Hingehört: Roman Fischer – „Roman Fischer“ 1


Roman Fischer ist auf seinem dritten Album unverschämt Pop.

Roman Fischer ist auf seinem dritten Album unverschämt Pop.

Künstler Roman Fischer
Album Roman Fischer
Label Universal
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Es ist ein faszinierender Moment. Da ist Roman Fischer, von seiner Plattenfirma nicht ganz zu Unrecht als „das Wunderkind der deutschen Indiemusik“ bezeichnet. Mit gerade einmal 24 Jahren veröffentlich er sein bereits drittes Album. Er nennt die Platte Roman Fischer und deutet damit einen Neuanfang an. Und dann singt er plötzlich auf Deutsch.

Dem Augsburger, dessen Sound bisher irgendwo zwischen A-ha, Coldplay und Placebo schwankte, platzt nun plötzlich, kurz vor dem Ende seines übermorgen erscheinenden Albums, das Wort „Herzschmerz“ heraus. Es gehört zum Lied All Night All Day, ist ein Bastard aus Deutsch und Englisch, Neuer Deutscher Welle und Nu Rave – und ein Volltreffer. Erst Patrick Berger, der schwedische Produzent der Platte, habe ihn überzeugen können, auch mal in seiner Muttersprache zu singen, verrät Roman Fischer im Interview: „Bei Patrick hat es klick gemacht. Er hat mich zur Popmusik zurückgebracht und mir gezeigt, dass es nicht darum geht, sich selbst etwas zu beweisen, sondern dass der Song und das Gefühl im Vordergrund stehen müssen.“

All Night All Day ist einer von vielen erstaunlichen Songs auf Roman Fischer. Nach dem hoch gelobten (im November 2006 Platte des Monats im Musikexpress), aber sehr düsteren Vorgänger Personare hat Roman Fischer offensichtlich die Leichtigkeit entdeckt. Er traut sich Pop. Er hat keine Angst mehr vor der Möglichkeit, dass der Rest der Welt das womöglich nicht cool, virtuos oder glaubwürdig findet. Und er öffnet sich auch in seiner Arbeitsweise: Spielte das Multitalent bisher fast alle Instrumente selbst ein, so wurde diesmal bei den Sessions in Schweden auf Zusammenarbeit gesetzt.

„Von meinen Empfindungen her bin ich mit Sicherheit ein schwerer Mensch, aber trotzdem habe ich eine gute Zeit und bin längst nicht so schwer, wie mich viele Leute sehen“, sagt Roman Fischer. Dass er zuletzt im Vorprogramm der Sportfreunde Stiller zu sehen war, ist plötzlich gar nicht mehr so erstaunlich. „Positive Energie“ lautet sein neues Motto.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Roman Fischer nun wie Daniel Küblböck klingt. Aber es gibt ganz viel feinen Pop. We’ll Never Meet Again hat auch dank der reduzierten Strophe einen famosen Drive. Das wundervolle Not For Everyone, in dem Roman Fischer so etwas wie die Emanzipation von seiner eigenen Erwartungshaltung feiert, vereint eine leicht melancholische Strophe mit einem unendlich euphorischen Refrain, wie das sonst nur The Cure oder die Shout Out Louds so perfekt hinbekommen. Auch Let It Go, das ein ganz ähnliches Thema hat, gefällt mit viel Schwung und Liebe zum Detail.

Ausgerechnet der Auftakt misslingt allerdings. Into Your Head bietet ein durchaus faszinierendes Zusammenspiel von Bass, Beat und an Depeche Mode oder Human League erinnernden Gesang. Doch dann kommt der Kopfstimmen-Refrain – das Gegenteil von Pop. Der Disco-Rhythmus und die pseudo-eingängige Melodie wollen unbedingt ein Hit sein, doch genau dieser Ehrgeiz lässt den Refrain der Vorab-Single verkrampft klingen. Dass die Textzeile „Out of my mind and into your head“ ganze 13 Mal wiederholt wird, macht das Ganze auch nicht eingängiger.

Nach knapp der Halbzeit der Platte wird es ein bisschen düsterer. Das klavierlastige Lighstcapes und Sooner Or Later mit seinem gespenstischen Arrangement lassen an Get Well Soon denken. Beware hat zwar mehr Kraft, aber auch nicht die Unbeschwertheit der ersten Stücke. Dafür gibt es die Komplexität und Intensität, die Roman-Fischer-Fans nach den ersten beiden Alben schätzen dürften.

Some Other Man („textlich habe ich mich darin über diese ganze Kleingeistigkeit ausgekotzt“) vereint die Dresden Dolls mit Muse, das reduzierte Out Of Control ist eine berückende Ballade, der Rausschmeißer Carpet pure Eleganz. Wenn Roman Fischer darin von der Orientierungslosigkeit singt, darf man mittlerweile sicher sein: Das ist Lyrik – und nicht mehr die Suche nach sich Selbst. Denn das hat er auf Roman Fischer gefunden.

Auch hier ein Durchbruch: Im Clip zu Lightscapes will Roman Fischer mit dem Kopf durch die Wand:

Roman Fischer bei MySpace.


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