Interview mit Dag För Dag 2


Im Interview verrieten Dag För Dag, dass sie eigentlich keine EPs mögen - obwohl sie gerade erst eine veröffentlicht haben.

Im Interview verrieten Dag För Dag, dass sie eigentlich keine EPs mögen – obwohl sie gerade erst eine veröffentlicht haben.

Dag För Dag sind ein Duo, bei dem wenig so ist, wie es scheint. Der Bandname ist schwedisch, doch die Mitglieder sind Amerikaner. Ein Mann und eine Frau singen über Liebe, Schmerz, Wut – doch ihr Zusammenspiel hat nichts Erotisches, denn Sarah und Jacob Snavely sind Zwillinge. Sie haben gerade eine kostenlose EP namens Release veröffentlicht, doch sie mögen dieses Format eigentlich gar nicht. Und Dag För Dag sind auf Tour mit ihren Freunden von den Shout Out Louds – doch mit deren ebenso melancholischem wie euphorisierendem Indiepop hat ihr Sound wenig gemein.

Immerhin ein Klischee stimmt: Das symbiotische Einverständnis, das man Zwillingen oft unterstellt, zeigen Sarah und Jacob im Interview auf jeden Fall. Ich treffe sie vor dem Konzert im Varieté am Steintor in Halle. Dag För Dag sprechen über Babys auf Tour, das Missverständnis Shoegaze und einen Bandnamen, den sie selbst kaum aussprechen können. Und sie sind sich dabei (fast) immer einig.

Wie läuft die Tour?

Jacob: Sehr gut. Gestern hatten wir frei und wir haben den Tag hier in Halle verbracht. Wir haben uns ein wenig die Stadt angeschaut und sind über den Markt geschlendert.

Hast Du ein nettes Souvenir gefunden?

Jacob: Nein, die haben nur Töpferei und solchen Kram verkauft, das war nichts für mich. Stimmt nicht: Ich habe eine alte Postkarte von Halle gekauft. Es scheint eine sehr interessante Stadt zu sein, ziemlich unberührt. Mit vielen alten Gebäuden, aber auch genug Platz dazwischen.

Sarah: Mir kommt die Stadt fast ein bisschen schizophren vor. Es gibt viele hübsche, kleine Läden und auf der anderen Seite ein paar echt überdimensionierte Gebäude.

Zu den Shout Out Louds habt ihr eine wirklich innige Beziehung geben. Ist es nicht gefährlich, wenn man dann so viel Zeit zusammen auf so engem Raum verbringt? Man könnte sich ja auf Tour plötzlich auf die Nerven gehen oder lauter schlechte Eigenschaften entdecken, die bisher verborgen waren. Ein bisschen wie ein junges Liebespaar, das zum ersten Mal in eine gemeinsame Wohnung zieht.

Sarah: Wir waren ja schon einmal zusammen auf Tour. Außerdem bin ich einmal für Bebban eingesprungen, als sie nicht mit den Shout Out Louds auf Tour gehen konnte. Wir wussten also, worauf wir uns einlassen. Wir sind wirklich sehr gute Freunde, wir haben denselben Proberaum und sehen uns auch die ganze Zeit, wenn wir in Stockholm sind. Und Ted, der Bassist der Shout Out Louds, ist schließlich der Vater meines Kindes.

Oh, das wusste ich nicht. Ich dachte, er dreht nur Eure Videos.

Jacob: Man muss uns auch schon ziemlich gut kennen, um das rauszufinden.

Obwohl ihr euch so gut versteht, ist die Musik doch ziemlich unterschiedlich. Ist das eher reizvoll, wenn ihr zusammen auf Tour seid, oder gibt es auch schon einmal seltsame Reaktionen, wenn ihr das Vorprogramm für die Shout Out Louds bestreitet?

Jacob: Wir waren schon mit wirklich vielen Bands unterwegs, und das Publikum der Shout Out Louds ist vielleicht ein bisschen mehr irritiert von unserem Sound als andere Zuschauer. Aber wir freuen uns einfach, dass wir vor Leuten spielen können. Jedes Publikum ist eine Ehre für uns.

