Interview mit Me And My Drummer


Me And My Drummer Leipzig Konzert

In Berlin haben Me And My Drummer des perfekte Umfeld gefunden, sagen sie. Foto: Sinnbus/Sashberg

Beinahe hätte ich Me And My Drummer verpasst. Matze Pröllochs (der Drummer) und Charlotte Brandi (das singende Me) wollen mich zum Interview in Leipzig freundlicherweise am Eingang zur Parkbühne Geyserhaus abholen. Ich bin aber schon längst auf dem Gelände und muss ihnen dann hinterherlaufen. „Alle rennen nach dem Glück / das Glück rennt hinterher“, fasst Charlotte diese Situation spontan mit einem Brecht-Zitat zusammen, als wir uns dann gefunden haben. Bei so einem Start darf man wohl davon ausgehen, dass es ein tiefgründiges und intelligentes Gespräch werden darf. Ich gebe mein Bestes, und während das Duo im Interview genauso sehr ein Herz und eine Seele zu sein scheint wie später am Abend beim Konzert, plaudern wir auf einer Parkbank über Berlin als weltbeste Musikerstadt, den heimlichen Wunsch, alle Synthies zu verschrotten, und die Frage, ob Me And My Drumcomputer jemals denkbar wären.

Hey Matze, hallo Charly! Ich habe heute einem Freund von mir beim Umzug geholfen, deshalb wüsste ich zuerst gerne: Wann seid ihr zuletzt umgezogen?

Matze Pröllochs: Für mich war es der Umzug von Tübingen nach Berlin, vor bald sechs Jahren.

Charlotte Brandi: Ich bin danach noch einmal umgezogen, von Friedrichshain nach Neukölln. Das war übrigens eine sehr gute Entscheidung.

Würdet ihr im Rückblick sagen, dass Berlin entscheidend war für Me And My Drummer? Man könnte ja auch meinen, mit all den digitalen Möglichkeiten sei es auch im kleinsten Dorf kein Problem mehr, spannende Musik auf internationalem Niveau zu machen und dabei gut vernetzt zu sein.

Matze: Berlin hat eine ganz große Rolle gespielt. Abgesehen davon, dass es eine coole Stadt ist und wir uns da sehr wohl fühlen, ist es dort viel einfacher, kreativ zu sein. Man hat die ganzen Leute direkt in der Stadt. Nicht nur andere Musiker, sondern auch die Infrastruktur, das Business, mit dem man sich ja leider auch herumschlagen muss.

Du hast einmal gesagt, ihr wäret nicht nach Berlin gezogen, um dort Popstars zu werden. Was war dann der ausschlaggebende Grund?

Matze: Naja, ich war in Tübingen und habe mich langsam gefragt, was man da erreichen kann. Charly war in Köln und wollte da auch nicht mehr bleiben. Wir hatten beide Bock auf Berlin.

Habt ihr eine Traumstadt, in der ihr gerne mal leben und arbeiten würdet? Gibt es einen noch besseren Ort als Berlin, den ihr euch als Heimat für Me And My Drummer vorstellen könntet?

Charlotte: Nein, und das ist wirklich krass. Wir waren jetzt gerade auf Tour und haben Städte wie Amsterdam, London und Brighton erlebt, wir waren auch schon in Reykjavik, Prag und Paris. All diese Städte machen es einem Künstler schwerer als Berlin. Es ist einfach unfassbar scheiße, dass ein Mensch wie ich in so einer geilen Stadt wie London nicht überleben könnte. Ich könnte dort nicht so leben wie ich leben möchte, weil es unmenschlich teuer ist. Das macht mich richtig sauer. Und deshalb merken wir auch, wie schön es ist, dass Berlin durch das glückliche Zusammentreffen von vielen Tausend Umständen so ist wie es ist. Man kann dort machen, was man will, und man trifft Menschen vom gleichen Schlag. Das ist extrem wichtig, nicht nur für meinen Alltag, sondern auch für unser Schaffen als Musiker.

