Hingehört: Deichkind – „Befehl von ganz unten“


Subversiv und doch massentauglich, das ist auch auf "Befehl von ganz unten" die Methode von Deichkind.

Subversiv und doch massentauglich, das ist auch auf „Befehl von ganz unten“ die Methode von Deichkind.

Künstler Deichkind
Album Befehl von ganz unten
Label Vertigo Berlin
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Wenn Deichkind eine neue Platte machen, dann sind die Ziele stets vergleichsweise klar umrissen: Sie wollen Spaß haben. Sie wollen subversiv sein. Und sie wollen, in erster Linie, allen anderen zeigen, dass sie noch immer die Coolsten sind.

Befehl von ganz unten schafft all das in unnachahmlicher Weise. Für den Spaßfaktor sorgt die Tatsache, dass hier quasi jeder Track ein Kracher ist, eine Steilvorlage zum Tanzen, Mitsingen, Springen, Grölen. Bei einer lediglich oberflächlichen Begegnung mit diesen Stücken könnte man fast meinen, dass eine derart krachige, plakative Musik auch von den Atzen kommen könnte.

Doch dem steht natürlich Punkt 2 auf der To-Do-Liste der Deichkinder entgegen: Wie schon auf dem Vorgänger Arbeit nervt verbinden sie ihren unvermeidlichen Irrsinn (an erster Stelle ist da Die rote Kiste zu nennen, eine Kollaboration mit Slime) mit ihrem untrüglichen Gespür für den Puls der Zeit. Und der gibt derzeit Themen vor, die Deichkind ohnehin am Herzen liegen: Revolte, Renitenz, Respektlosigkeit. „Zwischen Unterschicht und Untergrund versteckt sich genug intelligentes Leben, um damit ganze Kontinent zu retten“, heißt es im Presse-Info zum fünften Deichkind-Album, und Befehl von ganz unten unterstreicht, wie treffsicher die Hamburger Texte hinbekommen, die leicht zu verstehen und leicht zu konsumieren sind, ohne deshalb banal zu werden.

Und Punkt 3, die Coolness, ist hier ohnehin unvermeidbar. Dazu tragen Tracks bei, die herrlich detailverliebt sind und trotzdem niemals darauf aus, mit ihrer Cleverness zu protzen. Dass Deichkind nach dem Tod von Sebastian Hackert ihren Schaffensprozess ganz neu erfinden mussten, merkt man dem Album in keiner Weise an. Auch dank vieler Hits, die auf Platte schon genial klingen, die aber im Hinterkopf all derer noch ein Stückchen besser wirken dürften, die Deichkind schon einmal live erlebt haben. Ein Monstervergnügen ist mit diesem Album jedenfalls garantiert, wenn Kryptic Joe, MC Ferris Hilton, DJ Phono und Porky ab März wieder auf Tour gehen.

Famoser als mit Leider geil (Leider geil) kann man eine Scheiß-drauf-Attitüde nicht umsetzen und dabei zugleich noch Hedonismus (das Leben für den Moment) mit Slacker-Mentalität (das Genießen der kleinen Freuden des Alltags) versöhnen. Illegale Fans macht da weiter, wo Fettes Brot (die in diesem Lied auch kurz zitiert werden) mit Welthit aufgehört haben. Wenn die Piratenpartei demnächst den Bundestag erstürmen sollte und dann nicht als erste Amtshandlung alles verbietet, was man mit dem Schlagwort „NDW“ versehen könnte, dann dürfte dieser Geniestreich zur Nationalhymne erklärt werden. Bis es soweit ist, darf die Generation Praktikum sich mit dem unwiderstehlichen Bück dich hoch von der ernüchternden Gegenwart und den noch trostloseren Zukunftsaussichten ablenken. Und Christian Wulff kann die neu gewonnene Freiheit nutzen, um das packende Egolution auswendig zu lernen (und misszuverstehen).

