James Yorkston And The Second Hand Orchestra – „The Wide, Wide River“


Künstler James Yorkston And The Second Hand Orchestra

James Yorkston And The Second Hand Orchestra The Wide, Wide River Review Kritik

„The Wide, Wide River“ ist ein Dokument gegenseitiger Bewunderung.

Album The Wide, Wide River
Label Domino
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

„Festivals sind toll. Es ist Sommer, man spielt draußen, man trifft andere Künstler – das ist wie ein Kindergarten für Bands“, hatte mir Adam Olenius von den Shout Out Louds einmal im Interview erzählt, natürlich bei einem Festival. Sein Landsmann Karl-Jonas Winqvist, seinerseits Kopf des Second Hand Orchestras, wird das wohl bestätigen. Denn bei einem Festival in Südschweden traf er erstmals James Yorkston, dessen Musik er schon sehr lange mochte. Er lud ihn prompt zu einer Aftershow-Party im Hotel ein, die dann aber mangels Alkohol und anderer Gäste nicht zustande kam. Stattdessen fragte er seinem Helden praktisch Löcher in den Bauch „über die Musikszene in Schottland und allerlei anderen nerdigen Kram“, wie er erzählt. Yorkston selbst erinnert sich zwar nicht an diesen Abend, sehr wohl aber an einen Auftritt von Blood Music (bei denen Winqvist ebenfalls aktiv war) bei einem Festival in Schottland: „Das hat mir sehr gut gefallen. Sie waren eine zusammengewürfelte Bläser-Pop-Band, die vor allem live sehr einnehmend war. Sie haben fröhliche Musik gespielt, die immer nur einen Schritt davon entfernt war, in sich zusammenzubrechen.“

Aus den Treffen im Band-Kindergarten erwuchs eine jahrelange Freundschaft und gegenseitige Bewunderung und nun mit The Wide, Wide River auch ein gemeinsames Album. Nach einem Auftritt von Yorkston 2019 in Stockholm ging es nämlich kurzerhand ins Studio. „Er hat ein Solo-Set gespielt, dann hat meine Band The Second Hand Orchestra ihn ein wenig für die Zugaben unterstützt. Wir hatten nicht geprobt, aber es hat sich eine besondere Chemie entwickelt, auf die ich gehofft hatte“, erinnert sich Winqvist. Auch hier gibt der Schotte die Komplimente gerne zurück: „Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, dass diese unglaublichen Musiker sich die Mühe gemacht hatten, für einen einzigen Auftritt ein paar meiner Songs einzustudieren“, sagt Yorkston.

Auch die Sessions im Studio, aus denen The Wide, Wide River hervorging, liefern überaus harmonisch. „Mein voriges Album, The Route To The Harmonium, hatte ich weitgehend alleine eingespielt, aufgenommen und arrangiert, auch wenn ich gegen Ende der Sessions ein paar Gastmusiker in mein Studio in Cellardyke eingeladen habe. Ich liebe es, Musik auf diese Weise zu machen. Die Idee hinter den Sessions mit dem Second Hand Orchestra war es, ein gutes Stück von dieser Kontrolle abzugeben, schneller aufzunehmen und mich in die Hände der Musiker zu begeben, die Karl-Jonas mitbringen würde. Vielleicht war das für mich ein bisschen wie eine Befreiung: Die Dinge etwas lockerer angehen zu lassen und sich auf die Ideen und den Enthusiasmus anderer einzulassen“, sagt James Yorkston. Man hört das sehr gut beispielsweise in A Droplet Forms, das einen Effekt hat, der für viele Lieder dieser Platte gilt: Oft klingt es, als würde es unmittelbar in diesem Moment entstehen und sei zugleich uralt. In To Soothe Her Wee Bit Sorrow ist der Bass ungeduldig und sorgt zugleich für Struktur, zwischendurch entwickelt sich ein Dialog zwischen Cello (Emma Nordenstam) und Geige (Ulrika ”Ullis” Gyllenberg), auf all das scheint Yorkstons Stimme fast besänftigend einwirken zu wollen. Das kraftvolle A Very Old-Fashioned Blues wartet mit tollem Harmoniegesang zwischen James Yorkston, Felix Wickman und Cecilia Österholm auf, es geht um Bedauern und Versuchung, trügerische Hoffnungen und schlechten Umgang. There Is No Upside hat etwas mehr Schwung und Dringlichkeit als der Durchschnitt dieser acht Lieder, auch die Stimme (die hier manchmal wie Alex Kapranos klingt) ist präsenter.

Vier der Songs stammen aus der ersten Session in Stockholm, Yorkston und The Second Hand Orchestra kamen dann noch einmal in einem Studio in Göteborg zusammen, da war auch Peter Morén (Peter, Björn & John) dabei, der das Miteinander recht treffend als „An organic, beautiful mess, all moving in the same direction. I loved the experience!” beschreibt. Yorkstons Bilanz fällt ganz ähnlich aus: „Ich wollte keine Anweisungen geben. Jeder sollte sich zutrauen, sein eigenes Ding zu machen, sich in die Musik einzubringen und seinen Instinkten zu folgen. Deshalb habe ich Songs mitgebracht, die einfach zu lernen waren“, erläutert er seinen Ansatz. „Es war perfekt. Die Musiker haben sich mit großer Neugier in die Songs hineingestürzt. Sie kennen sich sehr gut und haben untereinander ein eigenes musikalisches Verständnis entwickelt, das hat den Songs sehr geholfen.“

Ella Mary Leather, das am Beginn von The Wide, Wide River steht, wurde als letzter Song in einer dritten Session aufgenommen, als schon klar war, dass aus dem Material ein Album entstehen würde. Benannt ist das Lied nach einer Songwriterin aus Herefordshire, die Anfang des 19. Jahrhunderts lebte. James Yorkston macht jedoch klar, dass er ihren Namen nur als Tarnung für seine Geschichte nutzt, die mit ihrer durchtriebenen, leicht morbiden Atmosphäre zu Sweeney Todd passen würde – auch weil Streicher und das fast nur angedeutete Schlagzeug für viel Spannung sorgen. Alles in Struggle schwebt, auch der Gesang klingt so vorsichtig, als wolle Yorkston bloß nichts in diesem Klangkosmos beschädigen. Die Gitarre von Peter Morén lässt manchmal an The Byrds denken, dazu kommen die Stimme von Emma Nordenstam, die Leonard Cohen gefallen hätte, Flöten (Lina Langendorf), Streicher und ein quciklebendiger Bass (Daniel Bengtsson). We Test The Beams ist eine wundervoll betrübt-reduzierte Reflexion über Vergänglichkeit.

Der Quasi-Titelsong Choices, Like Wide Rivers entstand, als die Musiker eigentlich schon zusammenpacken wollten. Dann spielte Yorkston ihnen dieses Lied vor und sie wollten es unbedingt noch aufnehmen. Die Stimme von Emma Nordenstam (“An der Musik von James Yorkston beteiligt zu sein, fühlte sich für mich an wie im Auge eines Sturms zu stehen. Er war sehr fokussiert und freundlich und hat uns dazu gebracht, unser Bestes beizutragen“, sagt sie) unterstützt im Refrain, das Resultat ist so wie der Gesamteindruck des Albums: ein wundervoll organisches und intuitives Miteinander.

Das Video zu Struggle fängt gut die spontane und vertrauensvolle Studioarbeit ein.

Website von James Yorkston.

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