeiernden Riffs (das an Girl, You Have No Faith In Medicine von den White Stripes erinnert), es gibt die totgenudelte Start-Stop-Dynamik, ein überflüssiges Gitarrensolo, ein Pseudo-Blues-Break und dazu einen Nonsens-Text, der zudem von einer fast zur Unkenntlichkeit verzerrten Stimme gesungen wird.

Brick By Brick heißt diese zu Fleisch und Blut und Wirklichkeit gewordene Fehlleistung. Es ist das dritte Stück auf Suck It And See, dem gerade erschienenen vierten Album der Arctic Monkeys. Die gute Nachricht: Der befremdliche Gesang stammt von Schlagzeuger Matt Helders, der sich hier erstmals am Mikrofon beweisen darf. Die noch bessere Nachricht: Brick By Brick ist der einzige Ausrutscher dieser Art. Das neue Album, das war zu erwarten, ist nicht so gut wie Whatever People Say I Am That’s What I’m Not und Favourite Worst Nightmare. Aber es ist, und das ist eine große Erleichterung, deutlich besser als der Vorgänger Humbug, den Produzent Josh Homme ruiniert hatte mit seiner Schnapsidee, den Jungs aus Sheffield einen Wüstenrock-Sound samt Testosteron-Überschuss zu verpassen.

Auf Suck It And See, aufgenommen in Los Angeles, herrscht eine andere Mentalität. „Alle waren bester Stimmung, als wir dort waren. Ich denke, man hört, dass wir wirklich Spaß hatten. Wir wollen, dass es munter und lebendig rüberkommt und nicht zu ernst“, sagt Ober-Monkey Alex Turner über die fünf Wochen währenden Aufnahmen. Das Ergebnis legt es nicht mehr wie Humbug darauf an, der Welt zu zeigen, dass die Arctic Monkeys nicht nur einen Bibliotheksausweis und eine tolle Plattensammlung, sondern auch Eier haben. Viel mehr regiert hier der Wille zur Eleganz. Das äußert sich nicht in üppigen Arrangements, aber in Songs, die höchst elaboriert sind.

Es gibt noch Momente, in denen Kraft und Härte alles andere dominieren. Die Single Don’t Sit Down ‚Cause I’ve Moved Your Chair mit ihrem brachialen Riff ist so ein Fall. Auch Library Pictures, das mit seinem mächtigen Sound an die Favourite Worst Nightmare-Phase erinnert (wie damals haben die Arctic Monkeys bei Suck It And See wieder mit Produzent James Ford zusammengearbeitet).

In vielen anderen Momenten steht etwas anderes im Zentrum: Eine Stimmung, die man erwachsen, klassisch, gelegentlich sogar old-timey nennen kann. Turners Erfahrung mit dem Nebenprojekt Last Shadow Puppets hat hier sehr deutliche Spuren hinterlassen. Der Auftakt She’s Thunderstorms bekommt durch das feine Gitarrenpicking eine famose Leichtigkeit und einen leichten Burt-Bacharach-Anstrich. The Hellcat Sprangles Shalalala könnte fast von Mando Diao stammen, der Rausschmeißer That’s Where You Were Wrong von den Kings Of Leon, das etwas träge Black Treacle scheint einer späten Oasis-Platte entsprungen – allesamt ebenfalls lupenreine Rock-Klassizisten. Das Bass-Intro im sehr gelungenen Reckless Serenade hätte sogar manchen Soul-Klassiker aus den Sechzigern geschmückt.

Der famose Piledriver Waltz (der schon von Alex Turners Soundtrack zum Richard-Ayoade-Film Submarine bekannt ist) schwelgt ebenfalls in Westküsten-Sehnsucht. Und als brauche es noch eine Bestätigung für die Nostalgie-These, singt Alex Turner auch noch die zweitbeste Zeile des Albums: „You look like you’ve been for breakfast at the Heartbreak Hotel.“ Die beste Zeile hat er sich für den Titelsong aufgehoben, der zugleich das Meisterstück dieses Albums ist. „I poured my aching heart into a pop song / I couldn’t get the hang of poetry.“ Mit einem Beat, der beinahe Rockabilly ist, einer Quasi-Surf-Gitarre, dem Chorgesang und Alex Turners vergleichsweise tiefer Stimme lässt da beinahe schon Buddy Holly grüßen.

Das ist natürlich, wieder einmal, eine äußerst coole Form der Verweigerung. Auch Suck It And See haftet (nicht nur im Titel) die Anti-Attitüde an, die seit dem kometenhaften Aufstieg des Quartetts zum steten Begleiter der Arctic Monkeys geworden ist. Sie umgehen so etwas wie ein Plattencover, und auch einen Hit im Sinne von I Bet You Look Good On The Dancefloor oder Fluorescent Adolescent haben sie auf Suck It And See nicht im Angebot.

Trotzdem ist das vierte Album ein Fortschritt. Ihre erste Platte haben die Arctic Monkeys mit dem Bauch gemacht, ihre zweite mit dem Kopf, ihre dritte mit den Hoden. Diesmal geht es um die Ohren. Nicht das schlechteste Organ, wenn man Musik macht.

Wenn man irgendwann mal eine Fata Morgana von Velvet Underground brauchen sollte, könnte man gut das Video von Don’t Sit Down ‚Cause I’ve Moved Your Chair verwenden:

Arctic Monkeys bei MySpace.


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