Zur schlauen Verweigerungshaltung von Deichkind gehört aber auch, dass sie sich nicht überanstrengen. Im Falle von Befehl von ganz unten bedeutet das, dass die Platte genug Highlights hat, um als Ganzes zu gelingen, aber auch ein nicht ganz unbeträchtliches Qualitätsgefälle.

Insbesondere der Beginn von Befehl von ganz unten offenbart Schwächen. 99 Bierkanister hat zwar einen Mega-Beat, der klingt, als werde er von einer ganzen Phil-Collins-Armee gespielt, und hebelt laut Booklet „sämtliche unsichtbaren Gesetze der Musikbranche, der europäischen Lyrik und der Mittelalterszene aus“, hat aber sonst wenig Herausragendes zu bieten. Der Titeltrack ist aggressiv, aber auch etwas selbstverliebt. Der Mond klingt, als hätten sich Polarkreis 18 mit den Prinzen verbrüdert – nicht gerade eine Paarung, die man ungeduldig herbeigesehnt hätte. Gegen Ende ist Pferd aus Glas ein gut gezielter Schuss gegen abgehobene Catering-Sonderwünsche (zu Musik, die – vielleicht als gut getarnter Diss? – wie von den späten Fantastischen Vier klingt). Auch Der Strahl ist auf der Bühne sicher ein Höhepunkt, ohne das optische Spektakel dazu aber bloß Durchschnitt.

Man darf aber sicher sein, dass diese Defizite nicht mangelnder Inspiration geschuldet sind. Deichkind machen in jedem Moment von Befehl von ganz unten deutlich, wie meisterhaft sie ihr Metier beherrschen, mit welcher Leichtigkeit sie Dadaismus in eine faszinierende musikalische Form gießen oder eben einen massenkompatiblen Festival-Kracher aus dem Ärmel schütteln können. Sie haben bloß keine Lust darauf, das permanent zu tun. Sie nutzen ihre Anziehungskraft lieber, um die eine oder andere Gemeinheit, Wahrheit oder Schrägheit unters Volk zu bringen.

Am deutlichsten wird das in Partnerlook. Der Text scheint gegen Einfallslosigkeit in Mode, Geschmack und Lebensentwürfen anzukämpfen – und die Musik dazu ist 08/15-Rap, der sich völlig freiwillig selbst der Uniformität schuldig macht und dabei doch keine Rücksicht auf irgendetwas nimmt, was außerhalb des Willens des Künstlers liegt. Das ist wohl die einmalige Methode, die das Popkultur-Fachmagzin Focus wiefolgt auf den Punkt gebracht hat: „Sehr kluge Köpfe machen sehr prollige Musik.“ Ich würde es lieber so formulieren: Chagall und Remmidemmi.

Fast 800.000 Aufrufe – die Botschaft von Illegale Fans scheint sich für Deichkind bezahlt zu machen:

Deichkind bei MySpace.

Im März sind Deichkind sehr fleißig, was Konzerte angeht. Die Tourdaten:

1.3. Rostock – Stadthalle

2.3. Bielefeld – Ringlokschuppen

3.3. Dortmund – Westfalenhalle

5.3. Düsseldorf – Mitsubishi Electric Halle

6.3. Frankfurt – Jahrhunderthalle

7.3. Stuttgart – Schleyerhalle

8.3. Saarbrücken – E-Werk

10.3. Chemnitz – Stadthalle

11.3 Mannheim – Maimarktclub

12.3. Balingen – Volksbankmesse

13.3. Kempten – Big Box

15.3. Nürnberg – Heinrich Lades Halle

16.3. Würzburg – S.Oliver Arena

17.3. München – Zenith

19. 3. Zürich – Maag Event Hall

20.3. Graz – Stadthalle

21.3. Wien – Stadthalle

22.3. Linz – Tips Arena

24.3. Erfurt – Thüringenhalle

25.3. Berlin – Columbiahalle

28.3. Braunschweig – VW Halle

29.3. Hamburg – O2 Arena

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