Interview mit Roxette

Per Gessle und Marie Fredriksson sind nach zehn Jahren Pause zurück.
Per Gessle und Marie Fredriksson sind nach zehn Jahren Pause zurück.

For English speaking fans: Thanx for your interest. In case the translators do not work too well: This interview is now available in English (as five single videos with German subtitles) on German website www.news.de, where you can also vote for Roxette’s best album ever: http://www.news.de/medien/855128112/im-radio-klingt-heute-alles-gleich/1/

Vor dem Auftritt von Roxette bei Wetten Dass habe ich Per Gessle zum Interview in seinem Hotel in Leipzig getroffen. Beim Track-by-Track zum neuen Album Charm School schweiften wir natürlich auch ein bisschen ab. Und so erfuhr ich, dass die Setlist für die anstehende Tour noch nicht feststeht, ein Lied auf Charm School schon 1984 entstanden ist – und Per auch dann nicht über Lena Meyer-Landrut lästern möchte, wenn die Roxette vielleicht in der kommenden Woche den Spitzenplatz in den deutschen Albumcharts wegschnappt.

Hallo Per! Gestern ist Charm School erschienen, das erste neue Roxette-Album seit zehn Jahren. Ich würde gerne ein Track-by-Track mit Dir machen, also alle Songs des neuen Albums nacheinander durchgehen. Sicher finden wir dabei auch ein paar Anknüpfungspunkte, um über die Geschichte und die Zukunft von Roxette zu sprechen.

Gessle: Okay.

Track 1: Way Out macht den Auftakt auf Charm School. Ein Lied, das für Roxette-Verhältnisse recht heavy ist. Das wirkt wie ein Signal: Wir sind wieder da, und zwar mit voller Kraft. War das euer Ziel?

Gessle: Eigentlich nicht. Wenn ich ein Lied wie Way Out hinbekomme, bin ich zunächst immer extrem glücklich. Denn es ist ein ganz simpler Song – und gerade diese Einfachheit ist meistens besonders schwer hinzukriegen. Wenn man beim Komponieren gezielt versucht, diese Leichtigkeit zu erreichen, dann sind die Ergebnisse meistens Mist. Aber ein paar Mal in meinem Leben hatte ich das Glück, so ein Lied richtig gut hinzubekommen. Und Way Out ist auf jeden Fall eines davon. Wir wussten schon sehr früh, dass es das erste Lied auf dem neuen Album werden würde. Denn als Auftakt haut das richtig rein. Wir waren aber eine ganze Weile unschlüssig, wie der Anfang des Liedes klingen sollte. Deshalb haben wir da die Maultrommel eingebaut. Das soll ein bisschen das Country-Feeling des Sounds verstärken. Was außerdem toll ist an Way Out: Es ist wirklich kurz, und es klingt großartig, wenn man es im Auto hört.

Trotzdem möchte ich auf einen Widerspruch hinweisen. „Wenn es eine Sache gibt, die den Sound von Roxette definiert, dann ist es die Stimme von Marie“, hast du einmal gesagt. Jetzt feiert ihr mit Charm School euer Comeback – und Maries Stimme ist auf dem ersten Lied des Albums fast gar nicht zu hören.

Gessle: Das stimmt. Andererseits war es bei all unseren Alben so, dass ich den ersten Song gesungen habe. Das liegt auch daran, dass sich unsere Arbeitsweise und unser Selbstverständnis ein bisschen geändert haben. Das Grundprinzip von Roxette war eigentlich immer: Ich komponiere, Marie singt. Aber mittlerweile gibt es eigentlich zwei verschiedene Roxettes. Wenn ich singe, ist das die eine Variante, wenn Marie singt, ist es ein ganz anderes Roxette. Wir probieren im Studio meistens ein bisschen rum, welches Lied zu welcher Stimme passt. Es kommt auch vor, dass Marie einen bestimmten Text von mir lieber nicht singen will oder dass sie meint, ein Song habe nicht die richtige Atmosphäre für sie. Da ist sie ziemlich eigen, aber sie hat natürlich gute Gründe dafür. Bei Way Out wussten wir einfach: Das Lied muss von mir gesungen werden.

