Chemical Brothers – „Dig Your Own Hole“ 6


Künstler Chemical Brothers

„Dig Your Own Hole“ ist definitiv Rock’N’Roll.

Album Dig Your Own Hole
Label Virgin
Erscheinungsjahr 1997
Bewertung

Big Beat war 1997 nicht nur der Sound, zu dem man gerade tanzte, sondern in der Tat das ganz große Ding. Dig Your Own Hole war im UK natürlich Nummer eins, genau wie die Singles Setting Sun und Block Rockin´ Beats, für das es sogar einen Grammy gab.

Der Trend spülte einige inzwischen längst vergessene Bands wie Orbital oder Bentley Rhythm Ace ins Rampenlicht, sorgte aber vor allem für Grabenkämpfe zwischen überzeugten Traditionalisten, die weiterhin auf Handarbeit schworen, und euphorisierten Trendsettern, die DJs als die neuen Rockstars feierten. Zu letzteren zählte wie stets der Musikexpress, für den 1997 The Fat Of The Land das Album des Jahres und Dig Your Own Hole immerhin noch auf Platz fünf war: „Die Chemical Brothers brauchen weder Gesang noch vordergründige Gitarren, sie haben mittels Sound diese Elemente längst transzendiert und gekonnt eingesetzte schrille Samples und verzerrte Loops machen nicht nur unbelasteteren, sondern auch härteren Rock.“ Aber durfte man wirklich „Techno spielen und Rock meinen“, wie der Rolling Stone die Herangehensweise von Prodigy, Chemical Brothers & Co. auf den Punkt gebracht hat?

Natürlich durfte man. Denn Rock definiert sich nicht über Instrumente, sondern über Drängen aus dem Inneren zur Oberfläche, ohne Umschweife. Deshalb ist es nur scheinbar absurd, wenn der Rolling Stone schreibt: „Niemand rockt wie die Chemical Brothers, und das mit denkbar wenig Rock.“ Natürlich sind die Aufnahmen von Ed Simons und Tom Rowlands komplett digital, doch sie klingen schmutzig. Als würde die Tastatur mit Dreck unter den Fingernägeln bearbeitet, als flösse beim Bedienen der Turntables echter Schweiß. „Nebensächliches existiert nicht – nichts ist Gimmick, alles Effekt“, meint der Rolling Stone ganz richtig – also Rock ’n Roll.

Die Chemical Brothers sehen das selbst ganz ähnlich. „Wir wollen keine neue Nische, sondern ein neues Bewusstsein für Popmusik. Popmusik ist Eskapismus, und wir bieten letztlich auch nur eine weitere Flucht-Variante an. Mit Trends hat das wenig zu tun“, beschreibt Ed Simons das Selbstverständnis. Diese Philosophie wuchs aus dem Club-Sommer 1989 in Manchester, in dem sich die Chemical Brothers gegründet haben, beinhaltet also HipHop und Effekte, Psychedelic und „unbedingten Willen zur Wucht“ (Musikexpress).

Und natürlich Drogen. Allerdings braucht man weder Kräuter noch Chemikalien, um Dig Your Own Hole fantastisch zu finden. „Ein gutes Dance-Album sollte mit und ohne E reinknallen. Schließlich muss man ja auch kein Heroin nehmen, um zu verstehen, worum es auf Exile On Main Street geht“, wissen die Chemical Brothers.

Für das Reinknallen sorgt bereits die Musik, woran schon die ersten Sekunden der Platte keinen Zweifel mehr lassen. Der Titel heißt Block Rockin´ Beats, und das ist kein bisschen übertrieben. Der Bass ist aggressiv und gnadenlos, das Schlagzeug erschüttert nicht nur die Wohngegend, sondern gleicht einem Erdbeben, dessen Stärke einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche legen könnte. Dazu eine unglaubliche Dramaturgie: Der Rhythmus ist unnachgiebig fordernd und unaufhörlich versprechend zugleich, die traumwandlerisch sichere Mischung aus Monotonie und Extase raubt einem die Beherrschung, den Atem, die letzte Kraft. Dieser Reiz ist wirklich die „ungeheure Steigerung ins ungeheure Nichts nach dem Knall“, die der Rolling Stone erkannt hat.

Doch wo andere Acts ebenfalls ein solch einmaliger Glücksgriff gelingt, wird Dig Your Own Hole sogar ein richtiges Album. Denn die beiden Soundtüftler haben ein feines Gespür für die besten Samples (Ed: „Am liebsten nehmen wir Sachen, wo auf dem Cover jemand mit Trommeln abgebildet ist.“), die richtigen Spannungsbögen – und einen eigenen Stil. „Du musst die Formen mit Leben füllen, so wie ein Dichter seine Versmaße. Wir wollten immer Platten machen, die perfekt im Club funktionieren, aber trotzdem eine Identität, einen Sound, haben, der nicht nur funktional ist. Unsere Musik kann man im Club genauso gut hören wie im Auto oder während man ein Bad nimmt“, beschreibt Tom diesen Anspruch.

So gibt es bei den Chemical Brothers kaum ein Qualitätsgefälle, aber dennoch Highlights. Setting Sun ist eines davon. Im Hintergrund sind schläfrige Soundknoten und halborientalische Rückwärtselemente zu hören, Noel Gallagher malträtiert dazu seine Gitarre und Stimmbänder. Überhaupt ragen die Stücke mit Gesang heraus. Das energiegeladene Get Up On It Like This läutet den phänomenalen Schlussteil der Platte ein. Lost In The K-Hole wird von einem enorm funky Bass getragen. Ein wenig Hi-Hat reicht als Begleitung schon aus, um zum Tanzen zu zwingen.

Schließlich veredelt Beth Orton mit ihrem Gesang Where Do I Begin. Wie dieser Song langsam erwacht, sich anschleicht, um dann plötzlich in voller Größe mitten im Raum zu stehen und alles in seinen Sog hineinzuziehen, ist nicht weniger als überirdisch. Auch der Rausschmeißer The Private Psychedelic Reel ist unwiderstehlich, zwingt zum Tanzen, schaltet alle Bedenken aus. Wer da noch über fehlende Handarbeit nörgelt, dem ist nicht mehr zu helfen. Tom Rowlands weiß, dass er Musik macht, Rock denkt und eine verdammt gute Platte abgeliefert hat: „Ein Song ist ein Song – ob er letztlich am Computer oder auf der Akustik-Klampfe entsteht, ist egal. Das sagt über sein Gefühlspotenzial nichts aus.“

So sieht das aus, was man „eine Show“ nennt: Ein episches Block Rockin‘ Beats, live in Kiew:

Die Chemical Brothers bei MySpace.