Hingehört: Blur – „Think Tank“ 2


Blur lassen ihrem Forschungsdrang auf „Think Tank“ freien lauf.

Künstler Blur
Album Think Tank
Label EMI
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ***1/2

Man hatte sich im Vorfeld wirklich Sorgen um Blur machen müssen. Graham Coxon, der auf den letzten beiden Alben nicht mehr nur Gitarrist, sondern musikalisches Mastermind war, hatte die Band verlassen. Sänger Damon Albarn hatte seinen Hang zum Spinnerten mit den Gorillaz ausgelebt. Das letzte Lebenszeichen der Band war eine politisch motivierte White-Label-Single, die nur in einer Auflage von 500 Stück erschien. Albarn war dann nach Mali gereist, um dort Harmonika zu spielen und Inspirationen zu sammeln. Mein Gott!

Ein Teil des Albums wurde schließlich in Marrakesch aufgenommen. Auch der Titel, Think Tank, klang schwer nach Kopfgeburt. Man hatte Dancefloor befürchten müssen, Jazz, Worldmusic gar. Doch schon der erste Eindruck beruhigt: Die Platte ist anhörbar. Ein paar mehr Durchläufe machen klar: Die Platte ist sogar ganz gut.

Ambulance macht den Auftakt, erinnert von der Botschaft und dem Mantra-artigen Refrain her an Tender, klingt musikalisch aber eher, als hätten Depeche Mode endlich entdeckt, wie ihre Instrumente funktionieren. Out Of Time, die erste Single, und On The Way To The Club entfalten eine fantastisch-spröde Schönheit. Caravan ist herrlich träge, der Sweet Song in der Tat zuckersüß.

Gene By Gene transportiert The Clash ins 21. Jahrhundert. Battery In Your Leg, an dem Graham Coxon noch mitgewirkt hat, ist herzzerreißend. Crazy Beat hüpft unwiderstehlich auf den Spuren von Jubilee und B.L.U.R.E.M.I. umher.

Überhaupt gehen Blur den Weg konsequent weiter, den sie vor vier Jahren mit 13 eingeschlagen haben. Damals war Damon Albarn von seiner Freundin verlassen worden, deshalb war die Platte so perfekt: Seine Zerstörungswut hatte ein Ziel, die Destruktion war ihm ein wahres Anliegen. Diesmal ist sie manchmal nur noch Selbstzweck, etwa beim überfrachteten Brothers And Sisters, dem überflüssigen Moroccan Peoples Revolutionary Bowls Club oder Klimbim wie Jets mit einem – jawohl – Saxophon-Solo.

Doch solche misslungenen Experimente muss man wohl in Kauf nehmen, wenn man erleben möchte, wohin Blur ihr Forschungsdrang und ihr Erweiterungswille geführt haben. Natürlich ist das alles höchst unkonventionell und längst weder Brit- noch sonst ein Pop. Doch im Gegensatz zu Radiohead haben sich Albarn & Co. nicht in die Unhörbarkeit verabschiedet. Blur bleiben bei uns. Und sie bleiben spannend.

Bizarr: Das wunderbar zarte und untröstliche Out Of Time vor einem völlig enthusiastischen Publikum bei Top Of The Pops:

Blur bei MySpace.


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