Track 2: No One Makes It On Her Own. Eine wunderschöne Ballade, die natürlich eine Liebesgeschichte erzählt. Aber es gibt auch eine interessante Zweideutigkeit. Denn man kann den Titel des Lieds auch auf Maries schwere Zeit der Genesung nach ihrem Hirntumor beziehen.

Gessle: Du hast Recht. Aber als ich den Song geschrieben habe, war mir diese Parallele gar nicht bewusst. Ich habe eine Demo-Version davon aufgenommen, nur mit Gesang und einer Akustikgitarre. Ich mochte den Song sehr, und auch unseren Produzenten Clarence Öfwerman und Christoffer Lundquist gefiel er gut. Wir waren uns einig: Dieses Lied ist wie maßgeschneidert für Marie. Aber erst, als sie das Stück dann im Studio zum ersten Mal sang, erkannte ich plötzlich: Sie singt über ihr Leben, über das, was sie durchgemacht hatte. Ich war leider nicht so schlau, das schon im Hinterkopf zu haben, als ich den Song geschrieben habe (lacht). Aber dieser Aspekt ist es letztlich, was No One Makes It On Her Own jetzt so stark macht. Man ist wirklich berührt, wenn man den Song hört. Marie singt fantastisch. Ihre Stimme hat jetzt so eine ganz besondere Verletzlichkeit, etwas Rohes. Das wollten wir unbedingt bewahren, auch bei anderen Liedern. Deshalb haben wir den Gesang auch nicht im Nachhinein noch im Computer bearbeitet, wie das viele andere Künstler tun. Wir wollten es so lassen, wie es live klingt. Weil es so bewegend klingt.

Marie gibt zurzeit keine Interviews und Du musst die Promotion-Tour für Charm School alleine bestreiten. Wie fühlt es sich an, plötzlich der Pressesprecher für Marie zu sein? Auch wenn man sich seit 30 Jahren kennt, ist es sicher nicht leicht, für jemand anderen zu reden.

Gessle: So sehe ich das auch nicht. Ich spreche nicht für Marie, ich spreche für mich selbst. Es ist einfach so, dass sich Marie momentan bei Interviews nicht besonders wohl fühlen würde. Sie weiß, dass jeder mit ihr immerzu über ihre Krankheit sprechen will, und darauf hat sie keine Lust. Außerdem machen wir für Charm School nicht allzu viel Promotion, denn die Tour geht ja schon bald los.

Track 3: She’s Got Nothing On (But The Radio), die erste Single. Ich denke, dass nicht viele Leute euch eine so frische und gelungene Rückkehr zugetraut hätten. Im Radio ist das Lied schon wieder ein Dauerbrenner, und dort waren Roxette in ihrer ganzen Karriere ja besonders beliebt. Ist das Radio heutzutage, im Zeitalter von Last.fm oder Spotify, im Niedergang?

Gessle: Das ist eine interessante Frage. Ich bin mir nicht sicher, aber ich mache mir mittlerweile auch nicht mehr so viele Gedanken darüber. Natürlich freue ich mich, wenn unsere Single gespielt wird und gut ankommt. Aber es spielt nicht mehr so eine große Rolle wie Anfang der 1990er Jahre, als wir überall in den Charts waren. Damals gab es ständig einen Anruf aus den USA: Könnt ihr von diesem Lied nicht einen Remix machen, der besser in unser Radioformat passt? Wir haben das natürlich gemacht und waren sehr stark involviert in diese ganze Maschinerie. Heute frage ich mich nicht mehr, ob ein Lied nun den Geschmack der Radiomacher trifft oder nicht. Eigentlich gilt das für das gesamte neue Album: Es ist entstanden, weil es entstehen konnte. Marie war wieder in der Lage, mit mir eine Platte zu machen. Und dann haben wir einfach die besten Lieder genommen, die wir hatten. Wir haben uns nicht einmal gefragt, welches Lied sich gut als Single eignen würde, bis das Album fertig war. Wir haben auch noch nicht entschieden, was die zweite Single sein wird.

Hörst du selber noch viel Radio?

Gessle: Es soll ja Künstler geben, die das Radio abschalten, wenn ihre Musik gespielt wird. Bei mir ist es umgekehrt: Ich drehe dann lauter. Ich finde es fantastisch. Gestern wurde ich irgendwo hingefahren, und plötzlich lief Milk And Toast And Honey [eine Single vom Album Room Service aus dem Jahr 2001, Anm. des Autors]. Und ich finde, dass es toll klingt. Es macht mich jedes Mal stolz, wenn unsere Lieder im Radio laufen.