Versucht ihr auf Tour, die Atmosphäre und das kreative Leben einer Stadt aufzusaugen? Oder bekommt man davon zu wenig mit?

Matze: Bei mir geht das nur, wenn wir einen Off-Day haben. Sonst habe ich da keinen Kopf für, und meistens mit dem Soundcheck auch genug zu tun. Aber wenn es möglich ist, genieße ich das sehr.

Auf Tour ist es mit dem Schlagzeug sicher ähnlich wie bei mir vorhin als Umzugshelfer: Es nervt, dass man so viele Teile schleppen muss, die auch noch sperrig und empfindlich sind. Als Provokation: Wann macht ihr es euch endlich bequem und startet Me And My Drumcomputer?

Charlotte: Bequem? Das ist ja der völlig falsche Ansatz! Wenn man es bequem haben will, sollte man nicht Musiker werden. Eine Band zu haben, hat natürlich auch seine komfortablen Seiten. Es ist sehr angenehm, dass man sein eigener Herr ist. Das ist uns beiden sehr wichtig, daraus ziehen wir viel Kraft und Inspiration. Aber das Musikerleben ist natürlich auch anstrengend und aufreibend. Dass man auch körperlich gefordert wird, finde ich dabei noch am wenigsten schlimm. Es ist fast ein bisschen geil, wenn man richtig anpacken muss, Treppen rauf, Treppen runter, mit dem ganzen Krempel.

Im Interview und im Konzert sind Matze und Charlie ein Herz und eine Seele. Foto: Sinnbus/Olga Kessler

Im Interview und im Konzert sind Matze und Charly ein Herz und eine Seele. Foto: Sinnbus/Olga Kessler

Ich will ja um Gottes Willen nicht die Hälfte von Me And My Drummer wegrationalisieren. Trotzdem, Matze: Gibt es etwas, das ein Drumcomputer kann und du nicht?

Matze: Klar, ganz viel! Programmierte Beats sind einfach etwas anderes, gar nicht unbedingt besser oder schlechter. Es kommt drauf an, nach welchem Klang man sucht und wie man elektronische und akustische Elemente vielleicht kombinieren kann. So ein schöner 808-Beat ist etwas Unersetzbares! Ich würde nie versuchen, das akustisch nachzumachen. Auf der anderen Seite ist es natürlich ein großartiger Reiz, aus einem Floor Tom und einer Snare mit ein paar Stöcken unendlich viele Sounds herausholen zu können.

Der Trend geht ja zu intelligenten Maschinen: Was könnte ein Drumcomputer denn von dir lernen?

Matze: Nichts, befürchte ich. Alles, was Drumcomputer vom Menschen lernen könnten, beherrschen sie schon. Man kann ja bei Logic [eine Audio-Software] schon einstellen, dass ein Beat ein bisschen Feeling haben soll, oder sich zwischen ternär und binär bewegen, damit er etwas Swing bekommt. Das sind ja Sachen, die man sich beim Menschen abgeguckt hat. Spannender finde ich da eine andere Entwicklung: Bei Ableton [einem weiteren Musiksoftware-Anbieter] geht es neuerdings wohl sogar, dass sich der Click am Drummer orientiert. Die anderen Tonspuren richten sich also nach dem Tempo, das ich vorgebe.

Habt ihr eine Lieblingsband, bei der es gar kein Schlagzeug gibt?

Matze: Ich höre gerade sehr gerne die Young Marble Giants, bei denen ist das so. Elliott Smith hat auch viele wunderschöne Alben ganz ohne Schlagzeug gemacht.

Charlotte: (überlegt lange) Vielleicht Beethoven? (lacht) Der hatte auch keine Drums.

