Interpol – „El Pintor“


Künstler Interpol

Interpol El Pintor Review Kritik

Interpol musizieren auf „El Pintor“ erstmals als Trio.

Album El Pintor
Label Pias
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Wenn man nicht gerade die Red Hot Chili Peppers ist (die einen der besten Rock-Bassisten der Welt haben) oder Death From Above 1979 (da macht der Bassist bereits die Hälfte der gesamten Besetzung aus), ist es normalerweise kein großes Problem, wenn ein Bassist eine Band verlässt. Wer nur vier statt sechs Saiten spielt, tut das meist, weil das Talent zum Dasein als Gitarrist nicht gereicht hat, man aber trotzdem irgendwie mit den Jungs ein bisschen Lärm machen will. Es gibt unter Musikern den Witz vom „Außensaiter“ ebenso wie Rockbands, die ein Leben lang ganz ohne Bass auskommen (The White Stripes) oder die Position einfach nicht mehr offiziell besetzen, wenn der ursprüngliche Bassist abhanden gekommen ist (The Rolling Stones), und den Job stattdessen von Sessionmusikern erledigen lassen.

Man kann deshalb ein bisschen staunen, dass es Interpol in eine echte Krise gestürzt hat, als 2010 Bassist Carlos Dengler seinen Ausstieg verkündete. Natürlich war er technisch versiert und als ein Viertel der 1997 gegründeten Band aus New York ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Es ist aber nicht allzu gemein, wenn man formuliert: Sein Schnauzbart war dafür wichtiger als das, was er an seinem Instrument beigesteuert hat. Die meisten Bands hätten wohl einfach Ersatz verpflichtet (so wie es Interpol schließlich auch zehn Jahre zuvor getan hatten, als ihr erster Schlagzeuger ausstiegen war), um den erfolgreichen Run seit dem Debüt Turn On The Bright Lights fortzusetzen, der unter anderem zwei Goldene Schallplatten und zwei Top-10-Platzierungen in den amerikanischen Albumcharts umfasste.

Allerdings sind Interpol nicht wie die meisten Bands. „Mir ging es nicht so sehr darum, talentierte Musiker oder Leute mit dem gleichen Musikgeschmack zu finden, sondern eher Gleichgesinnte in Hinblick auf eine gewisse gemeinsame Sensibilität“, sagt Gitarrist Daniel Kessler, der die meisten Songs schreibt, über die Gründungszeit in gemeinsamen Stundententagen. Das bedeutet erstens: Er und seine (verbliebenen) Mitstreiter wissen, dass sie genauso wenig Virtuosen sind wie ihr ehemaliger Bassist. Zweitens: Interpol sind nicht so sehr Musiker, die sich mit einer gemeinsamen künstlerischen Vision zusammengetan haben, sondern viel eher so etwas wie ein Schutzkreis, eine Selbsthilfegruppe. Hier haben sich Menschen gefunden, die nicht klarkommen mit der Welt, die aber erkannt haben, dass sich dieser Zustand gemeinsam etwas besser ertragen lässt – erst recht, wenn man zusammen noch die eigene Musik als Frustventil nutzen kann.

Deshalb hat es nach dem Abschied des Bassisten tatsächlich fast drei Jahre gedauert, bis Kessler, Sänger/Gitarrist Paul Banks und Schlagzeuger Sam Fogarino wieder zueinander fanden. Auch das endgültige Aus von Interpol stand in dieser Zeit im Raum, nicht nur wegen diverser Neben- und Soloprojekte. Das galt selbst dann noch, als sich Kessler und Banks im August 2012 im Proberaum ihrer Kumpels von Battles wieder trafen. „Es war der erste Schritt, um zu sehen, ob wir was machen sollten”, erinnert sich Kessler. „Wir hatten keinen Plan. Mir hat auch kein Gefühl gesagt, dass wir es tun sollten. Wir haben nur Musik gespielt, um zu sehen, ob dort etwas ist.“

