Hingehört: Kettcar – „Sylt“


Wie immer bei Kettcar: „Sylt“ ist langweilig. Aber noch mehr.

Künstler Kettcar
Album Sylt
Label Grand Hotel Van Cleef
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Wenn ich bösartig wäre, stände hier nur ein Wort: langweilig. Man hat diese Musik einfach über. All diese Bands, die ein bisschen rocken wollen, aber auch schmusen. Die viel Wert auf die Texte legen, aber schrecklisch nuschelnde Sänger haben. Die so rechtschaffen linksliberal sind, dass sie die Taz sicher gleich zweimal abonniert haben. Man weiß nicht mal mehr genau, ob das nun Kettcar ist oder Tomte oder Niels Begemann und der Hund Kante.

Das liegt nicht nur daran, dass Kettcar viele Nachahmer gefunden haben, sondern auch an der notorischen Umtriebigkeit der Grand-Hotel-van-Cleef-Künstler. Von der tollen Hansen Band bis zu obskuren Gastauftritten: Überall macht man mit, trägt etwas bei.

Dahinter steckt natürlich ein Künstler-Ethos, das nicht auf die geniale Eingebung wartet, sondern auf Maloche setzt – und sich damit selbst eine quasi niemals versiegende und in der Qualität kaum schwankende Schaffenskraft unterstellt.

Auch auf ihrem dritten Album Sylt verstecken sich Kettcar nicht, sie machen kein Geheimnis aus sich, sondern sie veräußern sich. Mit Tanzbarem wie Nullsummenspiel, schlauen Gedanken wie Wir müssen das nicht tun, hübschen Melodie wie in Verraten oder Slogans wie Wir werden nie enttäuscht werden. Auch das trägt zur Inflation ihres Sounds bei.

Aber noch etwas anderes: Dass es plötzlich so viele aufrechte deutsche Bands gibt, die alle mit Rockmusik etwas zum Stand der Dinge mitteilen wollen, macht diese Gemeinschaft auch repräsentativ. Und relevant. Was sie sagen, was sie umtreibt, was sie stört, beschäftigt offensichtlich auch viele andere Menschen. Kettcar sind die Stimme der Generation Praktikum.

Es geht hier um gescheiterte Jugendliche, die auf eigenen Füßen stehen wollen und dann doch wieder bei den Eltern einziehen müssen (Würde, das mit einer Built-To-Spill-Weltschmerz-Gitarre anfängt und dann in Ash-Jubilieren mündet). Um die Frage, ob die unbefristete Festanstellung nun ein Triumph oder eine Tretmühle ist (Geringfügig, befristet, raus). Und um Freunde, mit denen man nichts mehr anfangen kann, weil die Arbeit, die man gefunden hat, auseinanderstrebende Biographien erzwingt (das ganz und gar wundervolle Am Tisch).

So viel Einverstandensein, so viel Übereinstimmung bringt freilich auch ein Element des Konservativen mit sich. Nichts ist einfacher, als sich hier aufgehoben und verstanden zu fühlen, wenn man eben erst sein Studium beendet hat oder gerade in der Neon blättert. Genau dieser Faktor könnte der Musik leicht das Individuelle, die Rebellion rauben. Doch Kettcar sind schlau genug, diese Gefahr zu erkennen. Sie kritisieren, aber sie wissen, dass sie sich in die Kritik einbeziehen müssen. „Das ist Graceland, ich bin einer von ihnen“, heißt es etwa in der Single Graceland, einer beißenden Abrechnung mit Wolkenkuckucksheimen, wie sie nicht nur Elvis bewohnt hat.

Das ist die große Stärke von Sylt (das in Berlin aufgenommen, aber nach der Insel benannt wurde, die dem Untergang geweiht ist, weil sich die Nordsee nicht um die High Society schert): Hier passiert nichts weniger, als dass jemand die Introspektion in den Zusammenhang der Gesellschaft stellt. Statt in der Gefühlsduselei zu versinken, rasen Kettcar damit schnurstracks auf die Bedeutsamkeit zu.

So schlimm kann ein Klassentreffen sein: Das Video zum wundervollen Am Tisch:

Kettcar bei MySpace.

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