Aber als die beste Quelle, um neue Musik zu entdecken, hat das Radio ausgedient. Nicht nur wegen des Internets, sondern auch, weil es zu berechenbar geworden ist.

Gessle: Das stimmt auf jeden Fall. Vor allem die großen Radiosender setzen viel zu sehr auf ein einziges Format. Ich werde ständig gefragt, warum man Roxette auch heute noch so oft im Radio hört und ob ich das als Bestätigung für eine zeitlose Qualität unserer Lieder sehe. Ich weiß es nicht. Aber ich denke, dass wir eine gewisse Abwechslung bieten. Wenn man heute die Top40 hört, klingt alles gleich. Die Stimmen sind völlig austauschbar, die Songs entstehen alle auf die gleiche Art und Weise. Es ist bloß noch eine einzige große Schablone. Das liegt auch daran, dass die Radiosender nur noch eine ganz bestimmte Art von Musik spielen. Als ich aufgewachsen bin und mir in den späten 1960ern oder frühen 1970ern die Hitparade angehört habe, gab es noch alle möglichen Arten von Musik. Da standen T. Rex neben Gilbert O’Sullivan. Oder Tom Jones neben Led Zeppelin. Es war eine unglaubliche Vielfalt. Dämliche Musik, Gute-Laune-Musik, Hardrock, alles Mögliche. So sollte das sein, aber das Radio entspricht dem heute nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Leute gibt, die nur eine bestimmte Art von Musik mögen. Wenn man ein Musikfan ist, spricht nichts dagegen, dass man Air genauso toll findet wie Erik Satie [Komponist französischer Klaviermusik in der Pariser Moderne, Anm. des Autors]. Warum sollte man also nicht die Musik von Beiden im selben Radiosender hören können? Das habe ich nie kapiert.

Track 4: Speak To Me. Gerade die Strophe hat eine faszinierende erotische Spannung, ein bisschen wie What’s She Like vom Crash! Boom! Bang!-Album. Ist das womöglich ein älterer Song, von dem es schon ein fertiges Demoband gab – und du hast jetzt bloß noch ein bisschen Recycling betrieben?

Gessle: Nein, bei diesem Lied nicht. Speak To Me war sogar eines der letzten Stücke, die ich für das Album geschrieben habe. Big Black Cadillac, Speak To Me und Sitting On Top Of The World sind alle während einer Session im letzten Sommer entstanden. Für Speak To Me habe ich eine ganze Liste von 50 bis 60 Textzeilen verfasst, die alle mit „Speak To Me…“ anfangen, fast wie bei einem Kirchenlied. Letztlich habe ich dann 9 oder 12 davon verwendet. Auf der Demo-Version klang mein Gesang bei der Strophe sehr gut, aber er passte nicht zum Refrain. Deshalb sollte Marie den Refrain singen. Das führte aber zu dem Problem, das es dann oft bei uns gibt: Modulation. Die Tonart, in der Marie am liebsten singt, lässt sich nicht so leicht mit der Tonart zusammen bringen, in der ich am liebsten singe. Bei Speak To Me haben wir das so gelöst, dass der letzte Akkord der Strophe zugleich der erste Akkord des Refrains ist. Wenn man das auf dem Klavier spielt, ist das ziemlich verwirrend. Aber es ist eines meiner Lieblingslieder auf dem neuen Album. Es hat so etwas vom klassischen Roxette-Sound.

Wenn du in diesem Fall nicht auf fertiges Material zurückgegriffen hast: Was waren dann die alten Songs, die du verwendet hast?