Die Zweifel waren dann schnell beseitigt („Ich habe den Anfang von etwas Besonderem gespürt“, sagt Kessler) und aus diesem Etwas wurde schließlich El Pintor, das fünfte Album der Band, aufgenommen in den Electric Lady Studios und Atomic Sound Studio in New York. Den Bass übernahm dafür Paul Banks, der davon nach eigenen Angaben auch hinsichtlich seiner Gesangsmelodien neu inspiriert wurde. Kessler empfand die neuen Bass-Beiträge als eine kongeniale Ergänzung seiner Gitarren-Ideen und stellte fest: „Zum ersten Mal waren wir nur zu dritt. In diesem Moment wurde klar, was es bedeutet, seit über zehn Jahren eine Band zu sein. Ich habe nicht erwartet, dass es mich trifft, doch die offensichtlichen Veränderungen unserer Möglichkeiten als Band wurden mir schlagartig bewusst“, sagt Sam Fogarino, für den es nun mehr denn je „Bestimmung war, dass wir zusammen gehören“.

Das Zitat zeigt wieder diese Idee der gegenseitigen Unterstützung gegen ein feindliches Außenfeld, und dieses Thema findet sich entsprechend häufig auf El Pintor. Zu Beginn des Openers All The Rage Back Home klingt Banks wie ein verschrecktes Kind, bevor er sich dann, unterstützt von den einsetzenden Instrumenten, nach knapp einer Minute aus der Deckung wagt. Es geht um die eigenen Schwächen, auch um die Frage, wem man sie offenbaren darf und vor wem man sie lieber verbirgt, und das Ergebnis klingt, als hätte jemand Placebo in einen Ozean voll Hall gestürzt.

„Feels like the whole world is coming down on me“, singt er später in Same Town, New Story, das im Prinzip eine Ballade ist, auch wenn der verlangsamte Disco-Bass und die ungewöhnliche Gitarre sich dem zu widersetzen scheinen. Der neurotische Stoner Rock von My Blue Supreme thematisiert rund um die Zeile „This kind of shit don’t heal in a week“ die Vorstellung vom besseren, idealen Ich – und das Scheitern daran, es mit dem realen Ich in Übereinstimmung zu bringen. Als „beaten by the weight of it“ scheint Banks dann in Ancient Ways beinahe kapitulieren zu wollen, obwohl in der Musik viel Entschlossenheit steckt, im abstrakten Breaker 1 seziert er das „beast inside me“.

Das Problem dabei ist gar nicht der Personalwechsel. Etwa in Everything Is Wrong ist der Bass das dominierende Instrument und lässt keinerlei Wünsche offen. Immer wieder findet man auf El Pintor auch kraftvolle Passagen wie den mächtigen Beat, der Tidal Wave trägt, oder interessante Gitarrenfiguren wie die, um die sich in My Desire ein großes Drama aufbaut. Viel eher stört bei Interpol weiterhin, dass sie aus ihrem Rückzug eine Isolation gemacht haben. „Ohne Carlos aufzunehmen war eine große Veränderung. Wir haben uns sehr damit auseinandergesetzt, unseren Kreis geschlossen und damit gearbeitet, was wir hatten”, sagt Kessler. Das ist typisch: Für ihre Probleme haben sie weiterhin nur Defensive anzubieten und ihre Aufgewühltheit setzen sie in zappeligen Songs wie Anywhere um, die vor lauter Komplexität kaum emotionale Identifikation möglich machen – auch wegen des stets nöligen Schmerzensmann-Gesangs von Paul Banks. So kommt hier sehr oft pathetischer Kack heraus wie der Album-Schlusspunkt Twice As Hard: Wenn ich mir fünf Minuten Selbstmitleid von jemandem anhören soll, dann sollte er wenigstens eine schönere Stimme haben.

Banks mit Bass: Das Video zu All The Rage Back Home.

Website von Interpol.

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