Sarah: Manchmal ist es schwierig, weil wir diesen lauten, krachigen Sound mit vielen Kanten haben und die Shout Out Louds doch eher glatter, angenehmer sind. Aber auch wenn wir nur einen Teil des Publikums erreichen können, ist das schon ein Erfolg für uns. Ich finde es jedes Mal irre, dass wir auch bei diesen Shows noch CDs und T-Shirts verkaufen. Das zeigt: Musik ist Musik – und sie kann es immer schaffen, die Leute anzusprechen und zu überraschen.

Ist es spannender, wenn man ganz anders ist als die Hauptband? Oder macht es mehr Spaß, wenn man sicher sein kann, dass man den Geschmack des Publikums trifft?

Jacob: Das ist schwer zu sagen. Wir haben da ganz Unterschiedliches erlebt. Die Tour mit Wolf Parade war super, sie sind wirklich Vorbilder für mich. Auch A Place To Bury Strangers sind sehr sympathische Typen. Aber das Schönste wäre ehrlich gesagt, wenn wir als nächstes unsere eigene Tour als Headliner machen könnten.

Sarah: Es ist einfach etwas anderes, wenn man für seine eigenen Fans spielt. Auch wenn dann vielleicht nur 75 Leute kommen.

Wer wird denn dann der Support-Act für Dag För Dag sein?

Sarah: Madonna!

Jacob: Ich wollte eigentlich Britney Spears sagen. Das müssen wir wohl noch ausdiskutieren. (lacht)

Sarah: Es wäre auch cool, wenn die Shout Out Louds unsere Vorgruppe wären. Vielleicht gibt es ein paar Länder, in denen wir erfolgreicher sind und sie auf diese Weise ein bisschen unterstützen können – so wie sie es für uns getan haben.

Du hast Wolf Parade als eines der Vorbilder für Dag För Dag genannt. Was sind eure anderen Einflüsse? Meine erste Assoziation beim Hören von Boo war Shoegaze.

Sarah: Das hören wir oft.

Mögt ihr diese Kategorisierung oder wollt ihr mit Shoegaze lieber nichts zu tun haben?

Jacob: Wenn man unter Shoegaze so etwas versteht wie My Bloody Valentine, dann kann ich sehr gut damit leben. Ich liebe My Bloody Valentine! Was uns verbindet ist sicher der Anspruch, mit dem Klang unserer Instrumente eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Manchmal reicht dazu ein Ton, den man ganz lange hält. Ich denke, einige Leute, die das Album gehört haben, werden uns Shoegaze nennen. Wenn sie uns aber live gesehen haben, nennen sie uns Rock. Unsere Show ist wirklich sehr energetisch. Wir springen rum, wir schwitzen – das ist nicht gerade Shoegaze.

Gibt es andere Vorbilder, an denen ihr euch orientiert?

Jacob: Vielleicht das Meer? (lacht) Nein, im Ernst. Ich mag The National, schon seit langer Zeit. Die frühen Platten von Modest Mouse gefallen mir auch.

Sarah: Ich mag Prog. Diese deutsche Band Neu! – das ist klasse. Und natürlich PJ Harvey, die meinen Gesangsstil sehr beeinflusst hat.

Seid ihr euch in der Regel einig, welche Musik ihr mögt?

Jacob: Ja.

Sarah: Auf jeden Fall, wir haben einen sehr ähnlichen Geschmack.

Liegt das daran, dass ihr als Geschwister mit denselben Einflüssen aufgewachsen seid?

Sarah: Ich weiß nicht. Wir waren in unserer Kindheit ja nur eine zeitlang zusammen, und dann waren wir getrennt. Vielleicht ist das eher eine genetische Sache. Oder eine amerikanische.

Jacob: Wir haben uns sieben Jahre lang nicht gesehen, und als wir uns dann wieder begegnet sind und zusammen Musik gehört haben, war da sofort eine Verbindung.

Sarah: Meistens merken wir das am deutlichsten bei den Sachen, die wir nicht mögen. Viele unsere Freunde sind ganz begeistert von Belle & Sebastian. Und wir haben beide gesagt: Das klingt mir alles ein bisschen zu süß. Lasst uns lieber ein bisschen Krach machen.

Wenn eure musikalische Sozialisation so durch und durch amerikanisch war, hat das Leben in Schweden dann euren Sound verändert?

Sarah: Ja. Die Schweden haben ein bisschen mehr Fokus und Struktur in unseren Sound gebracht. Vorher waren wir viel offener, experimenteller. Und jetzt sagen die Produzenten öfters mal: Lasst uns diesen Teil des Lieds weglassen, lasst uns zum Punkt kommen. Das hat uns geholfen.

