Hingehört: Blur – „Leisure“ 4


Schon „Leisure“ zeigt: Blur sind sophisticated punks.

Künstler Blur
Album Leisure
Label Food
Erscheinungsjahr 1991
Bewertung ***1/2

Eine der unterbewertetsten Platten der 1990er Jahre. Was um so erstaunlicher ist, da man Blur auf dem Kontinent lange für eine der überbewertetsten Bands der 1990er Jahre hielt. Inzwischen hat man zwar auch hierzulande den Stellenwert dieser Gruppe erkannt. Doch „Leisure“ hat selbst unter Blur-Fans nach wie vor wenig Freunde.

Nur so ist es auch zu erklären, dass Kritiker 1997 die Gitarrenlast des Blur-Albums für ein neues Element im Sound der Band halten konnten. Hätten sie sich Leisure (noch) einmal angehört, hätten sie vieles von Blur, sogar einiges von 13 schon gefunden. Denn auf dem Debüt ist unüberhörbar, wo Blur eigentlich herkommen: aus dem Punk. Zu The Great Escape-Zeiten konnte man diese musikalische Heimat zwar höchstens noch bei Konzerten erahnen, doch hier ist das Rohe und Direkete auch noch auf Platte hörbar. Auf die später oft beschworenen Beatles- und vor allem Kinks-Verweise wäre hingegen wohl kaum jemand gekommen.

Die Schlichtheit von She´s So High, der Text von Bang sind da schon eher Iggy Pop rivisited. Ganz zu schweigen von der brachialen Gitarrenattacke Slow Down.

Eine regelrechte Gehirnwäsche wird Repetition. Man möchte kaum glauben, dass es von Stephen Street produziert wurde, der ja schon bei den Smiths den unseligen Hang hatte, alle Gitarren möglichst in irgendwelchen Ecken des Sounds zu verstecken und stattdessen den Gesang und seltsame Schlagzeugklänge nach vorne zu holen. Hier hingegen darf nach Herzenslust verzerrt und reverbed werden. Beinahe schon Nirvana, auch textlich.

Einen kompositorisch schlechteren Tag hatten die Jungs wohl beim überdehnten Bad Day. Gerade bei diesem Track erstaunt aber, wie reduziert hier noch das Bass-Spiel des ansonsten ja stets zur großen Pose neigenden Alex James daherkommt.

Sing, das später noch auf dem Trainspotting-Soundtrack zu Ehren kommen sollte, wäre auch auf 13 keineswegs aufgefallen, zumal es perfekt in die zynisch-schaurige Atmosphäre des Albums gepasst hätte. Der Single She´s So High hingegen hört man die frühen 90er an. Ein Dance-Beat, ein Tamburin, kurze Orgeleinsätze. Man darf durchaus kurz an längst verschollende Bands wie EMF, The Farm oder James denken. Rave hat man damals dazu gesagt, vor zehn Jahren.

Fool geht noch weiter zurück, sagen wir bis 1986: Damon Albarn darf kurz Morissey spielen. „I´m amazed at how cold you can be / well may my weak and insipid soul / grow stronger in your absence.“

Im Schlussteil der Platte darf der Sänger ohnehin schon etwas von den bissigen Texten des nächsten Albums vorwegnehmen. Siehe Come Together oder High Cool. Völlig unironisch ist hingegen Birthday gemeint. Selbstveräußerung mit ganz einfachen Mitteln. Fraglos das beste Geburtstagslied, das je geschrieben wurde. Wear Me Down überzeugt textlich ebenfalls und ist von der Komposition her das beste Stück auf Leisure. Der Rausschmeißer schlägt damit bereits die Brücke zu einer großen Zukunft.

So sah 1990 aus: Der Clip zur Debütsingle She’s So High:

Blur bei MySpace.


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