Gessle: Only When I Dream. Das habe ich ursprünglich für das Have A Nice Day-Album [1999, Anm. des Autors] geschrieben. In den Neunzigern hatte ich eine blöde Angewohnheit, die Marie und Clarence, unseren Produzenten, wirklich genervt hat: Ich habe extrem viel Mühe in die Aufnahmen der Demos gesteckt und die waren dann immer schon sehr ausgereift. Ich war eben sehr jung und unwissend damals (lacht). Bei Only When I Dream hassten sie das Demo. Das Lied an sich hat ihnen womöglich gefallen, aber die Demo-Aufnahme fanden sie schrecklich. Aus gutem Grund: Heute finde ich das Demo selbst scheiße. Aber wie ich schon gesagt habe: Wir wollten ein klassisches Roxette-Album machen, und deshalb habe ich auch Lieder noch einmal heraus gekramt, die ich früher geschrieben hatte, in den Achtzigern und Neunzigern. Ich wollte mir selbst in Erinnerung bringen, wie diese Lieder funktionieren und ob sich meine Art zu komponieren seitdem vielleicht verändert hat, was wahrscheinlich wirklich der Fall ist. Dabei habe ich Only When I Dream gefunden, und ich fand das Lied spannend. Es schreit förmlich danach, als Duett gesungen zu werden. Deshalb habe ich ein neues Demo aufgenommen, diesmal nur mit Gitarre und Gesang. Das habe ich dann Marie und Clarence als neues Lied verkauft – und sie haben nicht gemerkt, dass ich ihnen das Stück früher schon einmal unterjubeln wollte. Sie hatten das Lied komplett vergessen, und jetzt mochten sie es. Später habe ich ihnen natürlich noch verraten, dass ich es damit 1997 schon einmal versucht hatte. Und es ist jetzt ein Lied geworden, das ganz klassisch nach Roxette klingt.

Wie viele Songs schreibst Du heutzutage noch? Setzt du dir ein Ziel, meinetwegen mindestens zwei Lieder pro Monat?

Gessle: Ich schreibe nur noch auf ein konkretes Projekt hin. Bei Charm School gibt noch sieben oder acht Lieder, die für das Album in Betracht kamen, die wir aber gar nicht mehr aufgenommen haben. Als wir 14 Lieder fertig hatten, haben wir aufgehört. Es sind also noch zwei Lieder übrig, die wir nicht benutzt haben.

Werden die dann demnächst als B-Seiten erscheinen?

Gessle: Eins davon könnte vielleicht eine B-Seite werden. Das zweite ist eigentlich der Titelsong des Albums, Charm School. Das war ein sehr zentrales Lied, als wir mit den Aufnahmen für das Album angefangen haben. Aber wir haben es dann im Studio irgendwie vermasselt. Es gibt zwei Versionen davon, und beide sind ziemlich übel (lacht). Aber wir werden unser Glück mit diesem Lied nochmal probieren, bis dahin bleibt es in der Schublade.

Track 5: I’m Glad You Called. In meinen Augen verkörpert dieser Song den Geist des ganzen Albums. Erfolg ist nicht mehr so wichtig für Roxette. Stattdessen genießt ihr, dass ihr noch einmal zusammen Musik machen könnt, und das Ergebnis kann dann auch ganz entspannt, akustisch und reduziert bleiben.

Gessle: Wir haben vorhin schon darüber gesprochen. Es gibt jetzt diese Verltzkiskjhew (verspricht sich beim Versuch, „Vulnerability“, also „Verletzlichkeit“ zu sagen). Du weißt, was ich meine: Da ist jetzt dieses Ding in Maries Stimme, das so besonders und kraftvoll ist. Deshalb hatte ich von Anfang an die Idee, dass wir ein Lied machen sollten, das nur auf Maries Stimme setzt und auf fast nichts sonst. Bei diesem Lied kommt dazu, dass es von allen Stücken auf dem Album den stärksten Text hat, zusammen mit No One Makes It On Her Own. Ursprünglich hatte ich I’m Glad You Called für mein Party Crasher-Album [2008, Anm. des Autors] aufgenommen, in einer schrecklichen Version, mit einem Drum-Loop und den Stimmen von Helena [gemeint ist Helena Josefsson, die bei den letzten Solo-Projekten von Per Gessle mitgearbeitet hat, Anm. des Autors] und mir im Duett. Diese Version gefiel mir dann aber nicht, deshalb kam I’m Glad You Called dann nicht auf mein Album. Diesmal sind wir einfach zu der Idee zurückgegangen, aus der das Lied geboren wurde: alles ganz akustisch. Wir haben I’m Glad You Called in einem Hotelzimmer in München aufgenommen. Dort waren wir für einen Auftritt bei Night Of The Proms und wir hatten ein Aufnahmegerät dabei und jede Menge Zeit. Das Problem in dem Hotelzimmer war allerdings: Irgendwo im Hintergrund gab es ein blödes Geräusch, wahrscheinlich vom Hotelaufzug. Wir haben das erst später bemerkt, als wir im Studio die Streicher hinzufügen wollten. Deshalb haben wir am Anfang des Lieds dieses Regenprasseln im eingebaut – das soll den Aufzug übertönen.