Was gefällt euch sonst an Schweden?

Sarah: Die saubere Luft. Ich habe vorher in London gelebt, und der Smog dort ist wirklich schrecklich. Und es ist natürlich toll, dass überall so viel Grün ist. Selbst in Stockholm, in dieser wunderschönen Stadt, muss man nur zwei Minuten laufen und kann dann irgendwo Blaubeeren pflücken. Das ist herrlich.

Jacob: Ich mag vor allem die Menschen. Schweden ist wirklich so etwas wie eine funktionierende Version von Sozialismus. Jeder kümmert sich um seine Nachbarn, der Staat kümmert sich um die Armen. In Amerika gibt es das nicht, da ist alles völlig außer Kontrolle.

Für Musiker dürfte es auch sehr angenehm sein, dass es vom schwedischen Staat großzügige Subventionen für Künstler gibt. Profitiert ihr davon?

Jacob: Wenn Du Schweden schon großzügig findest, solltest Du mal nach Norwegen gehen! Die geben unglaublich viel Geld aus, um junge Bands zu fördern.

Wahrscheinlich versuchen sie wieder einmal, die Schweden hinter sich zu lassen.

Jacob (lacht): Wahrscheinlich. Aber wir haben nicht allzu viel von diesen Subventionen. Die Regierung bezahlt für unseren Proberaum, das ist alles. Sonst kriegen wir nichts mehr – zumindest, seit sie rausgefunden haben, dass wir keine Schweden sind.

Sarah: Das ist wirklich seltsam für uns. Denn wenn wir im Ausland sind, werden wir überall als schwedische Band betrachtet. Nur in Schweden sieht man uns als amerikanische Band. Wahrscheinlich sollten wir endlich einmal anfangen und richtig Schwedisch lernen.

Euer Bandname „Dag För Dag“ wäre ja ein guter Anfang.

Sarah: Das stimmt. Wenn wir „Dag För Dag“ sagen, denken die Leute immer, wir sprechen von Hunden, weil sie „Dog För Dog“ verstehen. Das Å ist echt schwer auszusprechen.

Warum habt ihr dann diesen Namen gewählt?

Jacob: Wir brauchten einen Namen, und wir hatten wirklich keine besseren Ideen. „Dag För Dag“ habe ich dann in einem Vokabeltrainer gefunden und dachte mir: Warum nennen wir uns nicht so?

Sarah: Es sind zwei Worte, die sich gegenseitig spiegeln. Das passt zu uns. Und es sieht gut aus. Wir waren uns bloß nicht so recht im Klaren darüber, wie kitschig es für manche klingt. Viele Schweden halten uns wegen dieses Namens erst einmal für eine christliche Band, die irgendetwas von Jesus singt, den man lieben kann, Tag für Tag oder so.

Jacob: Ich habe kürzlich noch einmal darüber nachgedacht, ob wir uns nicht besser „Boo“ nennen sollten, so wie das erste Album. Das ist vielleicht ein besserer Name. Aber dafür ist es jetzt wohl zu spät.

Boo ist erst im März erschienen, nun gibt es mit Release bereits eine neue EP. Seid ihr fleißiger als andere Bands? Oder warum geht das bei Dag För Dag so schnell?

Jacob: Wir haben einfach eine Menge Lieder. Wir schreiben sehr schnell. Das Problem ist eher, dass wir viele Ideen gleich wieder vergessen, weil wir dann schon wieder neue Sachen schreiben. Es ist wirklich schwer, die Songs herauszufinden und irgendwie festzuhalten, die auf Dauer bestehen können. Aber die Sachen auf Release hatten wir schon längst aufgenommen. Die waren einfach noch übrig.

Sicherlich könnt ihr auch ein bisschen schneller arbeiten, weil ihr nur zu zweit seid und nicht alles ewig lang mit allen anderen in der Band diskutieren müsst.

Sarah: Das stimmt. Und es kommt noch etwas dazu: Man muss auch erst einmal alle an einem Ort zusammen bekommen. Das ist für uns natürlich leichter – und jedes Mal, wenn wir uns sehen, schreiben wir einen neuen Song.

Sind EPs dann eine gute Möglichkeit, euren Output aktuell unter die Leute zu bringen? Immerhin ist Release schon eure zweite EP?

