Bloc Party – „Intimacy“ 7


Künstler Bloc Party

„Intimacy“ zeigt: Die Kerze von Bloc Party brennt von beiden Enden.

Album Intimacy
Label Wichita
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung

Wenn es blöd läuft, werden Bloc Party nicht mehr allzu lange existieren. Ende Oktober gab es ein Konzert in Bournemouth, das sich für viele wie eine Abschieds-Show anfühlte. Im Juni soll das Solo-Album von Sänger Kele Okereke erscheinen.

Natürlich wäre das Ende von Bloc Party ein immenser Verlust für die Musikszene. Doch überraschen kann es eigentlich niemanden. Zumindest niemanden, der Intimacy gehört hat. Das dritte Bloc-Party-Album zeigt: Dies ist eine Band, die ihre eigene Kerze nicht nur von beiden Seiten angezündet hat. Bloc Party haben diese Kerze auch noch in eine baufällige Sprengstoff-Fabrik gestellt, genau vor die offene Tür zum Lager mit den Feuerwerkskörpern.

Intimacy berstet beinahe vor lauter Energie, Ambition und Intensität. Das zeigte sich auch an der Geschwindigkeit, in der das Album entstand: In zwei Wochen war alles im Kasten. Wie aus dem heiteren Himmel und praktisch ohne Marketing kündigten Bloc Party im August 2008 ein neues Album an, fünf Tage später war die Platte schon als offizieller Download verfügbar.

Die Genugtuung, das Überraschungsmoment in Zeiten von Online-Leaks und gläsernen Künstlern wieder auf ihrer Seite zu haben, merkt man auch den Songs auf Intimacy an. Denn solch ein Album hatte mit Sicherheit niemand erwartet.

Die Richtung, die sie mit der Zwischendurch-Single Flux angedeutet haben, wird hier weiter verfolgt: Es gibt die irre Kraft einer famosen Rockband, die dazu auch noch alle Möglichkeiten der Studiotechnik und der elektronischen Musik auslotet. Deshalb sollte man Intimacy unbedingt mit Kopfhörern erkunden. Denn die Produzenten Paul Epworth (verantwortlich für das Debüt Silent Alarm) und Jacknife Lee (verantwortlich für den Nachfolger A Weekend In The City) haben hier gemeinsam mit der Band wahre Wunder gewirkt.

Zum Auftakt versuchen sich die Gesangsspuren in Ares gegenseitig zu überholen, die Gitarren klingen dazu wie Sirenen. Die Single Mercury wartet nicht nur mit einer neuen Definition des Wortes „Bass“ auf, sondern bietet auch gefolterte Bläsersätze und zum Schluss reichlich Percussions, die von Menschenfressern gespielt zu sein scheinen. Eine bessere Symbiose von Wucht und Verspieltheit als in Talons hat man selten gehört, und auch noch keine Band, die ein Techno-Schlagzeug mit einer Avantgarde-Gitarre und einem Kinderlied-Glockenspiel kombiniert, um dann eine Bridge zuliefern, die lupenreiner (wenn auch gut kaschierter) Pop ist.

Auch Halo und das irre One Month Off haben genug Power, um für Wiederbelebungsmaßnahmen eingesetzt werden zu können. In Biko wird das Schlagzeug zu einer Ameise, die über den Körper krabbelt: Überall kitzelt es bedrohlich, doch man kriegt sie nie zu fassen. Wenn Kele dann schließlich „Resist“ schreit, ist das ein majestätischer Moment. Geklimper wie von einem Traumfänger steht am Anfang des zarten Signs, und am Ende stehen Streicher, die ein Traum sind. Zephyrus braucht nur Schlagzeug, Bass und einen Chor, um zu beängstigendem Computer-Gospel zu werden.

Schließlich ist „Intimacy“ auch genau der richtige Name für dieses Album. So sehr die Stimme von Kele Okereke hier auch als Instrument eingesetzt wird und dank Verzerrung, Vocoder und Loops manchmal quasi wie eine Maschine benutzt wird, so schmerzhaft verletzlich sind die Texte, die er singt. „My fist breaks your porcelain nose“ (Ares), „If I could eat your cancer I would but I can’t“ (Biko), „You used to close your eyes when we kissed goodbye / You didn’t want to see me draped in sadness“ (Trojan Horse), „The last time that we slept together / there was something that was not there“ (Signs), der Kampfschrei „I can be as cruel as you“ (One Month Off), „Baby, I’m ashamed of the man I was for you“ (Zephyrus): Das ist all die Unsicherheit, die in einer Beziehung stecken kann (und erst recht in einer Trennung, die Kele hier mit seinen Texten zu verarbeiten scheint).

Am deulichsten wird das im umwerfenden Rausschmeißer Ion Square. „I love my mind / when I’m fucking you“, heißt eine der Erkenntnisse in dieser Geschichte von Begehren und Gewöhnung. Die Musik schwingt sich dazu auf in einer Höhe, in der wohl die ewige Liebe regiert, um die es hier letztlich geht.

Der Kontrast aus der herkulischen Kraft dieser Musik und der Verletzlichkeit dieser Texte ist unfassbar reizvoll, und er durchzieht die gesamte Karriere von Bloc Party. Ihre Biestigkeit, die Unberechenbarkeit, das schwierige Verhältnis zur Presse und auch dem eigenen Publikum: All das rührt auch aus der Tatsache, dass sie sich nie sicher sind, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben, cool genug sind, richtig liegen. Bei Intimacy müssen sie sich da definitiv keine Sorgen machen.

Der Clip zur Single Talons kommt daher wie eine Mischung aus Horrorfilm und Kreuzweg:

Bloc Party bei MySpace.