Track 6: Only When I Dream. Du hast zwar gerade verraten, dass der Song schon älter ist. Trotzdem klingt die Version jetzt sehr zeitgemäß.

Gessle: Vielleicht schließt sich jetzt einfach der Kreis. Bei diesem Lied passte im Studio alles recht schnell zusammen. Aber ich habe bei Only When I Dream auch gemerkt: Solche Lieder schreibe ich eigentlich nicht mehr. Am Ende des letzten Refrains ändere ich auf einmal die Akkorde, es kommt also nochmal ein neuer Refrain nach dem eigentlichen Refrain. Das habe ich in den Neunzigern oft gemacht, heute halte ich die Songs lieber ein bisschen einfacher. Aber dieser Trick hat eine enorme Kraft entwickelt, vor allem, wenn Marie dazu singt. Die Gesangsspuren für die letzten beiden Refrains haben wir auch irgendwo in einem Hotelzimmer während der Night Of The Proms-Tour aufgenommen. Wir haben alles genau so gelassen, denn sie singt es ganz fantastisch.

Only When I Dream könnte auch ein Lied von Take That sein, oder von Amy Macdonald. Welche aktuelle Musik hörst du?

Gessle: Ich interessiere mich kaum noch für die Charts. Wenn du mir jetzt erzählst, was gerade in den Charts ist, kenne ich das meiste davon sicher nicht einmal. Ich mag Air, die haben wir ja schon erwähnt. Merz mag ich gerne und einige von den Sachen, die Iron & Wine gemacht haben. Und das Album von Joan As Policewoman habe ich mir gekauft, das fand ich spannend. Aber mir geht es mit der Musik von heute wohl wie meinen Eltern, als ich noch klein war: Für mich klingt das alles gleich. Scheiße, ich werde echt alt.

Ich habe vor eine Weile mit Paul und Andy von OMD gesprochen. Die waren sichtlich stolz, dass sie jetzt plötzlich wieder als cool gelten, weil sich jüngere Bands wie die Killers oder Hurts auf sie berufen. Wie sieht es mit eurem Image aus? Sind Roxette neuerdings cool?

Gessle: Ich bin mir nicht sicher. Auf jeden Fall bekommen wir jetzt mehr Anerkennung als beispielsweise noch vor fünf Jahren. Das Interesse an Roxette ist wieder gewachsen, und ich freue mich darüber. Und das Hurts-Album hat mir übrigens auch sehr gut gefallen.

Ich mit Per nach dem Interview. Mich hat das Fachsimpeln offensichtlich deutlich mehr erschöpft.
Ich mit Per nach dem Interview. Mich hat das Fachsimpeln offensichtlich deutlich mehr erschöpft.

Gibt es aktuelle Bands, in denen du dein jüngeres Selbst erkennst? Oder die in deinen Augen von Roxette geprägt wurden?

Gessle: Da fällt mir auf Anhieb niemand ein. Es kommt natürlich vor, dass ich eine Musikzeitschrift lese und dann werden Roxette in irgendeinem Zusammenhang als Bezugspunkt genannt. Aber das sind dann meistens Künstler, die ich nicht kenne. Andererseits ist es auch nicht überraschend: Mit dem Erfolg, den wir in den Neunzigern hatten, haben wir eben eine Menge Leute beeinflusst. Ein paar von denen, die damals vielleicht zehn Jahre alt waren, sind jetzt erwachsen und machen selbst Musik.

Track 7: Dream On klingt sehr mellow und ein bisschen altmodisch in der Mitte des Albums.

Gessle: Als ich Dream On geschrieben habe, hatte ich schon eine genaue Vorstellung davon, wie Marie das Lied singen könnte. Sie hat es dann versucht, fühlte sich aber nicht wohl dabei. Trotzdem gefiel ihr das Lied richtig gut, deshalb hat sie gesagt: Per, das musst du machen. Ich habe dann die Strophe ein bisschen verändert und daraus so eine Art Übergangsteil gemacht, damit sie wenigstens noch ein Stück von dem Lied singen kann. Der Rest sind einfach drei Akkorde, ganz klassisch. Dream On könnte fast ein Song von Smokie sein.