Jacob: Das ist eher Zufall. Ehrlich gesagt mag ich EPs nicht besonders. Wenn es nach mir geht, werden wir so schnell keine EP mehr veröffentlichen. Sie gehen leider oft unter. Vor allem die Presse nimmt sie nicht richtig wahr, und deshalb würde ich viel lieber Alben machen statt EPs. Aber bei Release war die Idee, dass wir den Fans einfach etwas zurück geben wollten, und dafür eignen sich diese fünf Songs sehr gut. Und wir wollten neue Leute für unsere Musik interessieren. Die EP ist eine gute Heranführung an Dag För Dag – und deshalb ist sie auch kostenlos.

Und für wann ist das nächste Album geplant?

Sarah: Das kommt ein bisschen drauf an, wie lange wir jetzt auf Tour sind. Ich würde gerne im Frühjahr wieder ins Studio gehen und ein neues Album aufnehmen. Aber wenn die Tour gut läuft, hängen wir vielleicht noch einmal eine ganze Reihe von Konzerten dran. Als Boo herauskam, war mein Sohn gerade zur Welt gekommen. Deshalb konnten wir da nicht auf Tour gehen. Und jetzt holen wir das alles nach. Und außerdem finden wir heraus, wie groß die Nachfrage ist.

Die Nachfrage ist sicher noch nicht groß genug, damit ihr von eurer Musik leben könnt. Was macht ihr, um eure Rechnungen bezahlen zu können?

Jacob: Ich komponiere zum Beispiel Musik für Werbespots.

Sarah: Ich arbeite freiberuflich als Übersetzerin. Ich mache zum Beispiel Untertitel fürs Fernsehen.

Manche Musiker behaupten, dass es ein Vorteil ist, wenn man noch einen richtigen Job hat, weil man darin Erfahrungen sammelt, über die man dann singen kann. Seht ihr das auch so? Oder möchtet ihr lieber Vollzeit-Rockstars sein?

Jacob: Ich mag es, wenn man ein bisschen geerdet ist. Egal, wie erfolgreich ich als Musiker wäre: Ich würde immer versuchen, noch etwas anderes zu machen. Das ist auch eine gute Möglichkeit, um zu entspannen und den Akku wieder aufzuladen.

Sarah: Ich sehe das ein bisschen anders. Ich finde meinen Nicht-Musiker-Alltag total uninspirierend. Und ich würde es lieben, wenn ich hauptberuflich Musikerin sein und damit mein Geld verdienen könnte. Fast alles, worüber ich schreibe, passiert mir in meinem Musiker-Dasein, vor allem auf Tour. Ich könnte sogar einen Song über die Frau schreiben, die uns gerade den Kaffee gebracht hat. Für mich geht es einfach darum, diese Sache hundert Prozent zu betreiben – und nicht bloß ein bisschen. Ich möchte mich da wirklich voll und ganz reinwerfen.

Da haben wir ja endlich etwas gefunden, wo ihr euch nicht einig seid.

Jacob: Stimmt. Aber wir sind uns einig im Nicht-einig-Sein.

Dag För Dag spielen Ring Me, Elise live im Varieté am Steintor in Halle:

Dag För Dag bei MySpace.

Ein Porträt von Dag För Dag gibt es auch auf news.de.

Hingehört: Dag För Dag – “Boo”

Oktober 23, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik (Edit)

Kein Schocker: "Boo" ist ein schönes Wort, meinen Dag För Dag.

Kein Schocker: „Boo“ ist ein schönes Wort, meinen Dag För Dag.

Künstler Dag För Dag
Album Boo
Label Haldern Pop
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung **1/2

Vorgruppen und die Bands, für die man eigentlich gekommen ist, haben oft ein sehr seltsames Verhältnis. Manchmal wird der Hauptact zum Ersatzpapa, wie einst bei Alice Cooper, der dem mit ihm reisenden Dave Mustaine von Megadeath mal eben predigte, dass man auch ohne Alkohol leben kann. Manchmal erweisen sich die eigentlichen Stars des Abends als unerwartet charmant und großzügig wie Dave Grohl von den Foo Fighters, als er mit The Sounds auf Tour war. Manchmal sind die Vorgruppen einfach nur von der Plattenfirma geschickt worden, weil sie ungefähr zur selben Zeit auch ein Album auf dem selben Label veröffentlicht haben. Und manchmal ist die Vorgruppen die Band, die der Hauptact heimlich sein möchte.

