Hingehört: Chuck Berry – „Gold“ 6


Es gibt nur einen King of Rock’N’Roll: Chuck Berry.

Künstler Chuck Berry
Album Gold
Label Geffen
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****1/2

Nichts gegen Elvis. Aber der King of Rock’n’Roll? Elvis sang sicher auch Feger vom Jailhouse Rock– oder Blue Suede Shoes-Kaliber. Aber Elvis sang (zugegebenermaßen großartig) auch Gospel und Schnulzen, Torch-Songs und Seichtpop. Als echter König des Rock’n’Roll kommt, daran lässt dieser eindrucksvolle Karriere-Überblick keinen Zweifel, eigentlich nur einer in Frage: Chuck Berry.

Der Mann aus St. Louis mag das Genre nicht erfunden haben. Aber während Stücke von Bill Haley oder Carl Perkins heute wie Oldies klingen, haben Chuck-Berry-Songs nach wie vor eine packende, direkte und bedrohliche Intensität. Im Gegensatz zu Elvis schrieb Berry auch die allermeisten seiner Songs selbst. Der King soll einmal gesagt haben: „I just wish I could express my feelings the way Chuck Berry does.“

Kein Wunder: In seinen Texten tummeln sich markante Figuren auf authentischen Schauplätzen, dazu wimmelt es von originellen Wortschöpfungen. Dies waren unterhaltsame und glaubwürdige Geschichten, mit schlauem Witz und einer ironischen Distanz, die vielen Rockern der ersten Stunde abging – was daran liegen mag, dass Berry (Jahrgang 1926) zum Start seiner Karriere schon fast 30 war. Richard Goldstein nannte ihn „America’s first rock poet“ und hat damit ganz richtig erkannt: Chuck Berry hatte viel mehr zu bieten als „hormones and horsepower“.

Am Anfang stand trotzdem ein Lied vom Begehren und einem Cadillac: Maybellene, eine Eruption der Energie. Als Chuck Berry seine erste Single zum ersten Mal im Radio hörte, befand er sich natürlich: in seinem ersten neuen Auto. Der eigene Wagen ist hier nicht nur Statussymbol und Fortbewegungsmittel, sondern ein Werkzeug zur Flucht. Chuck Berry war „an artist who, no less than Jack Kerouac or his fellow Missourian, Mark Twain, envisioned ‚the road‘ as a means of deliverance from all care“, schreibt Mark Humphreys hier in den Liner Notes ganz treffend.

Es ist der Teenie-Traum: Das Auto als Weg in die Unabhängigkeit und Freiheit, das plötzlich ganz neue Möglichkeiten und einen ganz neuen Aktionsradius eröffnet. Es wird hier gefeiert im wilden You Can’t Catch Me, im angeberischen Blues No Money Down, der unfassbar eingängigen Dating-Hymne No Particular Place To Go, dem satt polternden Dear Dad und dem Tanz-Feger Jaguar And The Thunderbird.

Schon dieser Reigen mag thematisch eng begrenzt sein, zeigt aber auch die Bandbreite von Berrys Schaffen: Zwar ist hier alles im Geist des Rock’n’Roll geeint, dennoch beweist diese Compilation auch eine erstaunliche stilistische Vielfalt. Blues und Hillbilly bilden die Basis, aber auch Boogie Woogie und Jazz haben ihre Spuren hinterlassen. Sogar lateinamerikanische Einflüsse (Havanna Moon baut mit Calypso-Elementen eine hoch erotische Spannung auf, ausgerechnet die Hymne Rock And Roll Music setzt auf einen Rhumba-Rhythmus) sind wiederholt in Berrys Sound integriert.

Dabei setzt er aber nie auf Virtuosität, sondern stets auf Effektivität. „I’d rather have more people hear the melody and the words than a few people have a good feeling from a complex arrangement of a song“, hat Chuck Berry dieses Konzept einmal erklärt.

Und so gelingt hier eigentlich alles. Das wie von Peitschenhieben nach vorn getriebene Thirty Days. Natürlich Roll Over Beethoven, das noch immer genug Kraft hat, um eine Revolte auszulösen. Das beinahe hingerotzte Too Much Monkey Business als perfekte Projektionsfläche für genervte Teenager und gestresste Erwachsene (zwei Perspektiven, die auch Sweet Little Sixteen als charmante Hommage an das eigene Genre gekonnt verbindet). Sweet Little Rock & Roller, Johnny B. Goode, Let It Rock oder Little Queenie als die pure Kraft des Rock’n’Roll. Das (nicht erst seit der Coverversion von Homer Simpson) unsterbliche School Days und das (nicht erst durch Pulp Fiction) unvergessliche You Never Can Tell.

Neben den Klassikern sind es vor allem die weniger bekannten Stücke, die das ganze Potenzial dieses Oeuvres deutlich werden lassen. Wee Wee Hours, die B-Seite von Maybellene, ist ein fantastischer Blues, stolz und gekränkt und sensibel. Almost Grown hat einen enorm wirkungsvollen Call-And-Response-Gesang. Das famos groovende Back In The USA, das schlurfende Do You Love Me mit großartigem Background-Gesang der Marquees, das rhythmisch faszinierende Come On oder das ebenso alberne wie originelle Too Pooped To Pop sind unbedingt der Entdeckung wert.

Schließlich begeistern hier die Zweideutigkeiten, die Chuck Berry beherrschte wie kein anderer. Das fantastische Brown Eyed Handsome Man (natürlich sind die Frauen nicht nach den braunen Augen verrückt, sondern nach der dunklen Haut). I Want To Be Your Driver, in dem es (ausnahmsweise einmal) nicht ums Autofahren geht. Memphis, Tennessee, wo erst in der famosen Pointe klar wird, dass sich die Sehnsucht nicht auf die weit entfernte Geliebte, sondern auf die ebenso unerreichbare Tochter richtet. Reelin‘ And Rockin‘, hier zweimal vertreten: Während auf der Single-Version noch von Tanzen die Rede ist, macht die urgewaltige Live-Aufnahme deutlich, dass dies bloß eine Metapher für eine andere körperliche Betätigung ist, die man zu zweit vollzieht.

Und natürlich Berrys größter Hit, das frivole, hier als Live-Aufnahme von 1972 vertretene My Ding-A-Ling. Selbst ohne die visuellen Eindrücke, ohne die Grimmassen und den duck walk, erkennt man einen großartigen Entertainer, einen Clown, einen Mann, der seine Fans mindestens so verehrt wie das Publikum ihn. Die Single war Berrys einziger Nummer-1-Hit. Da gehört er hin.

Die selben Witze, noch immer höchst amüsant: My Ding-A-Ling:

Chuck Berry bei MySpace.


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