Noch eine Frage zu den Tour-Erlebnissen, diesmal ohne Bezug zu sperrigem Equipment: Hat die Erfahrung, welche Songs oder welche Elemente von The Hawk, The Beak, The Prey live gut funktionierten, auch euer Songwriting verändert? Habt ihr versucht, das zweite Album Love Is A Fridge für den Einsatz im Konzert zu optimieren?

Charlotte: In gewisser Weise hat sich das schon ausgewirkt. Wie hatten eine Phase, da wollten wir bei den neuen Songs richtig aus dem Vollen schöpfen, mit Streichern, Gitarren, Chören und ganz vielen Overdubs. Das haben wir auch gemacht – und dann standen wir im Proberaum und haben uns gefragt: Fuck, wie kriegen wir das jetzt auf die Bühne? Wir mögen es eigentlich nicht, wenn bei den Konzerten ein großer Teil der Musik vom Band kommt, und wir setzen das jetzt auch nur sehr wenig ein. Da mussten wir also andere Lösungen finden, und das hat cool geklappt, finden wir. Manchmal überlegen wir, in dieser Richtung vielleicht noch radikaler zu werden: Wir sollten alle Synthies wegschmeißen, nur noch mit Gitarre und Schlagzeug auftreten und genießen, wie autark man dabei ist, wie echt und spröde sich das anfühlt. Darauf hätten wir als nächstes richtig Bock.

War es nach der Anerkennung für euer Debüt besonders schwierig, den Sound von Me And My Drummer weiterzuentwickeln? The Hawk, The Beak, The Prey wurde ja auch dafür sehr gelobt, dass es so rund war, ein sehr stimmiges, aber fragiles ästhetisches Konzept – so etwas kann man mit neuen Elementen ja schnell zerstören. Ein Dilemma.

Charlotte: Das stimmt. Aber man muss sich bei diesem Dilemma das Zusammenspiel zwischen außen und innen klar machen. Außen ist die Rezeption, sind die Erwartungen. Innen ist die Kunst. Es ist uns wichtig, diese beiden Seiten streng auseinander zu halten. Sonst ist es Kacke – man ist dann gefangen in einem ewigen Freistrampeln aus Fesseln, die dir irgendjemand anlegt oder die du dir vielleicht auch selbst anlegst. Das ist fürchterlich, da erstickt man. Wir wollen uns völlig auf das Innen konzentrieren. Die Handschrift des Songwritings, die Stimme, wie ich mit Liedern umgehe – das ist in sich immer ähnlich, weil immer ich dahinter stehe. Und genau auf diese Weise entsteht ja schließlich auch ein Charakter und damit vielleicht das, was die Musik ausmacht, auch nach außen hin. Matze hat das neulich gut formuliert: Die Band ist verdammt noch mal dazu da, dass man machen kann, was man will. Wir wollen auf keinen Fall Dienstleistungs-Pop machen.

Love Is A Fridge ist im Februar erschienen. Gibt es ein Vierteljahr später etwas, das ihr daran gerne ändern würdet?

Charlotte: Ja, das gibt es schon. Aber ich will nicht verraten, was es ist. (lacht)

Matze: Es gibt immer solche Entscheidungen, die man im Nachhinein vielleicht anders getroffen hätte. Das Gute ist: Wir wissen, warum wir uns wofür entschieden haben. Wir haben das damals sehr bewusst gemacht und uns sehr lange damit beschäftigt. Du weiß eben immer nur so viel, wie du in diesem Moment weißt.

Letzte Frage: Tauscht ihr manchmal die Rollen, mit Charly am Schlagzeug und Matze als Sänger?

Matze: Ich bin sicher, Charly könnte Schlagzeug spielen, wenn sie es will. Es ist unfassbar, wie schnell sie neue Instrumente lernt! Aber ich will lieber nicht singen. Vielleicht höchstens ein bisschen mitzusingen, eher leise. Oder wir trommeln beide und singen beide. Richtig laut.

Charlotte: Oh ja!

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