Genau auf diesen Vergleich bin ich auch in meiner Rezension von Charm School gekommen.

Gessle: Das leuchtet mir ein. Wir haben auch im Studio darüber gesprochen, dass Dream On mit den zwölfsaitigen Gitarren einfach diese Konnotation bekommt. Ein bisschen klingt es auch nach My Sweet Lord, so einen Sound macht heutzutage eigentlich niemand mehr. Aber ich mag den Refrain sehr gerne, der ist auch während Night Of The Proms entstanden.

Track 8: Big Black Cadillac. Wieder eine eher wuchtige Nummer. Da hört man fast schon heraus, wie sehr ihr euch darauf freut, das Lied bald live spielen zu können.

Gessle: Da bin ich nicht sicher. Ich habe das Lied im 4/4-Takt komponiert. Im Studio haben wir dann 6/8 daraus gemacht. Deshalb ist es für mich eher ein Studio-Lied, weil es dort letztlich erst seine endgültige Gestalt bekommen hat.

Ihr wisst also selbst noch nicht, welche der neuen Lieder ihr während der Tour spielen werdet?

Gessle: Nein, wir haben da noch nichts entschieden. Wir werden jetzt noch eine Woche lang proben und dann schauen, welche Stücke wir bei den Konzerten spielen.

Eine Welttournee nach Maries schwerer Krankheit – das erscheint gewagt. Müsst ihr besonders Rücksicht darauf nehmen, dass sie vielleicht nicht immer in Topform ist? Werden die Konzerte kürzer sein? Oder die Pausen zwischen den Shows länger? Benutzt ihr einen Teleprompter?

Gessle: Die Konzerte werden nicht kürzer sein, wir werden 23 bis 25 Lieder spielen. Aber Marie hat nach ihrer Krankheit nach wie vor Probleme, sich neue Texte einzuprägen. Das fällt ihr wirklich schwer. Deshalb werden wir nicht allzu viele neue Songs spielen. In dieser Hinsicht müssen wir darauf Rücksicht nehmen. Aber es wäre ohnehin eine Greatest-Hits-Show geworden, mit ein paar Überraschungen.

Vielleicht ein paar Lieder von deiner alten Band Gyllene Tider?

Gessle: Nein, da wirst du noch ein bisschen länger warten müssen.

Kommen wir zu Track 9, In My Own Way. Das Arrangement erinnert stark an Crash! Boom! Bang! Es ist also eine der patentierten Power-Balladen von Roxette. Wie ist das, wenn man weiß: Zu meinen Liedern haben sich Leute geliebt, getröstet, verkracht und versöhnt. Sie liefen vielleicht im Hintergrund, als gerade Kinder gezeugt wurden. Das muss ein irres Gefühl sein.

Gessle: Das ist es. Vor allem, weil es überall auf der Welt passiert. Leute in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Religionen und verschiedenen Sprachen sind darin vereint, dass sie unsere Musik mögen. Das ist fantastisch. In My Own Way ist der älteste Song auf dem Album. Ich habe ihn 1984 geschrieben, also vor langer, langer Zeit. Aber ich habe das Lied nie selbst aufgenommen, sondern weggegeben. Ein schwedischer Sänger hat das Lied damals auf seinem Album veröffentlicht, mit einem schwedischen Text. Später gab es davon noch eine Coverversion von einer schwedischen Countrysängerin. Aber beide Lieder haben nicht viel mit unserer Roxette-Version zu tun. Warum es so lange gedauert hat, bis wir das Lied selbst aufnehmen, kann ich mir auch nicht mehr erklären. Eigentlich hätte In My Own Way gut auf das allererste Roxette-Album [Pearls Of Passion aus dem Jahr 1986, Anm. des Autors] gepasst. Denn das Lied war schon fertig, als wir zum Beispiel Neverending Love und So Far Away aufgenommen haben. Vielleicht ist es damals wegen So Far Away rausgeflogen. Denn man braucht nur ein Lied von dieser Sorte für ein Album. Und danach haben wir In My Own Way wohl einfach vergessen. Dabei ist es ein tolles Stück. Es hat so eine angenehme Einfachheit – wenn man die bewahren kann, funktioniert ein Song immer gut.

