Hingehört: Evening Hymns – „Spectral Dusk“


"Spectral Dusk" ist eher ernsthaft als traurig - und meisterhaft.

„Spectral Dusk“ ist eher ernsthaft als traurig – und meisterhaft.

Künstler Evening Hymns
Album Spectral Dusk
Label Strange Ways
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Das menschliche Ohr kann pro Sekunde bis zu 50 eintreffende Sinneseindrücke unterscheiden – und damit mehr als doppelt so viele Eindrücke verarbeiten wie das Auge. Das ist ziemlich erstaunlich. Aber für Jonas Bonetta, die treibende Kraft hinter Evening Hymns, scheint diese Fähigkeit keine Rolle zu spielen. Die Musik auf Spectral Dusk, dem zweiten Album des losen Bandkollektivs aus Kanada, lebt nicht vom Überfluss, sondern von den Pausen, dem Schweigen. Das hat erstaunliche Effekte: Irgendwann sind die Lieder von Evening Hymns auf einmal vorbei, und es kann passieren, dass man sie gar nicht bemerkt hat – trotzdem sind sie weit davon entfernt, ereignislos zu sein.

Das wird schon im Intro deutlich, das zwei Minuten lang mehr oder weniger nur Rauschen und Orgel bietet. Der Titelsong, der am anderen Ende von Spectral Dusk rangiert, braucht nur einen Mann und eine Gitarre, um eine sagenhafte Intensität wie in den besten Momenten von Neil Young zu erzeugen. Arrows fügt seine Zutaten nach und nach zusammen, sie bleiben jede für sich klar erkennbar, sogar klar getrennt, und werden trotzdem unverkennbar eins: ein minimaler Beat, einzelne Klavierakkorde, zwei Stimmen, eine akustische Gitarre, dann Schlagzeug und Bass. Song To Sleep To wird vom Piano getragen und von hübschen Harmonies veredelt. Das zarte Family Tree bleibt ähnlich reduziert.

Apropos Stammbaum: Jonas Bonetta besingt auf Spectral Dusk in erster Linie den Tod seines Vaters. Derart intime Themen in Songs zu verwandeln, stellt für ihn gar kein Problem dar, im Gegenteil: Der umgekehrte Fall, also das Verschweigen dieses Schicksalsschlags in seinen Liedern, wäre für ihn unvorstellbar: „Musik zu machen, ist für mich eine stetige Suche nach Aufrichtigkeit. Ich habe keine Geduld mit Musik, bei der ich den Eindruck habe, dass sie nicht aus einem absolut glaubhaften Ursprung entstanden ist. Pure Ehrlichkeit ist mir das Wichtigste.“

Es gibt entsprechend schmerzhafte Zeilen wie „How long must I sing these songs of sorrow / what’s the trick to get the darkness out?“ oder “Memory’s got my guts and I like that / it’s keeping you so close to me”. Die daraus resultierende Atmosphäre ist aber eher eine von Ernsthaftigkeit denn eine von Trauer. Das Album entstand, unterstützt von eng befreundeten Musikern, mitten in den Wäldern Ontarios im kanadischen Winter, aber während der Sessions „war es nicht wie auf einer Beerdingung“, betont Bonetta. „Es war voller Hoffnung, wie das Feiern einer Person und unseres Verhältnisses. Das war wunderschön und traurig in einer guten Weise.“

Cabin In The Burn ist ein gutes Beispiel dafür. Auch hier besteht das, was man sich nicht einmal „Beat“ zu nennen wagte, aus nur zwei Schlägen, das Lied wird zugleich leidend und erhebend wie das beispielsweise bei REM üblich ist, und auch die beinahe trotzige Theatralik des Stücks passt dazu. Das akustische You And Jake ist meisterhaft, ganz in sich selbst ruhend und waidwund gesungen, wie das sonst nur Adam Duritz hinbekommt. Spirit In The Sky klingt mit seiner Slide-Gitarre nach einer nüchternen Version von Ryan Adams – also einem Melancholiker, der nicht mehr ganz so tief ins Dunkel stürzt, aber auch den Trost des Alkohols nicht mehr hat.

Dass es daneben auch ein Instrumental mit reichlich Feedback und Dröhnen gibt (Irving Lake Access Road, February 12th 2011), beinahe klassischen Folkrock auf Augenhöhe mit den Meistern des Genres und mit herrlich hymnischem Finale (Moon River) oder ebenso ohnmächtige wie unterschwellig wütende Momente, die um sehr effektvolle Streicher und Bläser angereichert werden (Asleep In The Pews), hat durchaus Prinzip. „Der Ansatz für dieses Album war, eine durchgehende, lange Erfahrung für den Hörer zu kreieren und nicht nur eine Handvoll guter Songs. Das Album beginnt, und man wird hineingesogen in ein Hörerlebnis, das sich über das gesamte Album intensiviert und weiter ausgestaltet. Diesen Gedanken hatte ich im Kopf, als ich mit dem Schreiben begann“, erklärt Jonas Bonetta.

Fast jeder Song klingt so zwingend und bestimmt, als sei er noch einmal in sich selbst getaucht und mit sich selbst umwickelt worden. Auch die bedeutungsvollen Pausen, die Leerstellen und ruhigen Passagen von Spectral Dusk sind selbstverständlich mit viel Bedacht gewählt, stellt der Kanadier klar: „Wir wollten einen Punkt erreichen, bei dem der Hörer die Gelegenheit bekommt, seine eigenen Reflexionen über das Gehörte und die damit gefundenen Gefühle anzustellen, Freiräume zum Nachdenken schaffen, anstatt den Hörer einfach mit elf knackigen Songs zu bombardieren. Dies ist ein wichtiges Element des Musikhörens, das mir heute auf den meisten Platten sehr fehlt. Ich vermisse oft die Möglichkeit einer gedanklichen Flucht.“

Männer, Frauen, Kinder. Das sind auch im Video die Zutaten für einen Family Tree:

Homepage von Evening Hymns.

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