Arctic Monkeys – „Whatever People Say I Am That’s What I Am Not“ 6


Künstler Arctic Monkeys

Das Debüt der Arctic Monkeys klingt schrottig, ist aber ein Knaller.

Album Whatever People Say I Am That’s What I’m Not
Label Domino
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung

„Man darf niemals ‚zu spät‘ sagen“, hat Konrad Adenauer einmal festgestellt, „es ist immer Zeit für einen neuen Anfang“. So ist es mir mit den Arctic Monkeys ergangen. Jetzt gerade hängt ein Poster der Jungs aus Sheffield in diesem Raum, gerahmt. Das ist die höchste Stufe der Verehrung, ein Ritterschlag, eine Dauerkarte fürs Walhalla. Aber um ein Haar, man darf solche Geständnisse ja eigentlich nur flüstern, hätte ich diese Band verkannt. Und, was noch schlimmer wäre: verpasst.

Es mag der seltsame Bandname gewesen sein oder der noch seltsamere Albumtitel. Vielleicht auch die Hast, mit der man sich im schon-wieder-eine-neue-Riesenband-aus-England-Jahr 2006 eben nur flüchtig mit jedem Newcomer beschäftigen konnte. Oder die Skepsis, mit der man dermaßen vom Hype befeuerten Werken zwangsläufig begegnet. Erst das zweite Album Favourite Worst Nightmare öffnete mir die Augen (wohl besser: Ohren) über die Großartigkeit des Quartetts um Alex Turner.

Aber zum Glück ist ja immer Zeit für einen neuen Anfang. Und so wurde sofort nach dem Zweitwerk auch das Debüt angeschafft, das ursprünglich als lärmend, chaotisch und natürlich überbewertet abgetan worden war. Das sich aber, natürlich, bei späterer, eingehenderer Betrachtung prompt als Knaller erwies.

Unter Produktions-Gesichtspunkten klingt Whatever People Say I Am That’s What I’m Not im Vergleich noch immer etwas schrottig. Aber alles, was Favourite Worst Nightmare ausmachte, ist hier schon da. Die Riff-Gewalt, die Lust am Experimentieren mit Rhythmen, die schlauesten Zweizeiler seit Morrissey. Wäre The View From The Afternoon ein Auto, würden die Reifen durchdrehen, so unbedingt, so schnell und so kraftvoll will das Stück nach vorne. Riot Van und das herrlich zappelige Mardy Bum stecken voller Romantik, Sehnsucht und Wahrheit.

Allein in der Gitarre von Dancing Shoes vibriert mehr schwarzer Funk und weißer Sex als in der dreckigen Fantasie von Jarvis Cocker, dem geistigen Vater der ganzen Sheffield-Szene, dem auch nie ein tollerer Slogan gelungen wäre als „put on your dancing shoes / you sexy little swine“. So ähnlich wie Punk, nur viel schlauer, ist Still Take You Home. Hätten die Beastie Boys Rock und Rap nicht bloß kombiniert, sondern tatsächlich miteinander verschmolzen, wäre wohl so etwas dabei herausgekommen wie From The Ritz To The Rubble oder Red Light Indicates Doors Are Secured. Der Rausschmeißer A Certain Romance wird ein Naturereignis: ein Gewitter, ein Wasserfall, und zwischendurch ein Regenbogen.

Die Hits sind da noch gar nicht berücksichtigt. Fake Tales Of San Francisco vereint die Call-And-Response-Spielereien von Motown-Klassikern mit dem ernsthaften Furor von The Clash. Das ebenso wilde wie eingeschüchterte When The Sun Goes Down ist sicher die erste von-Null-auf-eins-Single über käuflichen Geschlechtsverkehr seit Gary Glitter noch Platten verkauft hat. Und die Hymne I Bet You Look Good On The Dancefloor wurde von den Sugababes gecovert, was will man mehr dazu sagen?

Und dann ist da noch ein Lied, das nicht nur die perfekte Vertonung von Energie, Talent und Ungeduld ist, sondern charmanterweise sogar eine Entschuldigung für all jene liefert, die sich inzwischen wundern, wie sie die Majestät dieser Band nicht bemerken konnten, obwohl sie doch genau so war sie sich eine Rock-Kapelle immer erträumt hatten: You Probably Couldn’t See For The Lights But You Were Staring Straight At Me.

So sieht kulturelle Relevanz aus: Die Sugababes wagen sich an I Bet You Look Good On The Dancefloor:

Die Arctic Monkeys bei MySpace.