Track 10: After All. Das ist mein Lieblingslied auf dem Album. Ich finde übrigens, dass er auch ganz gut als ein Lied für Lena passen würde, die deutsche Siegerin beim Eurovision Song Contest. Was hältst du von ihr?

Gessle: Ich weiß nur, dass sie im letzten Jahr gewonnen hat. Und wie ich gehört habe, singt sie in diesem Jahr gerade eine Menge Lieder beim deutschen Vorentscheid. Das finde ich wirklich eine mutige Entscheidung – von ihrem Management, wie ich wetten möchte, nicht von ihr.

Du hast ja selbst einmal dein Glück beim Grand Prix versucht, als du ein Lied für den schwedischen Schlagersänger Lasse Lindbom geschrieben hast. Lief aber nicht so gut…

Gessle: Stimmt. Das war 1980. Wir wurden Letzter. Platz 10 von 10.

Würdest du heute noch Songs für andere Künstler schreiben?

Gessle: Das habe ich schon lange nicht mehr versucht. Das Problem ist: Solange man auch selber Platten macht, haben die eigenen Projekte natürlich immer die höchste Priorität. Wenn ich einen Song wie She’s Got Nothing On (But The Radio) oder No One Makes It On Her Own schreibe, dann möchte ich den natürlich nicht weggeben, solange ich die Möglichkeit habe, ihn mit einem meiner eigenen Projekte aufzunehmen. Deshalb mache ich das nicht mehr. Ich denke, dass Song-Lieferanten vor allem dann gut sind, wenn sie sich wirklich auf die Arbeit für andere Künstler konzentrieren. Unsere sehr erfolgreichen schwedischen Songfabriken sind das beste Beispiel dafür. Wenn jemand wie Max Martin, der übrigens ein wirklich guter Sänger ist, plötzlich seine eigenen Platten aufnehmen würde, würde er sicher seine besten Songs für sich behalten.

Mit vielen Nummer-1-Hits, die er unter für Pink und Katy Perry geschrieben hat, läuft er dir aber auch den Rang als Schwedens erfolgreichster Hitlieferant ab. Gefällt dir, was er macht?

Gessle: Ja, ein paar von den Sachen. Er hat wirklich Talent. Aber seine alten Lieder gefielen mir besser. Dieser Bon-Jovi-Song [It’s My Life, Anm. des Autors] war fantastisch, und auch die frühen Sachen von Britney Spears, die er geschrieben hat. Was er neuerdings macht, klingt ein bisschen zu sehr nach dem immergleichen Rezept. Andererseits verstehe ich sowieso nicht, wie diese Leute arbeiten. Es sind immer fünf oder sechs Leute als Komponisten genannt. Vielleicht macht einer die Drum-Loops, der andere den Bass, der Dritte noch etwas. Keine Ahnung.

Zurück zu After All. In meinen Augen wäre das eine gute Wahl für eine Single, denn das Lied klingt wie ein instant classic.

Gessle: Ich habe das Lied auf der Gitarre komponiert und mich einfach in diese Akkordfolge verliebt, mit ganz vielen Moll-Akkorden im Refrain. Als ich After All dann Christoffer, Clarence und Marie vorgespielt habe, sagten sie sofort: Das klingt wie ein Beatles-Track. Es hat wirklich etwas im Stile von Paul McCartney. Dann haben wir versucht, bewusst auf diesen Sound zu setzen. Die Gitarre sollte klingen wie die von George Harrison in Octopus’s Garden. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich aber noch mit dem Gedanken gespielt, After All nicht auf das Album zu nehmen. Ich hatte Angst, dass es zusammen mit Dream On dann einfach zu altmodisch klingt. Eine Menge Leute haben mir dann aber gut zugeredet und gesagt: Das Lied muss drauf bleiben. Als das Album dann in New York gemastert wurde, war Tom Coyne von Sterling Sound auch ganz begeistert. Er ist dort eine echte Legende und er meinte: „Das ganze Album sollte wie After All klingen. Zehn solche Lieder, und du hast ein Meisterwerk.“ Wahrscheinlich war es also doch nicht so verkehrt, das Lied draufzulassen.

Track 11: Happy On The Outside. Noch so ein Fall, wo der Titel durch Maries Kampf gegen den Krebs eine neue Dimension bekommt.