So scheint es bei Dag för Dag zu sein. Das Duo ist gerade auf Tour mit den Shout Out Louds. Und die beiden schwedischen Bands scheinen wirklich ein enorm inniges Verhältnis zu haben. Nicht nur, dass Dag för Dag den Abend eröffnen, der dann von den Shout Out Louds beschlossen wird. Bebban Stenborg, Keyboarderin der Shout Out Louds, hat auch die Biografie von Dag För Dag auf deren Homepage geschrieben. Im Booklet zu Boo fallen Dag För Dag im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knie vor den Shout Out Louds vor lauter Bewunderung und Dankbarkeit. Und Shout-Out-Louds-Bassist Ted Malmros ist Regisseur des Videos I Am The Assasin, das die neue Dag-För-Dag-EP Release begleitet, die man übrigens gerade kostenlos herunterladen kann.

Hört man sich Boo an, das Debütalbum von Dag För Dag, dann erstaunt diese eifrig gepflegte Geistesverwandtschaft doch zunächst. Vom Happy-Go-Lucky-Sound, den noch immer viele mit den Shout Out Louds assoziieren, ist hier keine Spur. Es gibt vieles, das beeindruckt, aber wenig, das begeistert oder gar so euphorisierend ist wie die besten Stücke der Shout Out Louds. Doch Boo ist eindeutig ein Album, das die Engländer einen „Grower“ nennen. Und zwar gleich in dreifacher Hinsicht.

Erstens entpuppt Boo bei mehrfachem Hören immer neue Dimensionen. Die ersten drei Durchläufe können noch voll und ganz unspektakulär klingen, doch dann hat man sich langsam hineingefunden in die Klangwelt von Jacob und Sarah Snavely, einem in den USA geborenen Zwillingspaar, das mittlerweile in Schweden lebt. Dag För Dag werden getragen von einer enormen Liebe zur Gitarre, die manchmal so einsam und verhallt klingen kann wie bei Cracker (Light On Your Feet), viel öfter aber so dröhnend, träge und verzerrt wie beim Black Rebel Motorcycle Club (wie beim feinen Rausschmeißer Ring Me, Elise).

Dazu kommt die Liebe zum Gesang. Sarah und Jacob wechseln sich am Mikrofon ab, aber vor allem, wenn sie in einem Lied beide zu hören sind, wird die erstaunliche Dynamik dieser Stimmen deutlich, die niemals etwas zurückhalten. Dazu kommt ein weiterer Reiz: Weil man weiß, dass Mann und Frau hier Bruder und Schwester sind, hat ihr Zusammenspiel überhaupt nichts mit Flirt oder Sex, Kampf oder Verbitterung zu tun. Es geht rein um den Gesang – und das kann extrem faszinierende Ergebnisse hervorbringen wie das ebenso schräge wie eingängige Silence As The Verb.

Zweitens ist Boo auch deshalb ein Grower, weil es zum Ende hin viel stärker wird. Das herrlich ruhige Come In Like A Knife, die Single Animal, irgendwo zwischen der Ausgelassenheit von Be Your Own Pet und der Durchgeknalltheit der B-52s oder The Leather Of Your Boots, das quasi Hardrock mit Elfengesang ist (also beinahe The Duke Spirit) – das sind weitere Highlights der Platte, alle im letzten Drittel.

Drittens wächst beim mehrfachen Hören von Boo auch die Erkenntnis, woher die gegenseitige Begeisterung von Dag För Dag und den Shout Out Louds kommt: Dag För Dag haben ebenfalls eine große Lust am urwüchsigen Musizieren mit allem, was durch und durch analog ist. Und die Shout Out Louds haben vor allem auf dem jüngsten Album Work angedeutet, dass  vergleichsweise Experimentelles wie Boxed Up In Pine mit einem gewagten Geigensolo oder Wouldn’t You, das getragen wird von Sarah Snavelys ätherischer Stimme und einer wunderhübschen Orgel, auch bei ihnen möglich ist. Das Verhältnis ist somit eigentlich ganz klar: Die Shout Out Louds wollen Shoegazer sein. Dag För Dag sind es schon.

Noch eine Verbindung: Das Video zur sehr gelungenen Single Animal hat Ted Malmros von den Shout Out Louds gedreht:

Dag För Dag bei MySpace.


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