James Joyce – „Dubliner“


Autor James Joyce

James Joyce Dubliner Kritik Rezension

15 Kurzgeschichten aus seiner Geburtsstadt versammelt James Joyce in „Dubliner“.

Titel Dubliner
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1914
Bewertung

Das pittoreske Ufer des Flusses Liffey, die mittelalterlich geprägten Straßenzüge des Stadtviertels Temple Bar, die fast 9 Hektar von St. Stephen’s Green als erstaunliche Oase der Ruhe inmitten des Stadtzentrums – all das sind zauberhafte Orte in Dublin. Sie existierten auch schon, als James Joyce noch dort lebte (im St. Stephen’s Green erinnert heute übrigens eine Büste an ihn). Doch so etwas wie Schönheit wollte der irische Nationaldichter hier nie entdecken. Wie Dubliner zeigt, seine erste Prosa-Veröffentlichung, verbindet ihn mit seiner Geburtsstadt allenfalls eine Hassliebe.

1902 ging James Joyce als 20-Jähriger nach Paris, um seinem in Dublin abgeschlossenen Studium ein weiteres anzuschließen. Ein Jahr später kehrte er zurück, weil seine Mutter schwer krank war, hielt es aber wieder nicht lange in Dublin aus und siedelte mit seiner Ehefrau schon nach wenigen Monaten auf den Kontinent über. Triest, noch einmal Paris, und Zürich, wo er 1941 starb, sind die weiteren Stationen seines Lebensweges. In die Pariser Zeit fallen die ersten Entwürfe der 15 Kurzgeschichten, die in Dubliner versammelt sind, 1907 schloss er das Werk ab. Frühe Versionen einige der Texte waren in Zeitungen erschienen (und kamen beim Publikum vor allem in Dublin selbst nicht sonderlich gut an), vielleicht auch deshalb dauert es lange, bis sich ein Verleger für den Band fand, der schließlich 1914 veröffentlicht wurde.

Die Geschichten blicken auf das Leben sehr verschiedener Figuren in Dublin. Es gibt Pfarrer und Dienstmädchen, junge Angestellte und einsame Greise, große Unterschiede in Stand, Alter und Bildung der Protagonisten. Der Plot der einzelnen Geschichten ist stets überschau- und oft sogar vernachlässigbar. Viel wichtiger ist der Blick auf das Innenleben der Menschen. Joyce bezeichnete den Band selbst als die „Bloßstellung der Seele jener Paralyse, die viele für eine Stadt halten“.

In dieser deprimierenden Lähmung findet er das Vereinende zwischen seinen Figuren. Sie träumen von einem besseren Leben, von großen Idealen, Selbstverwirklichung und Glück. Doch sie alle stecken in einem Alltag voller Zwänge fest, nicht zuletzt in der Unfähigkeit, sich von den eigenen Lastern und Schwächen sowie den gesellschaftlichen Konventionen, die sie sich selbst gegeben haben, zu befreien. Mit einem beinahe impressionistischen Blick, der teilweise schon die Herangehensweise des später folgenden Romans Ulysses erahnen lässt, und zugleich einer sehr klaren Sprache spürt Joyce diesem Dilemma nach.

Er thematisiert Geldnot, Alkoholismus, Mistwetter, Katholizismus und Gewalt – und die Fragen, wie das alles zusammenhängt und welchen Anteil die einzelnen Komponenten an der Misere dieser Stadt haben. Somit wird seine Analyse spezifisch für Dublin und Irland, aber auch typisch für die moderne Stadt insgesamt, mit Schmutz und Entfremdung, der Monotonie des Erwerbslebens, der Sehnsucht nach Natur und der Tatsache, dass man selbst in der Hauptstadt ausgerechnet dann keine Anonymität findet, wenn man sie gerne hätte („Dublin ist eine kleine Stadt, jeder weiß, was jeder andere tut“, muss eine der Figuren erkennen).

Immer wieder zeichnet Joyce die Sehnsucht nach, die im Versprechen der Stadt steckt: für andere Menschen da zu sein und mit ihnen eine erfüllende Gemeinschaft zu bilden, sich zugleich aber von ihnen lossagen zu können, um voll und ganz die eigene Individualität zu leben. Keine seiner Figuren erreicht dieses Ziel, vielmehr spüren sie die Enge ihres Lebens in der Stadt nur umso deutlicher, wie etwa diese Stelle zeigt: „Er hatte sich geschafft im Büro, hatte seine Uhr versetzt, sein ganzes Geld ausgegeben; und er war noch nicht einmal betrunken. Wieder kam das Durstgefühl und er sehnte sich zurück in die heiße stinkige Wirtschaft. (…) Es graute ihm davor, nach Hause zu kommen. (…) Seine Frau war klein, hatte scharfe Gesichtszüge, tyrannisierte ihren Mann, wenn er nüchtern war, und wurde von ihm tyrannisiert, wenn er betrunken war. Sie hatten fünf Kinder.“

Nichts wie weg – das war die Schlussfolgerung, die James Joyce (geboren als zweites von elf Kindern) selbst angesichts dieser Verhältnisse zog. „Wirkliche Abenteuer, so überlegte ich, stoßen dem nicht zu, der zu Hause bleibt: sie wollen in der Fremde gesucht werden“, heißt es hier an einer Stelle, bezeichnend für seinen eigenen Lebensweg. Und doch steckt in den Figuren von Dubliner auch ein Element, das Joyce selbst wohl ebenso kannte: das Gefühl, auf seltsame Weise in diese Stadt zu gehören.

Bestes Zitat: „Wenn man Erfolg haben wollte, müsste man fortgehen. In Dublin konnte man nichts werden.“

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