Hingehört: Bloc Party – „Silent Alarm“ 8


Nichts klingt so nach 2005 wie „Silent Alarm“. Und nichts klang 2005 besser.

Künstler Bloc Party
Album Silent Alarm
Label Wichita
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung *****

Zum Album des Jahres 2005 hat der verehrte NME diese Platte gewählt. Die ganze Wucht dieser Würde wird umso klarer, wenn man sich vor Augen führt, wie stark die Konkurrenz war, wie grenzenlos großartig das Jahr 2005 für alle gewesen ist, die neue, aufregende, unabhängige Musik lieben.

Die Auszeichnung überrascht deshalb ein wenig, wenn man bedenkt, dass die britische Journaille nicht mehr ganz so verliebt in diese Band ist, die sich mittlerweile mehr als Bloc denn als Party und mehr als Silent denn als Alarm erwiesen hat – schlechte Voraussetzungen, um die Auflage zu steigern. Trotzdem führte kein Weg an Kele Okereke und seinen drei Mitstreitern vorbei.

Denn trotz all der begeisternden Newcomer wie Kaiser Chiefs, Rakes und Art Brut, trotz starker neuer Platten von Coldplay, Franz Ferdinand und Oasis kann es keinen Zweifel geben, dass Silent Alarm der verdiente Sieger ist. Zum einen verkörpert diese Platte, produziert von Paul Epworth, dem Konstrukteur des neuen britischen Indie-Sounds, nämlich ganz vorzüglich die Trends des Jahres 2005: Gang-Of-Four-Rhythmen finden sich hier, komplexe Kompositionen, denen man mit der Rubrizierung als „Art Rock“ keinen Gefallen getan hat, und tolle Texte. Zum anderen – und das ist natürlich weitaus wichtiger – klingt sie trotzdem auch heute noch unfassbar frisch, packend und tief. Zeitlos.

Von Beginn an ist diese Platte ein Enigma, ein Sog, eine eigene Welt: Geheimnisvolle Gitarren versuchen in Like Eating Glass, einen komplett irren Beat zu umzingeln, und dann bricht im Refrain die ganze Gewalt purer Emotion hervor: „Like drinking poison / like eating glass.“ Am Ende scheint Sänger Kele außer sich zu sein, man möchte ihn vor sich selbst beschützen – aber noch lieber möchte man ihm folgen.

Helicopter gerät zu einem einzigen Rausch der Beschleunigung, wieder mit einem atemlosen Ende – auch wenn man sich diesmal nur um die Unversehrtheit des Schlagzeugs sorgen muss. Blue Light ist ein einziges Fest: Voller Dramatik und Romantik, hoch sensibel und unwiderstehlich. She’s Hearing Voices kommt mit seinen aufgetakelten Drums im Vergleich dazu fast eiskalt daher, doch kaum weniger beeindruckend.

Das grandiose This Modern Love setzt auf ganz einfache Mittel: Call-and-Response-Gesang, eine famose Gitarrenfigur und eine sagenhafte Dynamik. So Here We Are ist herzzereißend schön und gebrochen und sanft und eigen und schlau, die Claire Danes unter den Liebesliedern. In Positive Tension schält sich aus einem chaotischen Rhythmus-Gerüst ein brachialer Vorwärtsdrang hervor. „Play it cool“, sagt Kele ganz am Ende, und es klingt, als sagt er es zu sich selbst, als erwache er gerade aus einem Fiebertraum.

So fantastisch wie Banquet könnten Franz Ferdinand vielleicht klingen, wenn sie mehr Raum im Proberaum als beim Friseur verbringen würden. Einen so intensiven, effektiven und hintergründigen Rocksong wie Plans hat man schon ewig nicht mehr gehört: Ein Thin-Lizzy-Gitarrensolo gibt es hier, einen verkleideten Discobeat und eine unvergessliche Zeile: „So kiss me before it all gets complicated.“

Der Rausschmeißer Compliments versöhnt die späten Blur mit den mittleren Radiohead. Kein Effekt wird hier eingesetzt, um eine Schwäche zu überspielen, alles stützt die kaum zu ertragende Trägheit, Intimität und Spannung des Songs.

Freilich sind nicht alle Stücke hier instant classics. Wir haben es, wohlgemerkt, mit einem Debütalbum zu tun. Doch auch einen eher durchschnittlichen Song wie The Pioneers machen die Unbedingtheit in Keles Stimme und die Unerbittlichkeit des Schlagzeugs zu einem Erlebnis. Luno tanzt bedrohlich auf dem schmalen Grat zwischen faszinierend und überkandidelt. Price Of Gasoline ist fast schlicht gestrickt, profitiert aber von einem enorm fantasievollen Arrangement. „We’re gonna win this“, schreit Kele darin. Er hat’s also gewusst.

Wer schon immer wissen wollte, wie man einen Hubschrauber in einem Fernsehstudio landet: Helicopter, live bei Jools Holland:

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