The Low Anthem – „Smart Flesh“


Künstler The Low Anthem

Nur ein paar Details verraten, dass "Smart Flesh" noch nicht 40 Jahre alt ist.

Nur ein paar Details verraten, dass „Smart Flesh“ noch nicht 40 Jahre alt ist.

Album Smart Flesh
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Zwei Dinge kann man nicht glauben, wenn man Smart Flesh hört, das zweite Album von The Low Anthem und damit Nachfolger des umjubelten Debüts Oh My God Charlie Darwin: erstens das Entstehungsjahr, und zweitens das Tracklisting.

„2011“ steht tatsächlich auf der gerade drei Wochen alten CD. Doch wären da nicht ein paar dezente Hinweise wie die Tatsache, dass ein Song Boeing 737 heißt, dann könnten diese Lieder aus dem tiefen, dunklen, verzweifelten Herz Amerikas auch vierzig Jahre alt sein – oder zur Zeit der Großen Depression entstanden sein, als Soundtrack zu John Steinbecks Früchte des Zorns.

Noch ein wenig irrealer ist das Tracklisting. Ich habe gerade noch einmal nachgeschaut und mich vergewissert, dass die Stücke auf Smart Flesh wirklich die Nummern 1 bis 11 tragen. Denn eigentlich sind das lauter letzte Lieder. 11 Mal die 11.

Der Titelsong, tatsächlich das letzte Lied auf diesem Album, klingt wie eine Ballade aus längst vergangenen Zeiten mit Maultrommel, singender Säge und einer Stimme, die ihr ganzes Leben lang immer nur geschrien zu haben scheint, und nun plötzlich betet.

Doch auch alle anderen Songs hier könnten als Rausschmeißer taugen. Schon im Opener (!) Ghost Woman Blues taumelt eine todtraurige Stimme über einen einsamen Friedhof, ein Klavier und ein Bass sind die einzigen Gefährten. Ähnlich reduziert und mit ähnlicher Thematik kommt später I’ll Take Out Your Ashes daher.

Apothecary Love ist ebenso wehmütig und erinnert mit seinen klassischen Country-Zutaten (3/4-Takt, Steel Guitar und Mundharmonika) an Gram Parsons. Love And Altar könnte mit seinen göttlichen Harmonies von Crosby, Stills & Nash stammen. Wire ist ein gespenstisches Instrumental, Golden Cattle ertrinkt fast in Weltschmerz.

In Matter Of Time erinnert zwar nicht der Sound (eine Einsiedler-Orgel und eine verlorene Mundharmonika), aber doch die Herangehensweise an Donovan oder gar Cat Stevens. Das superbe Burn, das auf der Promo-CD noch treffend als Fool’s Repent betitelt ist, kann es in punkto Untröstlichkeit und Romantik sogar mit Leonard Cohens Famous Blue Raincoat aufnehmen, bloß dass bei The Low Anthem ein Banjo die Gitarre und eine singende Säge die Frauenstimme ersetzt.

Das Quartett um Sänger Ben Knox Miller hat Smart Flesh in einer ehemaligen Pastafabrik in Central Falls, Rhode Island, aufgenommen. „We knew right away when we stepped into the factory that the space was really the main instrument for the whole record“, erinnert sich Miller.

Auch die etwas muskulöseren Stücke sind davon geprägt. Wie ein trunkener Bob Dylan klingt Miller in Hey, All You Hippies, und die Gitarre wird dazu derart kraftvoll angeschlagen, dass man fürchten muss, jemand wolle hier die Saiten züchtigen. Auch das bereits erwähnte, mit Bläsern, E-Gitarre und heiligem Eifer auf den Spuren von Bruce Springsteen wandelnde Boeing 737 fügt sich in das Klangbild, das Produzent Mike Mogis (Bright Eyes) gemeinsam mit The Low Anthem entworfen hat: Geisterhaft, verloren und weiträumig klingen sie. Noch mehr letzte Lieder.

So sieht es also aus, wenn The Low Anthem zum Betriebsrundgang durch eine Pasta-Fabrik einladen: Das Video zu Boeing 737:

The Low Anthem bei MySpace.

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