Gessle: Das Lied ist entstanden, als ich gerade erst das Party Crasher-Album vollendet hatte. Dafür war es also einen Tick zu spät. Ich kann mich noch erinnern: An dem Tag, als ich Happy On The Outside geschrieben habe, spielte ich es gleich Christoffer und Helena vor, um zu sehen, was sie davon halten. Christoffer hatte die Idee, ein mächtiges Phil-Collins-Schlagzeug da draufzupacken. Das fand ich nicht ganz überzeugend. Aber ich habe mich dann an das Lied erinnert, als es um das neuen Roxette-Album ging. Ich konnte mir sofort vorstellen, dass Happy On The Outside gut zu Maries Stimme passt. Das Faszinierende daran ist: Wenn ein Text von einem Mädchen gesungen wird statt von einem Jungen, dann kriegt er manchmal eine ganz neue Richtung. Bei Looking For Jane [ein Lied auf dem Album Room Service, 2001, Anm. des Autors] war das auch so. Als Marie den Text sang, wurde daraus plötzlich ein ganz anderes Lied. Wenn ich es singe, ist es eine Liebesgeschichte. Wenn Marie es singt, geht es um ihre beste Freundin. Mit dem Mittelteil von Happy On The Outside haben wir im Studio ziemlich lange experimentiert. Das ist jetzt fast ein bisschen Symphonic Rock geworden. Clarence und Christoffer lieben so etwas.

Track 12: Sitting On Top Of The World. Das bedeutet: Man hat es ganz nach oben geschafft, thront über allem. Fühlst du dich gerade so?

Gessle (lacht): Ich quäle mich gerade die Treppe hoch, um auf den Stuhl zu kommen (lacht). In gewisser Weise fühle ich mich aber schon so – einfach, weil wir es geschafft haben, dieses Album zu machen. Sitting On Top Of The World ist ein toller Abschluss für die Platte, mit Maries Gesang. Es war eines der letzten Stücke, die wir aufgenommen haben. Wir wollten alles gerne möglichst einfach halten, möglichst reduziert, damit ihr Gesang sich richtig entfalten kann. Ein hübsches kleines Lied.

Wenn du zurückschaust auf 25 Jahre Roxette: Was macht dich besonders stolz?

Gessle: Das ist eine schwere Frage. Wahrscheinlich die Tatsache, dass wir überhaupt den internationalen Durchbruch geschafft haben. Die Chancen darauf sind so gering, denn es gibt da draußen einfach so viel Musik. Heute ist das vielleicht sogar noch schwieriger geworden – und niemand hat eine Ahnung, wo der Schlüssel zum Erfolg liegt. Ich wusste es damals auch nicht. Andererseits erinnere ich mich an die Zeit, als wir Look Sharp! aufgenommen haben [1988, Anm. des Autors]. Damals habe ich zu Marie gesagt: Wenn wir es damit schaffen, dann werden wir für eine lange Zeit erfolgreich sein. Weil wir einfach so viele gute Songs hatten. Das sehe ich heute noch genauso. Wenn ich zurückschaue, dann haben wir mit Roxette ungefähr 50 Singles veröffentlicht, und mindestens 25 oder 30 davon sind Riesen-Songs. Das ist wirklich ein großartiges Oeuvre. Aber wir mussten natürlich erst einmal die Tür aufstoßen, um damit als schwedische Band überhaupt international wahrgenommen zu werden.

Wenn es so schwierig ist, sich duchzusetzen: Würdest du deinem Sohn Gabriel davon abraten, sich als Musiker zu versuchen?

Gessle: Mein Sohn wird bald 14. Wenn er sich entschließt, es mal mit Musik zu probieren, werde ich ihn auf jeden Fall unterstützen und ermutigen. Aber er muss wissen: Seine Chancen auf großen Erfolg stehen nicht allzu gut. Andererseits sollten solche Bedenken auch niemanden davon abhalten, es zu versuchen. Wenn man etwas mitteilen möchte oder ein Talent in sich hat, sollte man sich von so etwas nicht abhalten lassen. Sondern man sollte alles daran setzen – auch, um sich selbst glücklich zu machen. Man weiß schließlich nie, was alles passieren kann. Man weiß nur: Wenn man es gar nicht erst versucht, wird man es auf keinen Fall schaffen.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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9 Gedanken zu “Interview mit Roxette

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